Schriftstellerleben - nie arbeiten & für immer leben Print
von Christian Westheide   

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit", sagt Karl Valentin. Und genau das ist das Paradox fast aller Filme über Autoren: Schriftsteller arbeiten nicht, sie leben! Jedenfalls wenn man die im Kino gezeigte Wirklichkeit des Autorenlebens für akkurat dargestellt hält. Autoren tauchen oft als Figuren in Filmen auf. Unglaublich oft. Allein bei meiner zunächst nur oberflächlichen Recherche fand ich über hundert Filme, in denen Schriftsteller - nicht Drehbuch oder Theaterautoren - eine Rolle spielen.

Und doch gibt es kaum Filme, die zeigen, was Autoren arbeiten, wenn sie arbeiten: also Schreiben. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele junge Männer und Frauen Schriftsteller werden wollten, weil ihnen im Kino vor allem eins suggeriert wird: Autoren sind wie Rockstars nur mit mehr Hirn, leben intensiv und haben immer Zugang zu Geld, Sex und Drogen. Ihre Arbeit ist aufregend und dabei hochangesehen. Man kann diese Arbeit an den schönsten Orten der Welt betreiben und sichert sich außerdem einen Platz in der Unsterblichkeit. Wer schreibt, der bleibt. What a life!

Alles begann, als vor ein paar tausend Jahren jemand auf die Idee kam, ein Ereignis festzuhalten und dies nicht in Form von Bildchen in Höhlen oder auf Krügen oder Felswänden zu tun, sondern in Form von Zeichen, die in bestimmten Kombinationen bestimmte, immer ähnliche Bedeutung haben. Jahrhundertelang ging es allerdings nur um Götter, Geld und Heldentaten, um Kriegszüge und den Tod von Königen und Ihresgleichen (siehe frühe Keilschriften oder die Hieroglyphen), also nicht um Schöngeistiges an sich, nicht um korpulente Detektive, nicht um Rosenkriege in den Vorstadtvillen, die Liebe zu einem Delphin oder Primäremotionen wie Gier, Trauer, Lust, Hass - all das, was das Leben in Büchern und Film ausmacht. Die Literatur kam viel später. Genau wie das Kino, das auch solche Geschichten erzählt und sich die dazu passenden Charaktere erfindet. Schriftsteller gehören jedenfalls seit dem zu den beliebtesten Protagonisten der Filmgeschichte, neben Kriegern aller Art, Polizisten und unglücklich Verliebten.

Zu viele Autoren zu kleine Welt

Der Mythos um die Arbeit des Schriftstellers im Film weist einige Merkwürdigkeiten auf:

Merkwürdigkeit Nr. 1: Ich habe weit über hundert Filme gefunden, die direkt oder indirekt von Autoren handeln oder in denen ein Autor in tragender Rolle vorkommt. Die Menge der Autoren im Film steht damit in keinem Verhältnis zum Vorkommen von Autoren in der wirklichen Welt, außerhalb des Kinos. Würde man nach der Häufigkeit gehen, mit der Autoren im Kino eine tragende Rolle spielen, im Gegensatz zu beispielsweise Busfahrern, Klempnern oder Kellnern, und würde dann diese Autoren-Flut auf die Wirklichkeit übertragen - unsere Welt wäre eine andere; kaum lebensfähig, allerdings sehr gut dokumentiert. hemingway2
Außerhalb des Kinos gibt es in etwa so viele Autoren, wie, sagen wir, Neurochirurgen oder Jetpiloten - also schon einige, aber nicht so viele, dass man andauernd Filme über sie machen müsste. Wenn es bei der Auswahl der Charaktere im Kino nach Proporz der heutigen Arbeitswelt ginge, müssten wir viele Filme über PR-Heinis, Beamte, Medienfuzzis, Hotlinemitarbeiter, Reinigungs- und Bürokräfte im Kino sehen. Was wir aus verständlichen Gründen nicht tun.

