Die Monsterwelten von Universal Pictures Print
von Andreas Curtius   

Monstermäßig vertraut: Universal Pictures Traumwelten

Die Universal Studios produzierten in den 1930er und 1940er Jahren eine Unmenge an Monsterfilmen. Sieht man sich diese Streifen heute an, so begibt man sich auf eine Reise in eine versunkene Welt - eine Welt der verrückten Wissenschaftler und wahrsagenden Zigeunerinnen, mit Dracula, Frankensteins Monster, dem Werwolf und fackelschwingenden Dörflern. Den Filmen liegt immer der gleiche Handlungsstrang zugrunde, jeweils nur in Nuancen verändert. Das Ende ist sowieso klar: Die Bürger des kleinen Städtchens packen erleichtert ihre Fackeln wieder ein, das Monster ist vernichtet, Ende gut...bis es im nächsten Film auf wundersame Weise wieder aufersteht. Dabei erweisen sich Universals Horrorfilme ganz besonders tauglich für einen gemütlichen Samstagnachmittag vor dem Fernseher. Doch was genau ist es, was diese Filme so einzigartig macht?

Der unverwechselbare Universal-Touch

Auch andere Filmstudios produzierten, aufgerüttelt vom Erfolg des Konkurrenten, in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg Streifen nach demselben Muster. Dennoch war nur wenigen dieser Produkte ein solcher Kultstatus vergönnt. Was MGM für das Musical, war Universal für den Monsterfilm. Trotz vieler unterschiedlicher Regisseure schaffen die Universalfilme eine ganz eigene Atmosphäre, die einem sofort vertraut erscheint, in der man sich sicher und geborgen fühlt. Das gilt nicht nur für den Gruselsektor, sondern auch für die legendären Sherlock-Holmes-Filme mit Basil Rathbone als dem Meisterdetektiv. Diese Filme wurden, teilweise mit denselben Schauspielern und Personen hinter der Kamera, ebenfalls bei Universal produziert.

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Die beiden ersten Filme der Universal-Reihe, DRACULA (1931) und FRANKENSTEIN (1932) wurden als A-Movies mit entsprechend großem Budget hergestellt. Während hier noch versucht wurde, die zugrunde liegenden literarischen Vorlagen halbwegs genau wiederzugeben, war bereits BRIDE OF FRANKENSTEIN (1935) eine sehr freie Bearbeitung des Themas. Der britische Regisseur James Whale (1889-1957) hatte mit FRANKENSTEIN einen großen Erfolg erzielt. Er blieb dem phantastischen Genre treu und drehte mit THE OLD DARK HOUSE (1932) und THE INVISIBLE MAN (1933) zwei weitere Kassenschlager. Allerdings war er nicht sonderlich geneigt, ein Sequel zu FRANKENSTEIN zu drehen. Schließlich willigte er doch ein, drehte aber – sehr zum Ärger der Filmbosse – mit BRIDE OF FRANKENSTEIN einen parodistischen Film. Auch wenn viele den Film für den besten der kompletten Serie halten, machte er wenig Kasse. Damit war das Schicksal der Horrorstreifen besiegelt. Sie rutschten in das B-Movie-Segment. Das hatte natürlich Auswirkungen auf alle Bereiche der nun kommenden Filme.

Die Musik: Schon mal gehört?

Das Abrutschen ins B-Movie-Segment beginnt schon mit der Musik. Speziell bei Low-Budget-Filmen, zu denen man mit Ausnahme von DRACULA und FRANKENSTEIN alle restlichen der Horrorreihe von Universal zählen muss, war es nicht üblich, aufwendige Filmmusiken in Auftrag zu geben. Meist versorgte man sich aus dem eigenen Studioarchiv mit bereits komponierten Motiven, die man dann neu orchestrierte und in den Film einfügte. Und so begegnet man einigen musikalischen Motiven immer wieder. Wer das imposante Titelthema der Sherlock-Holmes-Reihe kennt, wird es auch im Nachspann von FRANKENSTEIN MEETS THE WOLFMAN (1943) wiedererkennen. Für die meisten dieser Filme zeichnen der in Wien geborene Hans J. Salter (1896-1994), der nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 nach Amerika emigrierte, und der Amerikaner Frank Skinner (1897-1968) verantwortlich. Beide arbeiteten jahrzehntelang für das Studio und schufen hunderte von Filmmusiken. Trotzdem gehören sie völlig zu Unrecht zu den eher Unbekannten ihrer Zunft und standen immer im Schatten von Größen wie Erich Wolfgang Korngold, Max Steiner und Franz Waxman.

