| Wolken ziehen vorüber |
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| von Elvi Plitt | |
Arbeit und Arbeitslosigkeit in Filmen von Aki KaurismäkiZwar ist Arbeitslosigkeit ein allgegenwärtiges Phänomen in fast allen Industriestaaten, im Kino führt dieses Thema jedoch immer noch eine Randexistenz. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Zu trist und frustrierend scheinen die Geschichten, die über sozialen Abstieg, wachsende Alltagssorgen, Armut und Perspektivlosigkeit erzählt werden könnten. Dennoch hat der finnische Regisseur Aki Kaurismäki Arbeit und Arbeitslosigkeit schon früh immer wieder zum Inhalt seiner Filme gemacht. Dass es ihm dabei gelingt, trotz der deprimierenden Thematik immer auch einen Hauch von Komik einfließen zu lassen, macht den besonderen Reiz seiner trockenen Katastrophenbeschreibungen aus, die sich weit abseits von Sozialarbeiterattitüde und moralisierender Schuldzuweisung bewegen. Kaurismäki geht es nicht darum, die Wirklichkeit realistisch abzubilden. Er will ganz bewusst Geschichten erzählen, die auf die Illusion von Realitätswiderspiegelung verzichten. Dies zeigt sich in jeder Einstellung seiner Filme, die exakt durchgestylt sind. Schon allein die äußerst knappen Dialoge, die seine wortkargen Helden von sich geben, erinnern den Zuschauer daran, dass hier eine sorgfältig inszenierte Story erzählt wird, die zwar Bezüge zur Wirklichkeit hat, aber eben keine Realität ist. Obwohl Kaurismäki in allen Filmen immer wieder lange Sequenzen aus realen Arbeitswelten zeigt, will er kein originalgetreues Bild des heutigen Finnlands zeichnen. Entlarvt werden sollen stattdessen die gesellschaftlichen Mechanismen des modernen Kapitalismus, mit denen der Einzelne unterdrückt und in die Knie gezwungen werden soll. Dabei stellt sich Kaurismäki immer auf die Seite derer, die im Räderwerk einer sich immer rascher entwickelnden Industriegesellschaft als Verlierer übrig bleiben. Seine Hauptfiguren leben am Rande des Existenzminimums, sie haben schon alles verloren und geben trotzdem nicht auf. Kaurismäki sagt dazu in einem Interview: "Irgendjemand muss doch erzählen, in welchem Schlamassel die Menschen stecken und wie sie dennoch ihre Würde wahren. Ich komme selbst aus armen Verhältnissen und weiß, wie die Gesellschaft mit diesen Leuten umspringt. Warum sollte ich denn einen Film über verwöhnte Muttersöhnchen drehen, die nur ein Problem plagt: das richtige Outfit zum Angeben zu finden." Das Mädchen aus der StreichholzfabrikDas "Mädchen aus der Streichholzfabrik" (1989) beginnt wie in ein Lehrfilm über moderne Produktionsmethoden in der Industrie. An einer vollautomatischen Maschinenstraße werden Baumstämme in dünne Scheiben zersägt, zu Platten gewalzt und dann in exakt gleich lange Stäbchen geschnitten. Nach einem Bad in einer roten Flüssigkeit wandern die Stäbchen in genau festgelegten Mengen in kleine Pappschachteln, die wiederum in genormten Verpackungen landen. Diese werden dann automatisch mit einem Etikett versehen. Erst jetzt zeigt die Kamera, dass auch Menschen in die Produktionskette eingebunden sind. Eine blasse, junge Frau steht in einem Arbeitskittel am Ende des Fließbandes und fischt im Takt der Maschine die nicht normgerecht ausgeführten Verpackungen vom Band. Die Kamera beobachtet Iris, deren Namen man erst spät im Film erfährt, bei ihrer monotonen Tätigkeit inmitten der lärmenden Maschinen. Die bedrückende Tristesse der ewig gleichen Handbewegung und die Einsamkeit der Hauptfigur, die bereits über dieser Anfangsszene liegt, bildet die Grundstimmung der weiteren Handlung.