Warum gibt es also so viele Filme über Schriftsteller? Was ist dran an dieser Arbeit? Würde nämlich mal einer nachprüfen, wie viele Autoren entsprechend ihrer Darstellung im Film tatsächlich ein filmreifes Leben führen oder zumindest filmreife Dinge erleben, es wäre eine ernüchternde Statistik.

Das häufige Auftauchen von Schriftstellern im Film hängt natürlich zum einen damit zusammen, dass alle Filme von Autoren geschrieben werden - und wie das nun mal mit solch egozentrisch veranlagten und manchmal gerade zu von sich selbst besessenen Menschen ist: sie denken, reden und schreiben am liebsten über sich selbst. Zum anderen ist der Beruf des Autors zu 90 Prozent nicht spannend, sondern eigentlich sehr langweilig. Aber genau daraus erwächst das Paradox, dass im Kino so viele Abenteuer bestreitende Autoren auftauchen: der am Schreibtisch schwitzende Drehbuchautor hätte gern ein anderes Leben, also erfindet er sich eins. Und so gibt es kaum einen Film über einen Schriftsteller, in dem dieser nicht sexuell hoch aktiv ist und ein Leben voller libidinöser Verlockungen und Eskapaden lebt.

woodya_l Es gibt im Film - und wohl nur da - Autoren, die von Außerirdischen entführt werden, telekinetische Fähigkeiten haben und in aufregende Mordfälle verwickelt werden. Die Schriftsteller im Film trinken, essen, lieben, lachen und sterben exzessiv. Es gibt zahlreiche romanschreibende Singlefrauen und -männer, die zugleich schlau, sexy und humorvoll sind und so gar nicht deprimiert, sondern sehr unterhaltsam auf der Suche nach dem Mr. Right oder ihrer perfekten Gefährtin. Dieses Idealwesen erobern sie natürlich nach einigen Hindernissen und schreiben dann noch ein tolles (natürlich erfolgreiches) Buch darüber. Das nächste Buch schreiben sie dann über die Krise und Trennung vom Idealwesen, wobei der Film damit endet, dass unser trauriger Autor in der örtlichen Eisdiele oder auf einer Lesung einem hübschen Menschen begegnen und dann.... What a life!

Eigentlich unvorstellbar, warum man diesen Quatsch tatsächlich mit dem Beruf des Schriftstellers in Verbindung bringt, einer Spezies, deren Neurosen, Depressionen, Beziehungsunfähigkeit und autistischen, manchmal sozialphobischen Züge sehr gut belegt sind. Was man dagegen im Kino sieht, ist etwas anderes und das bleibt hängen: Aufregendes, immer bewegtes, intensives Leben. Selbst das Arbeitsgerät des Schriftstellers umweht eine romantische Aura: Die Schreibmaschine. Als Autoren noch auf diesen Geräten ihre Geschichten erfanden, da hatte die Literatur auch noch mehr Gewicht, mehr Klasse - meint man. Heute mit den Computern, nein, das ist nicht das gleiche. Weshalb sich die meisten im Film gezeigten Schriftsteller auch der Moderne verweigern und ihre Arbeit an einer schweren, unpraktischen, klappernden Schreibmaschine verrichten. Das ist der Sound und Look von Kreativität und Abenteuer.

Arbeiten? Ach woher - Leben!

Außer der Häufigkeit, mit der Schriftsteller als Figuren im Film vorkommen, fällt noch etwas auf. Und wieder scheinen die Drehbuchautoren Schuld an diesem Zerrbild. Merkwürdigkeit Nr. 2: Wir sehen Schriftsteller im Film so gut wie NIE bei der Arbeit.

