Zeit zu lieben - Zeit zu töten Print
von Tiziana Zugaro   

Ist man die Arbeit los ist man arbeitslos. Und dann? Muss man die Zeit füllen, die man vorher mit Arbeit zugebracht hat. Muss man meist leider auch sehen, woher man das Geld bekommt, das einem vorher die Arbeit eingebracht hat. Muss man sich normalerweise hurtig damit beschäftigen, eine neue Arbeit zu finden. Und muss man vor allem schauen, wer man jetzt eigentlich ist, nachdem der wichtige Ich-Bezug Arbeit weggebrochen ist.

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  Im Film sind Menschen ohne Arbeit meist traurige Gestalten. Gebückt, gebeutelt von dem erniedrigenden Bewusstsein, nicht mehr gebraucht zu werden. Das kann man in verregneten Filmen aus dem verregneten England besonders gut studieren, wo die nüchternen Regisseure des sozialen Realismus die Kamera draufhalten auf das Elend. Aber auch im sonnigen Spanien hat man schon entlassene Werftarbeiter dabei beobachtet, wie sie ihre Montage recht verzagt in der Sonne verbringen. In Hartz-IV-Deutschland mischen sie sich - auf sympathische Art symbolisch aufgeladen - im Schwitzkasten einer Sauna mit dem Rest des Prekariats und gut situierten Politikerinnen-Gatten oder sie verfallen in düsteren Erdgeschosswohnungen im sonst so bunt-wuseligen Prenzlauer Berg der Depression und dem Alkoholismus.

Große Tradition der Depression

Neben England hat auch Frankreich eine große Tradition, was das Zuschaustellen der Brutalität des Kapitalismus und der Rationalisierung angeht - in letzter Zeit machten beispielsweise Laurent Cantets „Ressources humaines" von sich reden, Jean-Marc Moutouts „Violence des échanges en milieu temperé" oder - nun gut, das sind Belgier - die Filme der Dardenne-Brüder. Sie alle beobachten ganz genau, was mit Menschen passiert, wenn sie um eine Arbeit kämpfen müssen, sie untersuchen die Mechanismen des Drucks, der Konkurrenz, des ständigen Sich-Mut-Machens und sie decken die Konflikte auf, die Arbeitslose durchzustehen haben - mit anderen Arbeitslosen, mit der arbeitenden Bevölkerung und mit sich selbst. Das ist gut und richtig und lehrreich, oftmals sind diese Filme auch als Filme interessant anzusehen, aber nach dem fünften in Folge ist man erst einmal bedient.

Er kann aber auch ganz anders, der Franzose: Drei Filme über arbeitslose Menschen im neuen französischen Kino offenbaren Seiten am Dasein der Arbeitslosigkeit, die abweichen vom üblichen Repertoire des Trübeam-Küchentisch-Hängens. Es sind die drei Hauptfiguren, die diese Filme tragen, weil bei ihnen die Arbeitslosigkeit etwas in Gang setzt, was nicht mit den üblichen Erzählschemata konform geht. Der eine - Vincent in Laurent Cantets „L'emploi du temps" - macht einfach weiter wie bisher, obwohl der Job objektiv weg ist, die andere - Marie in Marion Vernouxs „Rien à faire" - verliebt sich erst mal über Klassenschranken hinweg in einen anderen Arbeitslosen, und der dritte - ja, der dritte wird zur effizienten Ich-AG im Dienste der Beseitigung von möglichen Konkurrenten auf den nächsten Job. Der da so konsequent sein Schicksal und das einiger anderer Menschen in die Hand nimmt ist Bruno in Constantin Costa-Gavras sehr schwarzhumorigem Film „Le Couperet" - die Axt, der in Deutschland auch unter dem Titel „Jobkiller" im Fernsehen lief.

 Wie erfrischend anders sind diese Filme, die mal einen anderen Weg gehen - auch wenn dieser alles andere als heiter ist. Unser Hirn dankt es ihnen, weil es überrascht wird, zur Abwechslung mal andere Synapsen aktivieren muss und durch die unerwarteten Wendungen im Arbeitslosen-Plot endlich mal so richtig aufgeweckt wird.