Iris einziger Ausbruchsversuch zeigt auf drastische Weise, wie sehr auch die privaten Verhältnisse von den marktwirtschaftlichen Strukturen des Kapitalismus durchtränkt sind. Heimlich kauft sie sich von ihrem Lohn ein teures Kleid und geht damit in eine Nobeldisko. Der reiche Geschäftsmann, den sie dort kennen lernt, lässt ihr wie selbstverständlich nach einer gemeinsam verbrachten Nacht einen Geldschein auf dem Nachttisch zurück. Iris, die um jeden Preis aus ihrem öden Alltag entfliehen will, ignoriert diese Bezahlung und verbringt die nächsten Wochen bei der Arbeit mit romantischen Träumereien von der großen Liebe. Die Affäre hat jedoch ungewollte Folgen und sie wird schwanger. Nachdem die Mutter sie rausgeworfen hat und ihre "große Liebe" ihr in eindeutiger Weise mitgeteilt hat, dass auch von ihm keine Hilfe zu erwarten ist, kommt es zum Wendepunkt in ihrem Leben. Vom passiven Opfer der Verhältnisse wandelt sie sich zur grausamen Rachegöttin. Mit Rattengift räumt sie all diejenigen aus dem Weg, die ihr bis dato das Leben zur Hölle gemacht haben. Und obwohl sie in der Schlusssequenz des Films von Polizisten an ihrem Arbeitsplatz abgeholt wird, wirkt dieses Ende dennoch fast positiv. Dies liegt auch daran, dass Iris in dieser Schlusssequenz zum ersten Mal fast stolz mit erhobenem Kopf zu sehen ist. ArielAls Mittelstück seiner sogenannten "Proletarischen Trilogie" (bestehend aus "Ariel" (1988), "Schatten im Paradies" (1988) und "Das Mädchen aus der Streichholzfabrik" (1989)) beschäftigt sich Kaurismäki auch in "Ariel" mit den Themen Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg. Genau wie die beiden anderen Teile der Trilogie, ist auch "Ariel" eine bittere Abrechnung mit dem Wohlfahrtsstaat und dessen Verfall. Am Beispiel des ehemaligen Bergarbeiters Taisto zeigt Kaurismäki, wie schnell sich sozialer Abstieg vollziehen kann:
Kaurismäki zeigt am Beispiel von Taisto und Irmeli ohne Betroffenheitsgestus eindrucksvoll, dass es gelingen kann, auch unter härtesten sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen so etwas wie Würde zu bewahren. Wenn Taisto im Schlafsaal des Obdachlosenasyls neben seinem Bett ein gerahmtes Bild aufhängt, dann ist das bei Kaurismäki nicht kitschig, sondern einfach nur beeindruckend. Ebenfalls unvergesslich bleibt die Szene, in der sich Taisto und Irmeli nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht in einem extrem wortkargen Dialog darauf einigen, von nun an für immer zusammen zu bleiben. Souverän spielt der Regisseur in "Ariel" mit verschiedensten Filmgenres. Was mit Industrieaufnahmen als realistischer Arbeiterfilm beginnt, schwenkt mit dem Selbstmord des Vaters kurz zur Sozialstudie, wird dann vom Road Movie zur Liebesgeschichte und endet schließlich irgendwo zwischen Gefängnismelodram und Krimi. Auch der Einsatz der Musik ist genauestens durchkalkuliert. Die alten, traurigen Schlagertexte werden zum Sammelpunkt der unausgesprochenen Sehnsüchte und Wünsche der wortkargen Hauptfiguren und ersetzen ihre verbale Kommunikation. Wolken ziehen vorüberAuch in "Wolken ziehen vorüber" (1996) geht es um Arbeitslosigkeit in Helsinki. Diesmal trifft es zuerst den Straßenbahnschaffner Lauri, der wegen Einsparungsmaßnahmen der Bahn seinen Job verliert. Wenn Lauris Chef die gesamte Belegschaft antreten lässt, um dann durch das Ziehen von Spielkarten zu ermitteln, wer gehen muss, ist dies an Sarkasmus wohl kaum noch zu übertreffen. Auch Lauris Frau Ilona wird entlassen, denn das Lokal, in dem sie als Oberkellnerin gearbeitet hat, wird geschlossen und an eine Fast-Food-Kette verkauft.