Irre Laboratorien für irre Wissenschaftler

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Ein weiterer, immer wiederkehrender Bestandteil der Serie ist das Laboratorium des irren Wissenschaftlers. Hier wird wild an Reglern gedreht, es lodern Lichtbögen, und das jeweilig zu behandelnde Monster liegt auf einem Operationstisch, der häufig zum Gelingen der Erweckung, beziehungsweise Umwandlung, liftartig nach oben gefahren werden muss. Dieses unverwechselbare Szenario schuf Kenneth Strickfaden (1896-1984) – zuerst für FRANKENSTEIN und dann, mit leichten Variationen, in über hundert weiteren Filmen. Obwohl das Grundmuster gleich bleibt, kann man an den Gerätschaften sehr schön den damals gültigen Stand der Technik des jeweiligen Produktionsjahres ablesen: Die Regler werden kleiner und zahlreicher, später kommen dann blinkende Lämpchen dazu, und der Wissenschaftler trägt auch schon mal eine Schutzbrille. Trotzdem sind Strickfadens Laboratorien auch im Zeitalter der Flachbildschirme und Computer Archetypen des Schaffensraumes größenwahnsinniger Forscher geblieben. Der geniale Techniker Strickfaden, der in Hollywood unter dem Namen „Mr. Electric“ bekannt war, begab sich häufig auf Vorlesungstour an amerikanische Universitäten. Seine Vorführungen waren sehr beliebt. Hier bekamen die staunenden Studenten ein wahres Feuerwerk geboten. Nebenbei entwickelte er auch noch elektrische Musikinstrumente.

Wilder Stilmix: Zwischen Bayern und Transsylvanien

Das Schloss ist in den Universalfilmen immer eine Mischung aus mittelalterlicher Burg, englischem Herrensitz und einem Fantasiegebilde mit geradezu expressionistischer Innenausstattung und langen Schatten. Besonders deutlich ist das in SON OF FRANKENSTEIN (1939) zu sehen. Hier ist die Bibliothek „very british“ und eindeutig dem 19. Jahrhundert zuzuordnen. Der Speisesaal ist aber völlig kahl mit weißen, hohen Wänden. Hier erscheinen die Schauspieler wie winzige Figuren in einer abstrakten Umgebung.

Das Haupterkennungsmerkmal der Universalstreifen mit Monsterbesetzung ist aber der dem Schloss zugeordnete kleine Ort und seine Bevölkerung. Hierbei handelt sich um ein immer wiederkehrendes, wildes Patchwork. Waren es bei DRACULA noch klar ersichtlich die Karpaten, wunderbar als Kulissenmalerei erkennbar, nebst kleinem transsylvanischem Dorf mit dem unheimlichen Schloss des Grafen auf dem Berg, wurde es bei FRANKENSTEIN stilistisch schon unübersichtlicher. Das Dorf mit seinen Fachwerkhäusern und seinen schuhplattelnden Einwohnern lässt sich speziell für Amerikaner nach Bayern verorten – Mary Wollstonecraft Shelleys dem Film zugrunde liegender Roman „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ aus dem Jahr 1818 hatte Ingolstadt im Sinn. Der Friedhof der Gemeinde bringt dagegen einen krassen Stilbruch in die bayerische Szenerie: Hier stand wahrscheinlich ein englischer Friedhof des 19. Jahrhunderts Pate. Während Dr. Frankenstein und sein unheimlicher Gehilfe gerade mal wieder eine frische Leiche für ihre finsteren Forschungen ausbuddeln, steht neben ihnen Gevatter Tod samt Schwert und Kutte.

