10 Jahre, Filme und Sekunden Print
von Christian Westheide   
Seiten
10 Jahre, Filme und Sekunden
Verschlafen
1 Angel Heart
2 Barton Fink
3 A Thin Red Line
4 Gummo
5 Walkabout
6 Sexy Beast
7 Jesus Son
8 Smoke
9 Do the right thing
10 Heat
100 Sekunden, die bleiben

10 HEAT (1995)

Ach, Michael Mann! Seine Filme sehen gut aus, verdammt gut, sie sind voller Thrill und Spannung und obwohl mit Stars besetzt, Superstars gar, kommt nie dieses hohle Blockbuster Gefühl auf - selbst nicht bei einem Franchise wie MIAMI VICE (die Serie hatte er produziert). DER LETZTE MOHIKANER (1992) und ALI (2001) fallen etwas aus der Reihe mit ihrem historisierenden Stoffen, am Besten aber ist Mann bei Krimis. HEAT ist für mich an Eleganz, epischer Atmosphäre und visueller Kraft das Beste, was er je gemacht hat.

heat3.jpgZwei einsame Wölfe, der Bulle Vincent Hanna (Al Pacino) und der Profigangster Neil McCauley (Robert DeNiro), verwickeln sich über zweieinhalb Stunden in einen titanischen Ringkampf, in dem vor allem die Ähnlichkeit ihrer Charaktere hervortritt - nur dass sie die jeweils andere Seite gewählt haben. „Du darfst dich niemals an etwas hängen, das du nicht innerhalb von 30 Sekunden problemlos wieder vergessen kannst, wenn du merkst, dass dir der Boden zu heiß wird." (Im Original: „Don't get attached to anything you can't walk out on in 30 seconds flat if you feel the heat around the corner.") sagt McCauley und so lebt er auch - bis sich eben aus Rache und Liebe ein Mal zu spät entscheidet.

heat1.jpgVincent Hanna hingegen braucht vor nichts abzuhauen, aber er tut es trotzdem und ruiniert den Film über seine vermutlich X-te Ehe. Auch er ist allein und getrieben und Egomane. Wie eine Nahtstelle wirkt dann der Moment im Film, in dem die beiden Titanen aufeinandertreffen: In einem Café irgendwo in der Stadtlandschaft von L.A. 10 Sekunden, in denen sie ihr Spiegelbild sehen, ihren Doppelgänger von der anderen Seite der natürlichen Ordnung von Gut und Böse. Visuell fällt dieseSzene, genau wie die, in der McCauley seine Geliebte trifft (in einer Buchhandlung, dann auch ein Café) heraus aus den blaugetönten, menschenfeindlich wirkenden Stadtlandschaften, den leeren, gesichtslosen Wohnungen, hinein in eine räumliche Intimität und Atmosphäre, die von der Begegnung, nicht von der Einsamkeit lebt. zehn Sekunden, die im Grunde den weiteren Verlauf des Films bestimmen, auch wenn das Ende bis zum Ende offen bleibt; denn manchmal gewinnt das Gute und manchmal das Böse. Immer.