Der Mann ohne VergangenheitIn "Der Mann ohne Vergangenheit" (2002) kommt Arbeit sogar ein identitätsstiftender Aspekt zu. Nachdem der namenlose Held kurz nach seiner Ankunft in der Großstadt von einigen Jugendlichen brutal zusammengeschlagen wird, hat er sein Gedächtnis verloren. In einer abgewrackten Containersiedlung am Hafen beginnt er ein neues Leben inmitten von Ausgestoßenen. Seine Erinnerung kehrt erst in dem Moment zurück, als er Männer bei der Arbeit beobachtet. Durch die Geräusche des Schweißgeräts wird ihm klar, dass er früher vor dem Überfall selbst als Schweißer gearbeitet hat.
Das alles wird untermalt von einem unvergleichlichen Soundtrack, einer Mischung aus finnischen Tangos, frommen Heilsarmeegesängen und Rock´n Roll und Blues-Klassikern. Auch die warme, satte Farbgebung trägt zur märchenhaften Stimmung des Films bei. Lichter der Vorstadt"Lichter der Vorstadt" (2006) ist der letzte Teil der mit "Wolken ziehen vorüber" und "Der Mann ohne Vergangenheit" begonnenen zweiten Trilogie Kaurismäkis über den täglichen Überlebenskampf des Einzelnen in einer durch Arbeitslosigkeit und Verelendung geprägten Großstadttristesse. Untermalt durch finnische Schlagermusik erzählt der Film in artifiziellen Bildern vom Lieben und Leiden eines einsamen Junggesellens im heutigen Helsinki.
Kaurismäki legt in "Lichter der Vorstadt" den Fokus auf das Arm-Reich-Gefälle in Helsinki. Während der Wachmann Koistinnen auf seinen endlosen, einsamen Touren durch noble Shoppingcenter den ausgestellten Reichtum anderer bewachen muss, lebt er selbst in einfachsten Verhältnissen. Aber er träumt dennoch unerschütterlich den Traum vom gesellschaftlichen Aufstieg. Mit einer eigenen Sicherheitsfirma will er sich selbständig machen und belegt dazu Kurse in der Abendschule. Jedoch wird ihm schon beim ersten Kreditgespräch mit der Bank klargemacht, dass er in den Augen des Geldinstituts quasi gar nicht existiert. Kaurismäki zeigt die krassen Gegensätze einer Welt, in der Gut oder Böse kaum noch eine Rolle spielen und Werte wie Ethik oder Moral längst jede Bedeutung verloren haben. Ausschlaggebend ist allein das Recht des Stärkeren und selbst Gefühle mutieren hier zum Mittel emotionaler Ausbeutung. "Lichter der Vorstadt" ist ein tieftrauriger Film. Dennoch verlässt man das Kino nicht restlos deprimiert. Getreu dem Motto "Du hast keine Chance, also nutze sie!" bewahren sich Kaurismäkis Figuren trotz aller Niederlagen und Ungerechtigkeiten stets einen kleinen Hoffnungsschimmer. Oder wie es der Regisseur in einem Statement zum Film selbst ausdrückte: "Glücklicherweise hat der Filmemacher den Ruf, ein alter Mann mit einem weichen Herzen zu sein. So darf man annehmen, dass ein kleiner Funke Hoffnung die Schlussszene erleuchtet." Fazit
Auch wenn Kaurismäkis Filme in der Handlung immer wieder märchenhafte Züge aufweisen und die Bilder artifiziell durchgestylt sind, die dar- Frei nach dem Motto des Regisseurs: Das Leben ist kurz und traurig. Freu Dich, solange Du kannst. |