Fast perfekte Mimikry in der Business-Lobby

Vincent, die Hauptfigur in „L'emploi du temps" geht wie gewohnt jeden Tag mit seiner Aktentasche in der Hand aus dem Haus, und macht sich scheinbar auf dem Weg ins Büro. Dabei ist ihm bereits vor einiger Zeit gekündigt worden. Seiner Familie hat er nichts davon gesagt -noch schafft er es, die Fassade aufrecht zu erhalten. Seine Kalkulation: einen neuen Job zu ergattern, bevor er die Arbeitslosigkeit „beichten" muss. Diese beklemmende Situation erzeugt Spannung - wird er auffliegen? - und sie ermöglicht einen ungewohnten Blickwinkel auf die Situation der Joblosigkeit, da sie ja nach außen gar nicht in Erscheinung tritt.

emploidutemps2_l In einer der stärksten Szenen des Films sitzt Vincent in der Lobby eines großen Konzerns, perfekt gekleidet, mit der Aktentasche auf dem Schoß, obwohl er in dem Unternehmen gar nichts zu tun hat. Vielleicht will er einfach nur seine Zeit „bis Büroschluss" absitzen, vielleicht genießt er das Gefühl dazuzugehören. Man weiß es nicht genau. Und tatsächlich scheint es, als ob er sich perfekt in die Umgebung einfügt, quasi in ihr aufgeht. Dann aber wird seine Mimikry jäh durchkreuzt, als ein Portier mit besonders guten Sensoren auf ihn zukommt, und ihn nach einem kurzen höflichen Wortwechsel vor die Tür setzt. Kein eindeutiges oder gar harsches Wort wird hier gesagt, aber dennoch ist klar - Vincent gehört nicht dazu, er muss leider draußen bleiben.

Der Aufwand der täglichen Täuschung steht im Mittelpunkt von Cantets Film. Das Vertuschen der Arbeitslosigkeit wird zu einem neuen Fulltime-Job - besonders als es schließlich darum geht, das Geld für den Lebensunterhalt anderweitig heran zu schaffen. Stillstand und Betriebsamkeit wechseln einander ab, aber mit anderen Vorzeichen, als dies sonst im Arbeitslosen-Film üblich ist. Vincent erzählt seiner Familie irgendwann, er habe einen neuen - noch sehr geheimen - Job bei der UN, und dieser Fantasie-Job scheint ihm in seiner eigenen Vorstellung mehr Freude zu bereiten, als es eine konkrete Arbeit je tun könnte. Die erzwungene Auszeit füllt Vincent mit langen Autofahrten über Land, und in diesem Nirgendwo findet er eine Art von Ruhe und Zufriedenheit, an die er sich wohl gewöhnen könnte. Müsste er eben nicht doch irgendwoher das liebe Geld beschaffen.

Methodisch und präzise gegen die Konkurrenz

 Hektische Betriebsamkeit  steht dagegen im Zentrum von Costa-Gavras „Le Couperet". Wie ein betriebswirtschaftliches „Projekt" in einem Unternehmen geht die Hauptfigur Bruno die Eliminierung seiner potentiellen Konkurrenten um einen neuen Job an. Angelehnt an prototypische Fortbildungskurse für die richtige Bewerbung spult der Papierexperte sein Programm methodisch, präzise und ganz und gar ordentlich ab.

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Auf seine Effizienz - also quasi die Kerben in seinem Revolvergriff - ist er mächtig stolz. Mit fingierten Anzeigen lockt er Bruno seine Opfer aus der Deckung, Arbeitslose wie er, für denselben nicht existierenden Job qualifiziert, und womöglich mit einem Hauch von höheren Chancen auf eine erfolgreiche Bewerbung ausgestattet. Eifrig studiert er die fremden Bewerbungsunterlagen, sortiert um und aus, nur dass seine Tätigkeit in der Personalabteilung die hoffnungsvollsten Kandidaten mit dem Todesurteil bestraft.

