Die Songs sind der Schlüssel Print
von Steffen Wagner   

Wer hinhört, erfährt mehr über den Dude

Musik im Film ist in Hollywood vor allem Funktionsmusik. In der Regel dient sie dazu, Stimmungen zu verstärken. Wohlige Streicher wenn’s etwas für das Herz sein soll, ein dissonant kratzendes Streicher-Stakkato, wenn es gleich erschreckend oder gewalttätig wird – oder gerne auch irgendeine Soße von Hans Zimmer, wenn es ums Blockbusterkino à la PIRATES OF THE CARRIBEAN oder THE DARK KNIGHT geht. Dann bluten einem hinterher die Ohren, weil der Soundtrack so nervtötend, so pausenlos und vor allem so laut war: Soundtrack als Überwältigungswaffe eben. Natürlich gibt es auch viele positive Beispiele: THE MAGNIFICENT SEVEN wäre ohne die Musik von Elmer Bernstein wohl weit weniger legendär. Ähnliches gilt für TAXI DRIVER mit dem Jazz von Bernard Herrmann oder THERE WILL BE BLOOD mit dem klassischen Score von Radiohead-Mitglied Jonny Greenwood. In allen diesen Fällen wurde, mit positivem oder negativem Ergebnis, Musik extra für den Film komponiert. Aber es gibt noch eine ganz andere Möglichkeit: Man durchstöbert den Fundus von Rock, Pop und Klassik und sucht passende Klänge aus, um dem Film die geeignete Musik zu verpassen. Quentin Tarantino frönt so seit Jahren seiner Besessenheit für Psychedelic, Soul und Obskuritäten der 60er Jahre. Die Coen-Brüder baten 1998 den Musiker T-Bone Burnett für THE BIG LEBOWSKI nach passenden Songs zu suchen. In den Opening Credits wird er dafür als Musical Archivist genannt. In dieser Rolle ist Burnett etwas Überraschendes gelungen: Die von ihm ausgesuchten 31 Songs (in nur 108 Minuten!) entwickeln im Film ein Eigenleben und spannen eine zusätzliche Dimension auf – Welcome to the Musical World of the Dude!

The Songs Make the Man

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Alle Hauptfiguren und sogar einige Nebenfiguren in THE BIG LEBOWSKI haben ihren Theme Song. Der seltsam psychedelisch angehauchte Countrysong Tumbling Tumbleweed von den Sons of the Pioneers aus den 30er Jahren untermalt den nuscheligen Eröffnungsmonolog des Fremden. Dieser Monolog gehört wahrscheinlich zu den verwirrendsten Filmanfängen aller Zeiten. Wie eine Skyline bei Nacht, Aufnahmen von Tumbleweeds (zu deutsch übrigens ruthenisches Salzkraut aus der Familie der Fuchsschwanzgewächse) im Nirgendwo und ein Typ im Bademantel, der eine Milch im Supermarkt kauft, zusammengehören, ist zunächst höchst rätselhaft. Der Song trägt zu dieser Verwirrung auf schönste Weise bei, da er den Betrachter auch noch völlig aus der Zeit reißt. Das Lied taucht später noch einmal auf, wenn der schnäuzerbewehrte Cowboy und der Dude sich unterhalten.