Filmautoren, die in ihren Drehbüchern Schriftsteller eine Rolle übernehmen lassen, tun dies vermutlich aus zwei Gründen: zum einen weil es aus ihrer Sicht - allein und isoliert am Schreibtisch - nahe liegt. Es gibt, das sollte gesagt werden, auch sehr viele Romane, in denen Autoren vorkommen oder sogar die Helden der Geschichte sind. Und wie bei den Fantasiefiguren ihrer Drehbuchkollegen, erfinden sich da Schrifsteller meist ein Traumbild ihrer selbst oder sind zu faul, sich mit anderen Berufen als dem eigenen zu beschäftigen.

hours_l Ein Drehbuchautor muss meist dutzende Fassungen eines mitunter banalen Stoffes anfertigen, der von zig Leuten verändert, „verbessert", letztlich zerpflückt wird. Ein Drehbuch wird oft so sehr umgeschrieben, dass von der Ursprungsidee des „Script-Writers" nicht mehr viel übrig ist. Das wurmt jeden kreativ tätigen Menschen und so manchen treibt es zur Verzweiflung - egal was Drehbuchautoren über die „gegenseitig befruchtende Arbeit mit dem Regisseur, dem Produzenten und den drei bis fünf Co-Autoren" erzählen. Sie sind oft genervt! So etwas wie künstlerische Autonomie gibt es beim Film einfach nicht und so wird für den kreativ weitgehend entmündigten Drehbuchautor, der Schriftstellerberuf eine Phantasmagorie: frei, in voller künstlerischer Kontrolle, ohne nervige Meetings mit Produzententussis und dazu Zeit für ein schönes, wildes, abwechslungsreiches Leben. Drehbuchautoren erfinden sich diese hochaktiven, heldenhaften Charaktere, diese schlauen, reflektierten, schönen, exzessiven, wilden Wesen für ihre Filme, weil ihr eigenes Leben so ganz anders, so verdammt normal und ihre Arbeit - obwohl in der Filmbranche - so wenig Glamfaktor und Ansehen hat wie die der Beleuchter. Mal ehrlich, wer kennt mehr als drei Namen von Drehbuchautoren? Ach, Schriftsteller müsste man sein! Die Drehbuchautoren, die Schrifsteller, die Kinozuschauer - alle wollen das glauben.

Und deshalb tauchen auf der Leinwand all diese weiße Leinenanzüge tragenden, trinkenden Autoren-Machos sowie die Frauen verschlingenden Witzbolde auf. Deshalb sehen wir im Kino schriftstellernde Widerstandskämpfer, wir sehen intellektuelle Feingeister, die in Abenteuer aller Art geraten, wir sehen drogenvernebelte Genies, Gammler und Bohemiens, wir sehen Schriftsteller mit übersinnlichen Fähigkeiten und detektivischem Talent, wir sehen glückliche oder tieftraurige, in jedem Fall wunderbar intensiv lebende und fühlende Menschen die dem Ideal der Selbstbestimmung und Freiheit sehr nah kommen. Und das Verrückteste: all diese Figuren scheinen nie zu arbeiten! Diese Tabelle zur Verdeutlichung:

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Diese Liste ist beliebig lang fortsetzbar: während Detektive, Polizisten, Ärzte, Krieger, Politiker, Soldaten - um nur einige der spannenden Filmberufe zu nennen - in Filmen vor allem das machen, was ihr Beruf ist, zeigen Filme über Schriftsteller vor allem eins nicht: Was sie in ihrem Beruf machen. Sie zeigen dagegen, wie großartig oder tragisch Schriftsteller leben, aber keine Arbeit, kein Haareraufen, kein Schreiben, kein weißes Blatt, keine langweiligen Sitzungen mit Lektoren und windigen Agenten, keine Lesungen vor fünf nicht-zahlenden Zuhörern, keine verpfuschten Schreibnächte, deren Ertrag außer dem Kater ein Satz ist, den der Autor am Morgen wieder durchstreicht. Was wäre das für ein Film, der 90 Minuten lang einen veritablen „Writersblock" auf die Leinwand bringt, so wie er sich darstellt:  ein Typ der nicht schreibt und nichts anderes. Das ist so wenig romantisch und ansehnlich wie ein Mann, der sich mit Fußpilz plagt.