Der kleine Ort und seine Leute

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In den folgenden Filmen begegnet einem dieses Städtchen immer wieder – das Monster, sein Schicksal, der Ort, oder die restliche Handlung spielen dabei keine Rolle. Ein Phänomen, das man auch aus Western kennt. Da wird Dodge City auch schnell mal zu Tomb Stone. Die kleinen Orte heißen Regelberg, Neustadt oder Vasaria. Die Einwohner heißen Rudi, Franzek und Vacec, und die Schäferhunde hören auf den schönen Namen Bruno. Im Laufe der Serie tragen die Einwohner zwar immer noch kurze Lederhosen und lustige, teilweise türkisch anmutende Hütchen, aber immer abenteuerlichere Hemden und Bärte. Neben dem obligatorischen finalen Auflauf des Volkes mit Fackeln, war nun ein Dorffest fester Bestandteil. Die polizeiliche Obrigkeit ist in Uniformen gewandet, die an alte ungarisch-österreichische Uniformen erinnert. Der Polizeichef, meist dargestellt von Lionel Atwell, trägt hohe schwarze Stiefel und würde eher als schneidiger Preuße durchgehen. Und über allem thront das unheimliche Schloss auf dem hohen Berg.

Spätestens gegen Ende der 30er Jahre bekam der englische Friedhof einen ständigen Bodennebel verordnet. Hier konnte man besonders deutlich das Studio erkennen. Die kunstvoll schief aufgestellten Grabkreuze und verfallenen Mausoleen sollten wohl gar nicht erst real aussehen. Diese offensichtliche Künstlichkeit erinnert an gewisse Western aus den 50er Jahren, in denen die Hauptdarsteller an immer dem gleichen Pappfelsen Rast machen und drehbuchgerecht Kollerkraut durch das Bild rollt.

Ein weiteres wiederkehrendes Motiv der Universalfilme ist die fahrende Schaustellergruppe samt Zirkuswagen. Dieses fahrende Völkchen hat immer eine Wahrsagerin dabei, besonders beeindruckend Maria Ouspenskaya, und ist mit einigem guten Willen geografisch aus Rumänien oder Ungarn stammend zu verorten. Natürlich tragen die Männer Ohrringe, wild gezwirbelte Bärte und Hemden mit Pluderärmeln. Zu diesem Standardprogramm gehören geigende Musikanten und ein wild tanzendes Mädchen, dem in den Filmen gern ausgiebig Zeit eingeräumt wird. All das steht für das unheimliche fremde Element in einer heilen Welt. Einer Welt, die absurd zusammengesetzt ist aus Versatzstücken, die damit eindeutig künstlich und für den Zuschauer nicht bedrohlich ist.

Die Schauspieler: Hauptsache vertraut

Zur Vertrautheit für den Zuschauer gehörte nicht zuletzt auch der feste Grundstock an Schauspielern, die in schöner Regelmäßigkeit in derselben oder einer leicht variierten Rolle auftauchen. Manchmal konnte es da allerdings auch Überraschungen geben. Etwa wenn Boris Karloff, der dreimal das Monster von Dr. Frankenstein gegeben hatte, in HOUSE OF FRANKENSTEIN (1944) plötzlich den irren Wissenschaftler darstellte, oder wenn Bela Lugosi (eigentlich Dracula) in FRANKENSTEIN MEETS THE WOLFMAN das Monster geben musste, weil Lon Chaney Jr. dafür leider nicht zur Verfügung stand, da er ja den Wolfsmenschen spielen musste. All das tat der cineastischen Freude keinen Abbruch. Und mit Logik hatten diese Filme ja ohnehin wenig zu schaffen. Was wir sehen, ist eine künstliche Welt, in der jedes Ding seinen festen Platz hat. Eine „Commedia dell‘arte“ Hollywoods. Das alles macht diese Filme zu einem einzigen imaginären Klassentreffen, vergleichbar nur mit der britischen „Carry-on“ Filmreihe, einem Klassiker der Britcom aus den 50er bis 70er Jahren, die mit immer denselben Stars bestimmte Filmgenres parodierte.

Das Ende eines Klassikers

Der 1945 gedrehte HOUSE OF DRACULA musste bereits drei Monster aufbieten, um das Publikum noch zu interessieren. So wurde das Genre in aller Stille beigesetzt. Doch bereits 1958 starteten die britischen Hammer-Studios ihre Interpretationen der Geschichten. Der ganze Kanon wurde bis weit in die 1970er Jahre erneut bearbeitet. Allerdings legte Hammer, im Gegensatz zu Universal, mehr Wert auf eine „authentische“ Atmosphäre und drehte in Farbe. Aber auch hier gaben sich dieselben Schauspieler in den verschiedensten Rollen die Klinke in die Hand. Hauptsächlich waren das Christopher Lee und Peter Cushing. Diese Filme waren zwar blutrünstiger und spannender als die alten Universalstreifen, hatten bei weitem aber nicht mehr denselben Zauber.