Apropos der Dude (or His Dudeness, or Duder or El Duderino, if you’re not into the whole brevity thing) – er hat natürlich auch seinen eigenen Song: The Man in Me von Bob Dylan. Den hat der Musikarchäologe T-Bone Burnett von dem eher in Vergessenheit geratenen Dylan-Album New Morning aus dem Jahr 1970 ausgegraben. Warum? Mit dem Thema des eine Frau lobenden Liebeslieds hat es wohl weniger zu tun. Jedenfalls macht der Dude nicht den Eindruck, als bräuchte er eine Frau, um den Mann in sich zu entdecken. In den Auftaktzeilen wird allerdings ein Mann beschrieben, der fast alles tun würde und dafür nur wenig als Kompensation haben will. Nun, das passt doch schon viel besser. Der Dude will doch eigentlich nichts weiter, als seinen Teppich zurückzuhaben („It really tied the room together“ beziehungsweise „Der hat das Zimmer erst richtig gemütlich gemacht“). Wirklich charakterisiert wird der Dude aber von den Gesängen der Buckelwale. Mit denen will er sich bei Kerzenschein und einem kleinen Joint in der Badewanne entspannen, als er jäh von den nihilistischen Nazis und ihrem hysterischen Murmeltier (marmota monax) unterbrochen wird. In diesem Gegensatz zwischen Entspannungsmusik und roher Gewalt wird das tragische Schicksal des Dude in nur wenigen Momenten vorgeführt. Der Dude will so gerne wieder sein normales, lockeres, relaxtes Leben wiederhaben. Aber seit Wu auf den Teppich gepisst hat, ist nichts mehr so wie es war. Bevor das Leben wieder im Gleichgewicht ist, muss der Dude den Fall lösen.

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Ebenfalls gleich zwei Songs sind auf den jüdischsten Katholiken der Filmgeschichte gemünzt: Walter Sobchak. Walter ist ja eine Seele von Mensch, aber manchmal etwas unausgeglichen. Als er mit seinen Bowlingschuhen um den Hals und dem Pommeranian seiner Ex-Frau im Käfig die Bowlinghalle betritt, künden verzerrte Gitarren Ungemach an. Beim kurzen Disput mit Smokey –war der Zeh über der Linie oder nicht – drängt sich der Song I Hate You der Monks mit seinem primitiven Beat und seinem erstaunlichen Garage Sound immer weiter in den Vordergrund (oder ist das etwa schon pränataler Punk im Jahr 1966). Gut zum Vietnam-Veteran Sobchak passt Run Through the Jungle von Creedence Clearwater Revival. Schließlich hatte CCR-Sänger John Fogerty mit Fortunate Son und Who’ll Stop the Rain zwei Songs über Vietnam geschrieben und da schien sich Run Through the Jungle einzureihen. Das aber, so sagte Fogerty später immer wieder, ist ein Missverständnis. Walter selbst wird das egal sein. Er selbst sieht schließlich in wirklich allem eine direkte Verbindung zum Vietnamkrieg, eine Macke, die mit dem Dude als bekennendem Pazifisten immer wieder zum Streit führt. Wie immer man Run Through the Jungle auch interpretiert: Als sich Walter entschließt, die Entführer von Bunny Lebowski mit einem genialen Trick zu überlisten und in Tarnklamotten aus dem Wagen hechtet, läuft das Creedence-Tape des Dude im Autoradio und die MG ballert dazu.

Jesus Is a Perfect Pervert

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Mit der richtigen Musik bleibt jeder Auftritt unvergessen. Die Figur des Jesus Quintana taucht nur in zwei Szenen auf und ist vielleicht drei Minuten zu sehen, aber Jesus ist perfekt. Gut, er ist ein Perverser („Eight years old, Dude!“), aber er ist perfekt. Die Frisur, die Klamotten, der Akzent und natürlich die Bowling-Moves. Und diese Moves wären schlichtweg unmöglich ohne Hotel California von den Gypsy Kings. Vielleich ist der Song peinlich, eigentlich ist er das ganz sicher, aber für Jesus kann es keinen besseren geben.