„Genie ist 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration", hat Edison angeblich gesagt. Und so ist es besonders verwunderlich, dass man im Kino zwar all diese Schriftsteller-Genies zeigt, dass diese aber nie arbeiten, sondern allein von ihrer Inspiration getragen durchs Leben schweben und dabei reich und berühmt werden oder arm und berühmt an ihrer Kunst zugrunde gehen. Was ja auch schon was ist - jedenfalls aus Sicht eines nach Drama suchenden Drehbuchautors.

Der Autor bei der Arbeit

Sicher, der wichtigste Teil schriftstellerischer Arbeit findet im Kopf des Autors statt und ist deshalb filmisch nur schwer darstellbar. Der produktive Teil, das Tippen, ist unansehnlich und gleichtönig, also auch für's Kino wenig interessant. Am ehesten ist die Darstellung in den von mir gesichteten Filmen bei Deconstructing Harry gelungen, wo man die wirren Geschichten und die Verarbeitung des Erlebten durch den von Woody Allen gespielten Autor Harry Block (!) auch als Bilder, als kleine irre Geschichten, als Filme im Film, zu sehen bekommt. Doch auch in Deconstructing Harry: die eigentliche Arbeit, das Tippen und Denken - ist selten zu sehen.

In Smoke dagegen sehen und hören wir - via dem romantischen Schreibmaschinengeklapper - den Autoren erstaunlich oft arbeiten, was möglicherweise daran liegt, dass der Drehbuchautor von Smoke, Paul Auster, auch Schriftsteller ist und weiß, was das Schriftstellerleben bestimmt: das Schreiben. Und das zeigt er auch im Film. Aber natürlich zeigt er auch und zu allererst - denn es ist ja ein Film - die Dinge, die seine Figur Paul Benjamin erlebt.
Smoke ist aber noch in anderer Hinsicht eine Ausnahme unter den Schriftstellerfilmen: an zwei Stellen werden längere Geschichten von einer Figur als Monolog erzählt. Vor unserem inneren Auge, obwohl wir ja auf der Leinwand den Schauspieler sprechen sehen, entsteht die Geschichte. Wir sehen und hören die Filmfiguren sprechen und sehen weitere fiktive Figuren in unserem Kopf, nämlich die von ihnen beschriebenen - eine Art doppelte Fiktion. Smoke weist so auf die Ursprungstätigkeit und wohl älteste Form der Überlieferung von Geschichten hin und führt zum Kern der Schriftstellerarbeit: Sich Worte ausdenken, um eine Geschichte zu erzählen, auf dass die Bilder in den Köpfen der Leser - in diesem Fall der Kinobesucher - entstehen.

Einen beängstigend genauen, desillusionierenden und wahrscheinlich wirklichkeitsgetreuen Einblick in das Leben eines Schriftstellers houwelandtliefert dagegen ein Dokumentarfilm: Houwelandt von Jörg Adolph. Ein Film über die Entstehung des Romans von John von Düffel mit dem gleichen Titel. Der Autor wird vom Regisseur gefilmt und filmt sich selbst bei den immer gleichen Ritualen: Tee machen, Decke um die Beine und dann an den Schreibtisch. Im Zug sitzen, Texte redigieren, ein bisschen Sport, dann wieder am Schreibtisch - morgens mittags abends - über Monate werden wir Zeuge der unfassbaren Eintönigkeit, Einsamkeit und Routine. Ab und an mal zur Freundin, dann wieder an den Schreibtisch und tippen, tippen. DAS ist Autorenarbeit? Ja, jedenfalls in seiner hollywoodfernen Version. Künstlerische Arbeit ist ernüchternd und banal, wenn all die Fantasien, die Images, die romantische Verklärung fehlen. Exzess bedeutete in Houwelandt eine Weinschorle trinken und am Wochenende ausschlafen. Der Film zeigt einen intelligenten, zielstrebig arbeitenden Mann, der ein calvinistisches Leben zwischen Schreibtisch, Freundin und Sport führt. Anders sähe sie Arbeit bei einem der gerade eine Doktorarbeit über altgriechische Amphoren verfasst auch nicht aus - vom Autorenleben a la Hemingway keine Spur. Am Ende von Houwelandt steht immerhin ein Buch, aber der Weg dahin könnte nicht nüchterner und - ja, langweiliger sein.

