Fellinis OTTO E MEZZO oder die große Kunst,
etwas Halbes gerade sein zu lassen
Federico Fellini hat uns im Kino das Staunen gelehrt. Der italienische Regisseur, 1920 in Rimini geboren und 1993 in Rom gestorben, erschließt sich das Leben über die Ebene der Träume, und findet dafür so kraftvolle Bilder wie kaum ein anderer Regisseur. Seine Kreativität macht das lustvolle Wechselspiel zwischen Chaos und Ordnung im künstlerischen Schaffen transparent. Doch wie sieht es im Zentrum dieser Kreativität aus? Mit OTTO E MEZZO hat Fellini einen Blick ins Auge des Orkans geworfen – in das nach außen auf die Leinwand gekehrte Seelenleben seines Alter Egos. Ganz nebenbei hat er dabei seinen zehnten Film vollendet – auch wenn das keiner weiß.
Zahlenspielereien – la bella confusione
Es fängt schon damit an, dass am Ende die Zahl nicht stimmt. OTTO E MEZZO aus dem Jahr 1963, so die offizielle Lesart, sollte Federico Fellinis achteinhalbter Film werden. Als Regisseur hatte er bis dato folgende Filme realisiert: LUCI DEL VARIETA (1950), LO SCEICCO BIANCO (1952), I VITELLONI (1953), L’AMORE IN CITTA (1953), LA STRADA (1954), IL BIDONE (1955), LE NOTTI DI CABIRIA (1957), LA DOLCE VITA (1960) und BOCCACIO ’70 (1962). Macht bereits neun Filme. Oder aber, wir rechnen L’AMORE IN CITTA und BOCCACCIO ’70 nur jeweils als halben Film, weil Fellini dort nur je eine Episode unter mehreren beigesteuert hat. Dann wären wir allerdings vor Beginn von OTTO E MEZZO bei der Zahl acht angekommen – hieße das dann, OTTO E MEZZO wäre nur ein halber Film? Für Pietro Bianchi ist die Sache klar: „8 ½ ist nicht nur ein hässlicher Titel“, so schreibt Filmkritiker, „er ist auch falsch.“ Fellini-Biograf Tullio Kezich schlägt dagegen vor, LUCI DEL VARIETA ebenfalls nur als halben Film zu rechnen, weil Fellini hier Ko-Regisseur neben Alberto Lattuada war – man käme so also mit Biegen und Brechen auf siebeneinhalb Filme vor Beginn von OTTO E MEZZO.
Es ist aber noch eine weitere Zählweise möglich: Rechnet man lediglich LUCI DEL VARIETA als halben Film (halbe Regie = halber Film), so ist achteinhalb die Zahl der Filme, die Fellini vor OTTO E MEZZO vollendet hat. Dann wäre der Filmtitel eine Art Bilanz des bisherigen Schaffens Fellinis. Und geht es in OTTO E MEZZO nicht gerade darum, dass ein Künstler die bittere Bilanz seines Werkes und Lebens zieht? Zudem hat diese Zählweise besonderen Charme: Achteinhalb vollendete Filme vor OTTO MEZZO, plus der Film selbst, plus ein halber Film (der Film im Film OTTO E MEZZO, der vielleicht zustande kommt, vielleicht aber auch nicht) – das macht eine schöne runde zehn!
Zugegeben, das mag jetzt vielleicht ein wenig sehr um die Ecke gedacht sein. Andererseits: Fellini, der so gerne Gaukler, Wahrsager und Seiltänzer in seinen Filmen auftreten ließ, hätte vielleicht sogar Gefallen gefunden an diesen numerischen Taschenspielertricks. Wäre es nach ihm gegangen, hätte der Film ohnehin einen ganz anderen Titel getragen: LA BELLA CONFUSIONE nämlich, „das schöne Durcheinander“. Eigentlich ein perfekter Titel – und zwar für mehr als einen Fellini-Film.
Marcello – das männliche Fragezeichen
In der Tat geht es in OTTO E MEZZO um das große Durcheinander, das wir Leben nennen. Die Hauptfigur Guido Anselmi, ein unschwer zu erkennender Wiedergänger Fellinis, steht im Zentrum dieser Konfusion. Es handelt sich um einen Regisseur mittleren Alters, der in einer akuten Schaffenskrise steckt. Bedrängt von allen Seiten, soll er einen neuen Film auf die Beine stellen. Die Stars sind bereits angereist, die Kulissen werden mit riesigem Aufwand aus dem Boden gestampft, die Presse, die Produzenten, die Groupies und die Komparsen – sie alle warten darauf, dass es losgeht. Doch Guido hat keinen Plan. Er will mit diesem Film alles auf einmal erzählen und weiß nicht mehr, ob er überhaupt etwas zu sagen hat. Beruflich und privat droht sein Leben im Chaos zu versinken: Er fühlt sich erschöpft und hat sich in ein mondänes Kurhotel zurückgezogen. Allerdings ist er nicht erschöpft genug, um sich nicht doch immer wieder mit seiner törichten Geliebten zu treffen, während seine Ehe mit der klugen und eleganten Luisa, die unter seiner ständigen Untreue leidet, in die Brüche zu gehen droht.