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Die detektivische Tour, die Bruno quer durch das Land unternimmt, erschließt dem Zuschauer wiederum ein ganzes Panoptikum an möglichen Formen des Arbeitslosen-Daseins. Da gibt es den fatalistischen Kellner, den depressiven Kaufhaus-Angestellten und den tapfer-optimistischen Anzeigenauswerter. Sie alle sind uns aus früheren Filmen bekannt. Neu ist allein Bruno - die Axt unter den Arbeitslosen, der Mann der das staatliche Mantra des Selbst-Aktiv-Werdens allzu wörtlich nimmt. Die böseste Ironie des Films ist es womöglich, dass unsere Erwartungshaltung -Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe - auf das Unmoralischste enttäuscht wird.

Die Hoffnung auf ein anderes, mögliches Leben

Ist für Bruno die Arbeitslosigkeit eine Zeit zu töten, ist sie für Marie „Rien à faire" der Auslöser um sich zu verlieben. Eine ganze Weile ist die Frau eines Gewerkschafters schon auf der Suche nach einem neuen Job. Auf dem Arbeitsamt kennt man sie bereits als Stammkundin, sehr schüchtern und von vorneherein resigniert. Und dennoch blitzt in den Augen von Valeria Bruni-Tedeschi manchmal ganz unerwartet die Sehnsucht nach einem anderen, möglichen Leben auf.

rienafaire1In den Joblisten des Amtes hat sie eine Stelle gefunden, bei der man auf Rollschuhen Flugblätter verteilen muss. Und schon verjüngt sich Maries Gesicht um gut zehn Jahre, weil sie sich daran erinnert, dass sie in ihrer Jugend mal eine sehr passable Schlittschuhläuferin war: „Das könnte doch Spaß machen", erzählt sie ihrem Mann. Das könnte doch Spaß machen - eine Hoffnung, die Marie offensichtlich in Bezug auf ihr Leben noch nicht ganz aufgegeben hat. Mit ihrem Mann verbindet sie eine rücksichtsvolle aber nicht eben leidenschaftliche Gemeinsamkeit, die Kinder fangen bereits an, ihre eigenen Wege zu gehen.

Da trifft Marie einen anderen Arbeitslosen, Pierre, der zuvor einen schicken Manager-Posten bekleidete. Im normalen Arbeitsleben wären sich die beiden wohl kaum über den Weg gelaufen, aber die gemeinsame Arbeitslosigkeit ebnet die Klassenunterschiede vorübergehend ein. Die beiden verlieben sich, und beginnen eine heimliche Affäre. Das sind die leichtesten, schönsten Szenen im Film, wenn Marie und Pierre losgelöst von allem, was um sie herum so passiert, ihre Verliebtheit genießen, albern sind, längst vergessen geglaubte Gesten der Verführung und Leidenschaft ausprobieren.

Als Marie eine Teilzeit-Stelle als Putzfrau findet, hängt Pierre lieber mit ihr und dem Staubwedel zusammen in den hochherrschaftlichen Villen ab, als sich um seinen eigenen Job zu kümmern. Das Traumartige und Aus-der-Zeit-Gefallene dieser Situation übt einen Sog aus - und man wünscht sich als Zuschauer, es möge ewig so weitergehen. Was es natürlich nicht tut.

rienafaire2_l Der Täuscher, der Killer und die Liebende: sie bleiben im Gedächtnis. Und man dankt es den Filmemachern und den Schauspielern, dass sie uns für ein paar Stunden erlöst haben von dem allzu Berechenbaren und neue imaginäre Räume aufgetan haben. Denn ist man die Arbeit los, muss noch lange nicht klar sein, was als nächstes passiert.

Doch auch in diesen untypischen Arbeitslosigkeitsfilmen ist klar: die Arbeitslosigkeit ist ein Schwebezustand, der zwar Neues zulässt, aber irgendwann beendet werden muss. Und an diesem Wendepunkt sind auch die Fantasieräume, die sich hier auftun, zu Ende. Bruno, Vincent und Marie finden schließlich wieder in einen Platz in der Gesellschaft zurück, der das während der Joblosigkeit Erlebte wie einen Traum erscheinen lässt. Wir werden nicht mehr Zeuge, wie die Figuren sich in der wieder gewonnenen Sicherheit der Verhältnisse zurechtfinden; aber wir teilen mit ihnen das Bewusstsein, dass die Arbeitslosigkeit bisweilen Überraschungen bereit hält, die sich jenseits der Depressionen am Küchentisch abspielen.

 
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