Ein klassisches, filmisches Autorenportrait ist dagegen Bennet Millers Capote. Ein Dandy, ein Partyhengst, ein Schönling mit Begabung und Schreibmaschine. Auch dieser Film braucht über eine Stunde, bevor er Truman Capote zum ersten Mal schreibend zeigt. Davor war Quasseln, der kalte Wind und Kleinstadttypen in Kansas, wo der seidenbeschalte Truman wie ein Pfau zwischen Feldmäusen wirkt. Und Notizen macht er sich auch nicht.

capote-5_l Dann nach einer Stunde Film: Cut. Capote steht im warmen Licht der Costa Brava. Man sieht ihn in kurzen Hosen und mediterranem Licht tippen und an Martinis nippen. Ein Jahr lang schreibt er, wie wir durch eine Einblendung auf der Leinwand erfahren, dann liegt neben ihm der Stapel Papier des Manuskripts von „In Cold Blood". Im Film schreibt Capote exakt acht Sekunden. Wunderschön bedient der Film das Klischee: Erst die Arbeit im Feld des Lebens, mitunter etwas mühsame Recherche, aber eben nicht vom Bürostuhl aus und aufgelockert durch Cocktailparties und flauschige Morgenmäntel in Nobelhotels. Und danach wird's sogar noch besser: es folgt das selbstbestimmte, von gelegentlichem Tippen begleitete Leben an einem sehr schönen Ort. Und als das Buch erscheint, Applaus und die nächste Runde Saus und Braus. What a life!

Schriftsteller - Mörder und Hohepriester

Dann wiederum gibt es die Filme, in denen nicht ein Autorenleben verfilmt wird, sondern in denen ein Schriftsteller Abenteuer aller Art besteht: Entführung, Mord, Detektivisches, Geister, Amour fou, Mengage a trois, Entdeckungsreisen, Auftragsmorde, Verschwörungen, Gruppensex, Verfolgungsjagden - was ein normaler Autor, der eigentich fast immer in seinem Zimmer hockt , eben so erlebt. Einer von vielen solcher "Bewährungsprobe für Autoren-Filme" ist The Shining von Stanley Kubrick. Wie in Schriftstellerfilmen üblich sehen wir die Erträge der Arbeit des Autors Jack Torrance (Jack Nicholson) erst im letzten Drittel des Films. Da ist er allerdings längst im Wahn angekommen: neben der Schreibmaschine der Stapel Papier mit dem immergleichen und zu unserem Thema sehr passenden Satz: „All work an no play makes Jack a dull boy." (In der deutschen Fassung nicht halb so gut: „Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf Morgen").
Jack tickt über seine Arbeit und die Einsamkeit im Spukhotel aus. Ok, wir haben Jack im Film auch arbeiten sehen, wenn auch nur kurz. Verbissen hat er wie wir dann erfahren müssen immer wieder diesen einen Satz auf hunderte Seiten geschrieben. Der Autor als Prototyp eines für Wahnvorstellungen - denn wo ist die Grenze zur Kreativität? - anfälligen Menschen und der Text als vollkommen sinnfreier Arbeitsertrag. Nicht ganz sinnlos - denn als Jacks Frau den Text liest, weiß sie, dass sie das Hotel alsbald verlassen sollte. Jack ist also zunächst der typische Schriftsteller, der seine Arbeit überall, z.B. einem Luxushotel, machen kann, weil er wie jeder gute Autor seinen Kopf und seine Olivetti immer dabei hat. Den Kopf verliert er allerdings im Verlauf des Films und endet schließlich steifgefroren und allein im Irrgarten. Was für ein Sinnbild für die Arbeit des Schriftstellers! shining_typewriter
Schriftstellertätigkeit scheint also im Film kaum darstellbar, genau so wenig wie Arbeit eines Mathematikers oder Physikers, der sich beispielsweise Gedanken darum macht, wie unser Universum entstanden ist. Am Ende steht beim Physiker eine Formel, die so einfach wie E = mc2 sein kann, und die er erst nach jahrelangem Denken und Forschen aufs Papier kritzelt - wie den ersten Satz eines Romans. Den Autor bei dem Weg bis zu diesem Satz zu beobachten und erst recht in der Zeit nach dem ersten Satz, ist in den meisten Fällen in etwa so spannend, wie Gene Hackman in Arthur Penns Film „Night Moves" es mal über einen Eric Rohmer Film sagte:  wie „Farbe beim Trocknen" zuzusehen.