Guido ist hin- und hergerissen zwischen Überheblichkeit und Versagensangst, zwischen Weib und Religion, zwischen der Sehnsucht nach dem „richtigen Leben“ und dem Vergnügen, auf alle moralischen Zwänge zu pfeifen, zwischen dolce vita und hohem künstlerischen Anspruch, zwischen Vulgarität und Feinsinn. Kein anderer als Marcello Mastroianni hätte zu dieser Zeit und in diesem Film diesen Prototyp männlicher Desorientierung überzeugender darstellen können. Und nur wenige hätten das Kunststück hinbekommen, sich so gelassen selbst lächerlich zu machen, dass es fast schon wieder sexy ist. Fellini hat Mastroianni bereits mit seiner Rolle als Marcello in LA DOLCE VITA zu einem ähnlichen Mannsbild geformt. Später wird er eine ältere Variante dieser Figur, diesmal zur endgültigen Farce verzerrt, in LA CITTA DELLE DONNE auf die Doktrin des militanten Feminismus prallen lassen. Mastroianni ist bei Fellini stets zugleich Sexsymbol und Meister der männlichen Verweigerung. Wie Georg Seeßlen schreibt: „Er verführt die Frauen dazu, das Zerbrochene des Männerbildes selbst zusammenzufügen; er kommt nicht als die männliche Antwort auf die Fragen der Frauen, sondern als eine männliche Frage daher, auf die es nur eine weibliche Antwort gibt.“ Wie müßig es ist, diese Antwort zu suchen, das macht letztlich erst LA CITTA DELLE DONNE in aller Klarheit und über den Weg der Satire deutlich. In OTTO E MEZZO sind wir noch geneigt, das orientierungslose Treiben des Guido Anselmi mehr oder weniger wohlwollend und verblüfft zu begleiten.
Die Flucht nach vorn ins Chaos
Alle wollen was von Guido: Die französische Diva will wissen, wie ihre Rolle tiefenpsychologisch angelegt ist. Die Geliebte will eine Gefälligkeit für ihren Ehemann herausschlagen. Die Ehefrau will Aufrichtigkeit. Der Vater, der Guido in Traumsequenzen erscheint, will, dass sein Junge es zu etwas bringt. Der Produzent will Geld verdienen. Der intellektuelle Filmkritiker will einen „wahrhaftigen Film“:„Zerstören ist besser als Schaffen, wenn man nichts Notwendiges schafft.“ Ein brutales, an Mussolini und Konsorten erinnerndes Credo, gegen das sich Fellini durch seinen Film selbst stellt – denn OTTO E MEZZO mag alles mögliche sein, aber notwendig ist er nicht.
Anstatt die eine Wahrheit zu verkünden, schwelgt OTTO E MEZZO im Staunen über den Irrsinn, der Guido umgibt. Traum und Realität vermischen sich, um in der Uneindeutigkeit des Dazwischen-Seins an den Kern der Dinge zu gelangen. Kindheitserinnerungen zwischen lustvollem Wohlgefühl und angstvollem Erschauern gehen über in Fantasien, in denen Guido alle seine Frauen in einem nur auf den ersten Blick harmonischen Harem um sich versammelt. Die Leute von der Filmproduktion vergnügen sich mit den Damen vom Set, anstatt ordentlich zu arbeiten. Guidos Muse – gespielt von Claudia Cardinale – entlarvt sich selbst als Traumgespinst: In ihrer überzeichneten Reinheit und Unschuld ist sie selbst für Guido als unerreichbare und künstliche Projektion von Weiblichkeit zu erkennen. Der Kardinal, dem Guido sein Herz ausschüttet, antwortet nur mit kryptischen Lehrsätzen, die Guido auch nicht weiter helfen.
In diesem Drunter und Drüber droht Guido nicht nur den Verstand zu verlieren, er steckt darin fest. Gleich zu Beginn des Films, in einer Traumsequenz, in der Guido zwischen allerlei seltsamen Gestalten in einem Stau gefangen ist, wird der Stillstand als äußerstes Schreckgespenst vorgegeben. Am Ende von OTTO E MEZZO wagt Guido die Flucht nach vorn. Hat er eben noch versucht, sich am Set unsichtbar zu machen (erst versteckt er sich wie ein Kind unterm Tisch, dann versucht er sich gar zu erschießen), nimmt nun der Film allen Widrigkeiten zum Trotz doch noch Gestalt an. Und zwar als eine Art Nummernrevue all der Widersprüche und Ungereimtheiten, die Guidos Inneres definieren und sein künstlerisches Schaffen überhaupt erst möglich machen. Alle defilieren sie durch die irren Kulissen inmitten des Niemandslandes: Die Diven, die Gaukler, die Frauen, die Priester, die Gestalten aus Guidos Kindheit und die Komparsen aus dem Hier und jetzt. „Dieses Durcheinander“, so sagt Guido, „das bin ich. Ich, wie ich wirklich bin, und nicht wie ich gerne sein möchte.“ Ein Plädoyer dafür, auch mal etwas Halbes gerade sein zu lassen? Was hier freilich nicht thematisiert wird, ist der wahnsinnige Wille zur Perfektion, der es Fellini überhaupt erst ermöglichte, diesem kreativen Chaos in seinem Inneren eine überzeugende äußere Form zu geben. Was bis dahin, in diesem vorletzten Bild von OTTO E MEZZO wie ein allzu versöhnliches Ende wirken mag, wird zuletzt noch einmal gebrochen. Da steht nur noch eine einsame Drei-Mann-Blaskapelle im Licht der Scheinwerfer und ganz zum Schluss spielt einer der drei Musiker noch die letzten Takte eines Marsches auf seiner Flöte und taucht dann ins Dunkel ab.
Was von dem großen Durcheinander bleibt? Große Bilder.
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