| Die Wüste in uns |
|
| von Christian Westheide | ||||||||
Page 2 of 6
Die Wüste als KulisseDie Wüste ist unter filmästhetischen Gesichtspunkten ein Ort, der großartige Bilder ermöglicht: Sanddünen vor blauem Himmel, eine spiegelebene Fläche, die sich von Horizont zu Horizont erstreckt, mitten drin unterwegs ein Mensch oder eine Karawane; es gibt karge Felsformationen, die glutrot im Sand liegen, vom Wind geformte Sandrippen oder die berühmte Oase inmitten der lebensfeindlichen Umgebung. Die meisten Filme suchen genau diese traditionsreichen Bilder, um die Geschichte der Figuren zu erzählen.
Die Wüste als Drehort ist zugleich Himmel und Hölle für Filmemacher. Die Technik wird beeinträchtigt durch Hitze und Sand, die enormen Distanzen und Strapazen machen die Filme sehr teuer und aufgrund gewisser Unwägbarkeiten wie Sandstürmen oder technischen Problemen zu einem wirklichen Abenteuer. Diese Nachteile sind aber nicht zu trennen von den Vorteilen oder den Möglichkeiten, die die Wüste einem Regisseur bietet: Da das Bild auf der Leinwand flach ist, muss ein Film den Zuschauern immer Anhaltspunkte liefern, damit die Dreidimensionalität der Szene deutlich wird, vor allem in einer selbst mit bloßen Augen kaum fassbaren, endlos weiten Landschaft. Ein Film wird also immer versuchen, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekt des Raums, seine Weite oder Enge und bestimmte Teile innerhalb dieses Raumes zu lenken. Gerade dies ist bei einem Wüstenfilm besonders leicht, weil sich außer den Figuren meist im Raum nichts bewegt und auch nichts anderes außer Sand und Himmel zu sehen ist.
Bewegungen auf der Leinwand sind generell ein wichtiger Faktor bei der Betrachtung von Filmen neben Farbunterschieden, Größenverhältnisse und die Balance bestimmter Komponenten im Bild. Die Fixierung der Betrachter auf diese Aspekte gibt dem Filmemacher die Möglichkeit sie über den zweidimensionalen Raum der Leinwand zu lenken: unvermeidlich erweckt ein sich bewegender Punkt dort unsere Aufmerksamkeit und wir reagieren sehr sensibel auf die winzigste Bewegung innerhalb des Bildrahmens. Um diese Tatsache auszunutzen, gibt es wohl keine bessere Umgebung als die Wüste. Man denke nur an die Szene aus dem Lawrence, in der etwa zwei Minuten lang ein erst fast unsichtbarer Punkt am Horizont auf die im Vordergrund sichtbaren Männer zukommt, die sich nicht bewegen, nicht wissen wer oder was das ist und warten gespannt und schweigend genau wie der Zuschauer. Dann wird, zunächst noch winzig klein, ein Reiter erkennbar und dann fällt ein Schuss. Nur die Leere der Wüste macht eine solche Szene spannend, man steht da mit den beiden Männern, kneift die Augen zusammen und versucht zu erkennen, was auf einen zukommt.
Man stelle sich dieselbe Situation in einer wuseligen New Yorker Straße vor, zwei Figuren haben dem Betrachter den Rücken zugewandt und stehen in der wabernden Menschenmenge - wir wüssten nicht mal, ob sie warten, oder was sie dort tun, könnten den Einzelnen von der Menge nicht trennen, geschweige denn wichtiges von unwichtigem Geschehen.
Der enorme Raum, den die Wüste für Filmbilder schafft, ist zwar auch in Bertoluccis "The Sheltering Sky" und im "The English Patient" vorhanden, wenn auch nicht so dominant und in voller Breite und Langsamkeit in Szene gesetzt wie in "Lawrence of Arabia". Die Schönheit der Leere, die monochrome Sandwüste und darin ein kleiner sich bewegender Mensch, der von der übermächtigen Umgebung fast zu versinken scheint - das macht die ästhetische Kraft dieser Filme aus. Peter O'Tooles strahlendblauen Augen unter dem weißen Turban, wenn er auf einer mächtigen Düne im Wind steht - der Flug von Graf Almasy und seiner geliebten Catherine im Doppeldecker über die wogenden Dünen und die Überblendung auf ein zerknittertes Betttuch - unvergessliche Kinobilder.
|
||||||||
Die hier behandelten Filme sind durchweg aus dem Blickwinkel europäischer Filmemacher und aus der Perspektive westlicher Figuren erzählt, Alle spielen in der Vergangenheit: "Lawrence of Arabia" während des Ersten Weltkriegs, "The English Patient" während des Zweiten Weltkriegs und "The Sheltering Sky" Anfang der 50er Jahre. Der euro-zentristische, romantisch getrübte Blick der drei Filme auf die arabischen Stämme und nordafrikanischen Nomaden und ihren Lebensraum unterscheidet sich kaum von dem Blick, den die dort lange herrschenden Kolonialmächte verbreiteten: fremd, wild, gefährlich, leer.
Die drei Hauptfiguren der Filme würden wohl ebenfalls diese Adjektive zur Beschreibung wählen, ergänzt durch ein weiteres, ihnen besonders wichtiges: Frei.