Warum wir den Autor fast nie bei der Arbeit sehen hat aber noch einen weiteren, man könnte sagen „spirituellen" Grund: Die Arbeit des Schriftstellers wird von einem Geheimnis umweht. Was ist das nur diese Inspiration? Wie können aus einer Idee Figuren entstehen, die uns manchmal lebendiger vorkommen, als wir selbst es sind? Der Autor ähnelt in dieser Hinsicht dem Hohepriester im Tempel von Jerusalem vor 2000 Jahren: nur er durfte ein einziges Mal im Jahr den allerheiligsten Bereich des Tempels betreten. Laut Überlieferung waren die Römer sehr erstaunt, was sie an diesem Ort fanden, als sie den Tempel zerstörten: nämlich Nichts - nur einen leeren Raum. Gibt es ein schöneres Bild für das Göttliche, als dass es alles ist, was wir uns vorstellen können? Das Höchste ist das, was man nicht sieht und was man nicht begreift und das doch da ist. Für alle jedoch, die es sich NICHT vorstellen können, bleibt es ein leerer, geheimnisvoller Raum.

Übertragen auf die Arbeit des Autors im Film bleibt durch die Aussparung der eigentlichen Tätigkeit und die Unmöglichkeit den kreativen Prozess darzustellen, der eigentliche Schreibakt ähnlich geheimnisvoll und, ja, „gottgegeben" - womit wir wieder beim Genie sind, das doch angeblich zu 99 Prozent aus Transpiration besteht. Nur im Film eben nicht, wo aus der Darstellung von einem läppischen Prozent Inspiration viele, viele Filme geschaffen wurden.

Arbeitsmethoden: Tippen, Ficken, Kippen

Ein schönes Beispiel für den Umgang mit dem Geheimnis des Schreibens liefert der Film Factotum von Bent Hamer. Dort sieht man den Schriftsteller Chinaski (Matt Dillon), eine an Bukowski angelehnte Figur, abends nach einem eintönigen Job als Eisblockzerhacker oder Lagerarbeiter am Schreibtisch arbeiten. Doch die einzige Szene, in der man gewissermaßen in den heiligsten Bereich des Tempels vordringt, wo man tatsächlich einen Satz auf dem Papier lesen kann, wurde herausgeschnitten. Diese Szene findet sich nur im Bonusmaterial der DVD. Ein Hinweis darauf, dass man das Mystische abschwächt, wenn man es zeigt? Die Vorstellung von dem, was da aus dem Kopf aufs Papier fließt und später in die Köpfe der Leser gelangt, ist so in jedem Fall aufregender, als banale Buchstaben und Worte, die man auf einem abgefilmten Papier liest. Der Regisseur von Factotum kam außerdem zu dem dramaturgisch richtigen Schluss, dass es langweilig ist, jemanden in billigen Hotels zu zeigen, eine Pulle Schnaps neben sich, der die halbe Nacht auf eine Hauswand starrt und Zettel vollschreibt. Und so zeigt man ihn saufend und vögelnd und in vielen stupiden Jobs, die aber dadurch geadelt werden, dass Chinaski Schriftsteller ist und über den Scheiß schreibt. Sonst wäre er einfach ein versoffener Loser mehr auf der Welt, von dem die Welt nie erfahren würde.

