NY-Kolumne Print
von Sascha Just   

Der Klang der des Aufbruchs

New York klingt in diesem Winter nach Occupy Wallstreet. Vielleicht liegt es daran, dass ein Melodram über schwarze Hausangestellte in den Südstaaten während der Bürgerrechtsbewegung die Menschen einfach nicht in die dunkle Flimmerwelt lockt. Das Kino auf der Upper East Side, wo ich mir THE HELP antue, war jedenfalls fast leer. Die paar Gestalten, die sich eingefunden hatten, waren jedoch ganz fröhlich bei der Sache. Besonders das ältere Pärchen hinter mir - die beiden erläuterten sich den Film während der Vorstellung lautstark gegenseitig. Ich dagegen habe mich in meiner weißen Haut so richtig unwohl gefühlt. Und zwar nicht so, wie wenn ein Film dem Publikum den Spiegel vorhält und man sich der eigenen Privilegien, die mit europäischer Herkunft einhergehen, schämt. Ich habe vielmehr Fremdscham für die Macher dieses seichten Werkes empfunden, weil sie das Kernproblem von Apartheids-Systemen in den verkorksten Persönlichkeiten einiger schrill nölender Society Ladies anlegen wollen. Damen, die wir in ihrer nutzlosen Hysterie wohl belächeln sollen, obwohl sie doch eigentlich mit ihrem hartem Hierarchiebewusstsein eine Gefahr für jede zivile Gesellschaft darstellen.

Gibt es auch Handlung in THE HELP? Aber ja, und dazu gut gemeinte: In einer Kleinstadt im tiefen Süden vor gar nicht allzu langer Zeit trifft sich ganz im Geheimen eine junge weiße Schriftstellerin mit Angestellten, der sogenannten "Help", und verarbeitet deren erniedrigende Erlebnisse in Häusern der weißen Oberschicht in einem Buch. Erstmal ist es ja keine schlechte Idee, nach Jahrzehnten der Unterdrückung, den Stimmen der Bediensteten Gehör zu verschaffen. Leider werden sie in THE HELP nur durch das Sprachrohr der weißen Autorin gefiltert, die auch prompt mit dem Buch im Norden der USA Karriere macht, während die Bediensteten bleiben, wo sie schon seit ewigen Zeiten festsitzen. Schwarze Frauen in THE HELP dürfen von der Zukunft träumen, aber bleiben dennoch bloß Mammies mit albernen Rachegelüsten. Und schwarze Männer? Entweder sind sie tot oder misshandeln ihre Frauen - das kennt man ja. Der Klang einer möglichen neuen Ära verhallt im Bedürfnis der Filmemacher, Dissonanzen des Systems glatt zu bügeln. Dass THE HELP gerade jetzt in den Kinos läuft, da Troy Davis in Georgia trotz massiver Proteste gegen die Prozessführung hingerichtet wurde, scheint mir weniger Zufall als tragischer Hinweis darauf, dass die Südstaaten es sich mit ihrer Geschichte und deren Aufarbeitung zu leicht gemacht haben.

Da Hollywood - ein Wunder ist es bestimmt nicht -die Melodie des Umbruchs wieder mal verkennt, gehe ich direkt zur Quelle. Genauer zum Living Theatre auf der Lower Eastside, wo Mitstreiter des altbewährten Protestensembles sich die bewegten Karrieren des Gründerpaares Judith Malina und Julian Beck im hauseigenen Dokumentarfilm SIGNALS THROUGH THE FLAME: THE CHRONICLES OF THE EARLY LIVING THEATRE ansehen. Mundtod machen ließen sich die beiden Theatermacher nie. SIGNALS THROUGH THE FLAME ist eine filmische Anleitung zum friedlichen Widerstand. Ohne Rücksicht auf Verluste spielte, tanzte, sang, und redete das Malina-Beck-Team ihre Meinung dem Publikum entgegen, wurde bei Sit-ins verhaftet, aus ihrem Theater vertrieben, nur um gleich wieder mit neuen Stücken der Rebellion aufzuwarten. Judith Malina schaltet und waltet noch immer in ihrer Wohnung über dem Theater; Julian Beck starb 1985, kurz nach dem letzten Interview für SIGNALS THROUGH THE FLAME.

Dieses letzte Interview fand in der Küche von Beck und Malina in Italien statt, wo das Living Theatre zeitweilig Zuflucht suchte. Beim Möhrenschnippeln philosophierte der überzeugte Pazifist Beck hier darüber, wie Gewalt unser Dasein dominiert: Tonwellen gleich breite sie sich aus und erreiche schließlich jeden. Neu ist diese Erkenntnis nicht, ungewöhnlich vielleicht eher, mit welcher Hingabe Beck gewaltfreies Leben praktizierte. In Krisen wie in Details des Alltags - jeden Tag. Nachahmenswert finde ich das schon, besonders wenn ich an den verbiesterten Herrn im Supermarkt denke, der am Tag bevor Hurricane Irene durch die Stadt heulte, mit dem Einkaufskorb auf mich einschlug. Ich stand zwischen ihm und dem Dosenravioli, mit dem er sich für den Fall der Katastrophe eindecken wollte. Oder wenn ich auf Kinofiktion verzichte und stattdessen die Videos von Occupy Wallstreet samt Tränengas und fliegenden Knüppeln bestaune. Direkt in die Youtube-Röhre rief Princeton-Professor Cornell West die "hood" (also die South Bronx, weite Züge Brooklyns und die nicht gentrifizierten Teile Harlems) auf, an den Protesten teilzunehmen. Einer, der dem charismatischen Professor folgte, war Kanye West - nicht wirklich Teil der hood. Doch wer sich provokativen Rap im Kreise eines menschlichen Mikrofons (einer spricht, die Gruppe wiederholt es im Chor) erhofft hatte, wurde bitter enttäuscht. Mit zusammengepressten Lippen und ernstem Blick drängelte sich Kanye durch die Massen. Merkwürdig und doch effektiv: Durch Kanyes schwere Stille schien der Klang der Demonstration noch viel lauter.