Doch Burnetts Genie reicht noch viel weiter. Dass er den echten Lebowski mit Mozarts Requiem in d-moll in den Westflügel schickt – geschenkt. Dass das Pornosternchen Viva Las Vegas von Big Johnson auf der Autofahrt trällert, ist ein ganz netter Brüller (Pornosternchen – Big Johnson, kapiert? Haha!), aber wirklich schwer wird es, wenn es darum geht, Maude Lebowskis vaginale Kunst („The word itself makes some men uncomfortable – vagina“) zu vertonen! Er schafft auch das und zieht den Walking Song von Meredith Monk aus dem Ärmel, einer avantgardistischen Vocalperformerin, Komponistin und Filmemacherin. Ähnlich inspiriert geriet die Musikauswahl für die Szene, in der die nackte Hippie-Dame in die Luft geschleudert wird: Während weibliche Formen ungehemmt von der Schwerkraft schweben, erklingt Yma Schumas Ataypura. Die ätherischen Töne der Sängerin, die angeblich über eine Reichweite von mehr als vier Oktaven verfügte, illustrieren perfekt die Leichtigkeit holder Weiblichkeit. Und wenn wir schon beim Nackten sind: Den Film im Film, also den Porno LOGJAMMIN‘ mit Karl Hungus in der Hauptrolle („Meine Dispatcher says, there’s something wrong with Deine Kabel“), unterlegt Burnett mit dem jazzigen Traffic Boom des italienischen Filmkomponisten Piero Piccioni.

Porno, Drugs and Rock 'n' Roll

Den Höhepunkt erreicht der Soundtrack, wenn der Dude auf einen ausgedehnten Trip geht, nachdem ihm Pornoproduzent Jackie Treehorn eine stark psychedelische Substanz in den Weißen Russen gekippt hat. Da erklingt zu einer surrealen Bowling-Sequenz inklusive eines acht Meilen hohen Schuhregals nebst Saddam Hussein als Tresenkraft Just Dropped in (To See What Condition My Condition Was In) von Kenny Rogers and The First Edition. Dass Kenny Rogers, der solch üble Akustikverbrechen wie Lucille (hat nichts mit Little Richard zu tun) und Laura aufgenommen hat und dessen neuestes Album The Love of God heißt, 1968 einen Hit mit einem wirklich coolen psychedelischen Drogensong hatte, das muss man erst einmal im Gedächtnis haben.

Burnetts Ideenreichtum kennt keine Grenzen. Er schafft auch für kleine Szenen musikalische Kommentare, die oft den Witz des Geschehens noch verstärken, wenn der Zuschauer nicht nur hinguckt, sondern auch hinhört. So wird der letztlich handgreifliche musikästhetische Disput zwischen dem Dude („I hate the fucking Eagles, man“) und dem Taxifahrer („I’ll kick your ass out!“) durch den Song Peaceful Easy Feeling der kalifornischen Adler konterkariert.

lebowski_ashes.jpgDer wohl herzergreifendste Song des ganzen Films ist Donny gewidmet, und er erklingt zum Finale. Donny hat zwar wenig zu sagen („Shut the fuck up, Donny, you’re out of your element!“) aber er ist ein guter Freund, ein fähiger Bowler und ein passionierter Surfer. Sein viel zu frühes Hinscheiden wird in den letzten Szenen mit der großartigsten Coverversion des Stones-Songs Dead Flowers gewürdigt, die es je gegeben hat: Townes van Zandt bittet Little Susie:

And you can send me dead flowers every morning
Send me dead flower by the mail
Send me dead flowers to my wedding
And I won't forget to put roses on your grave.


Nun wird es schwer sein, für Donny tote Blumen zu hinterlassen. Seine Asche ruht ja im pazifischen Ozean, beziehungsweise ist im Bart des Dude hängengeblieben, aber rührend ist diese letzte Ode an den Freund allemal. Und so klingt ein Film, der vor allem sehr, sehr komisch ist, sehr, sehr besinnlich aus. Auf die etwas seltsame Country-Pop-Version von Viva Las Vegas, gesungen von Shawn Colvin, die im zweiten Teil des Abspanns noch nach Dead Flowers läuft, sollte man lieber verzichten. Sie ist eine seltsame Fußnote und der Trauer über Donnys frühen Tod völlig unangemessen.

Let’s go bowling!