chinaski_l Wenn Chinaski sich für einen neuen Job vorstellt, sagte er immer, „Ich bin Schriftsteller!", aber er redet nie und mit niemandem über seine Arbeit, seine Geschichten oder seine Ideen. Auch da erfahren wir nichts über die Schriftstellerei. Er redet über Pferdewetten und Frauen, die richtige Schnapsmarke und über Filzläuse. Aus dem Off hören wir die Autoren-Stimme: Er kommentiert, was wir sehen, verleiht den Bildern Bedeutung, indem er sie als Literatur kenntlich macht. Ein Kritiker sagte mal: "Bukowski writes like he fucks", was sich auf die Häufigkeit der Sexszenen und die drastische Darstellung mehr oder minder liebloser Rammelei in seinen Büchern bezog. Der Inhalt seiner Texte und offenbar auch die Art, wie er sie verfasste, passen also gut zusammen - Arbeit und Idee, Inhalt und Form finden zu einander. Factotum ist zugleich verfilmte Literatur wie autobiographischer Bericht eines Lebens, das Chinaski/Bukowski sich entschloss zu führen, um ein Schriftsteller sein zu können. Er musste all diese dämlichen Arbeiten machen, damit er sie schriftstellerisch ver-arbeiten kann. Ein autarker Kreislauf aus Lohnarbeit - Leiden/Genießen/Verarbeiten - Lohnrbeit. What a life!

 „Arbeit" im bürgerlichen Sinne ist damit der Quatsch, den Chinaski machen muss, um Geld für Schnaps und Papier zu verdienen. Und so landet der Film am Ende dort, wo die meisten Schriftstellerbiopics landen: der Künstler als Getriebener, der gar nicht anders kann als Schaffen.

In The Wonderboys spielt Michael Douglas den alternden, kiffenden Schriftsteller Tripp, der an einem College Creative Writing unterrichtet und schon lange nichts mehr zustande gebracht hat. Sein Lektor kommt zum alljährlichen Buchfest und will dabei auch Tripps neues Werk, an dem er seit seinem letzten und einzigen großen Erfolg vor vielen Jahren noch immer „arbeitet", sehen. Das Wochenende verläuft chaotisch, am Ende wird Tripp als Autor wiedergeboren und ein neuer Autor sowie zwei Bücher und ein Kind werden in der Welt sein. Auch hier arbeiten die diversen Schriftsteller des Films so gut wie nie, zehn Sekunden Michael Douglas, dann wird er über der Schreibmaschine ohnmächtig und fünf Sekunden Tobey Maguire, der ein verschrobenes junges Schriftstellertalent spielt. Am Ende geht Tripps Manuskript bei einem Unfall verloren und eigentlich ist er froh drum.

wonderboys1Das Bemerkenswerte an The Wonderboys ist, dass wir zumindest ansatzweise etwas über den Schreibprozess und die verschiedenen Wege, je nach Charakter, erfahren, wie so ein Buch entsteht. Da ist der junge Autor, der die Geschichten nur so rausrotzt und der jedem sein Leben als Teil eines Romans erzählt, seine Umwelt nur als Figuren wahrnimmt und wahrlich entrückt wirkt. Und auf der anderen Seite der arrivierte, im Unisystem versumpfte und drogenverlotterte Autor/Professor, der vor lauter Text und Unentschlossenheit am eigenen Roman, der inzwischen weit über 1000 Seiten umfasst, zu ersticken droht (die Ohnmachtsanfälle). Unter ökonomischen Gesichtspunkten ist die Art wie Tripp arbeitet ohnehin ein Unding, etwas, das jede Unternehmensberatung beim Bereich Effizienz und Produktivität rot markieren würde. Zum Glück wird künstlerische Arbeit noch nicht auf diese Weise bewertet. The Wonderboys versucht sich daran, zu zeigen, warum so mancher Autor eben Jahre braucht und letztlich 1000 Seiten für den Mülleimer schreibt, um dann ein dünnes, aber überwältigendes Bändchen Literatur fertig zu stellen. Nicht weil er nicht arbeiten würde, ja nicht mal weil er faul wäre, eher weil die Arbeit des Schreibens so seltsam ist, dass man leicht darin verloren gehen kann. Der Film ist - vom klassisch überdrehten Autorenimage abgesehen - tatsächlich ein bisschen weise, weil das Leben manchmal ja wirklich so ist wie Tripp es erlebt. "Man muss auch loslassen können" (sagt ein berühmter deutscher Popbarde vor kurzem, als er seine Band auflöste) und dann entsteht Neues. Man muss als Autor etwas hinschreiben und es irgendwann weggeben. Diese beiden Aktivitäten scheinen die größte Herausforderung schriftstellerischer Arbeit zu sein.

Alles ist Arbeit

Schreiben macht Arbeit. Aber ist Schreiben die Arbeit des Schriftstellers? Nach der Analyse der erwähnten Filme zu urteilen nein. Das Tippen, das Literatur entstehen lässt, wird nicht gezeigt. Diese Tätigkeit ist so langweilig anzusehen, dass sich im Film die Darstellung eines Schriftstellers darauf konzentriert, das ausschweifende Leben des Autors zu zeigen und nicht die Arbeit, die ihn erst zum Schriftsteller macht. Für den Calvinisten oder den Unternehmensberater hat die Art, wie die allermeisten Schriftsteller arbeiten, ohnehin mit Arbeit nichts zu tun: zu wenig Struktur, zuviel Untätigkeit, zuwenig Ertrag, zuviel Ausschuss. Schaut man sich typische Schriftstellerfilme an, kommt man zum gegenteiligen Schluss: Im Grunde ist für einen Künstler das ganze Leben Arbeit, er hat nie Feierabend. Arbeit ist damit auch alles, was nach Vergnügen aussieht: Saufen bis zum Verlust der Muttersprache, ausschweifendes Leben an den wunderbarsten Orten, Sex und Beziehung in allen Farben und Formen, Kneipenschlägereien, Gabelstaplerjobs, das Liebesgeflüster im Dunkeln einer Sommernacht, das erste graue Haar bemerken, Fremdgehen und es verheimlichen und natürlich alle Niederlagen und Verluste sowie Depression und Einsamkeit - einfach alles. Denn aus all dem Fühlen, Sehen und Tun kann der erste Satz eines Romans, die erste Zeile eines Gedichts erwachsen.

Man sollte nur eines nicht tun: einen wirklichen Autor kennenlernen oder gar selbst einer werden - dann wird einem die Darstellung der Schriftstellerrbeit im Kino in etwa so zutreffend vorkommen wie einem Nasa-Piloten Han Solo und Captain Kirk. Wenn man aber den Blick auf die Wirklichkeit vermeidet, und das sollte man sowieso so oft wie möglich tun - darum gehen wir ins Kino - dann ist das eine absolut einmalige Arbeit und das damit zusammenhängende Leben das Tollste, was einem passieren kann. Und verdammt noch mal - etwas MUSS doch dran sein, sonst gäbe es nicht so viele Filme über diese Spezies mt dem schillernden Namen: Schriftsteller. Die Kammer im Tempel ist prall gefüllt mit allem, was man sich vorstellen kann. Da bin ich sicher. 

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