| ...aber dennoch köstlich amüsiert |
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| von Sascha Just | |
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Bis zu den Zähnen bewaffnete Squad-Teams, die in öffentliche Gebäude rennen und Bürger zur Sicherheit von den Fenstern wegscheuchen, sind seit dem Bombenattentat am Times Square keine Seltenheit mehr, aber auch nicht wirklich lustig. Ein New Yorker Filmfreund verkündet zu der „we have a situation"-Situation mit grimmigem Lachen seinen Plan nach Berlin zu ziehen. Warum nicht...Ich dagegen fliehe - ganz typisch - gen Kino und muss meine Enttäuschung beiseite schieben, dass JOAN RIVERS: A PIECE OF WORK von Ricki Stern und Anne Sundberg über die Grande Dame der „Schönheits"-Chirurgie noch nicht läuft. Mir war so nach skurril. Beim diesjährigen Sundance Festival hatte Lady Rivers die Lacher endlich wieder auf ihrer Seite, inklusivedramatischer Auftritte und seitenlanger Artikel in renommierten Magazinen -nicht schlecht für eine, wie es schien, abgelegte Komödiantin, der ansonsten Hassseiten im Internet gewidmet sind. Stattdessen klappere ich die Arthouse Kinos Film Forum und Angelica Film Center am Rande von SoHo ab und erlebe dabei unverhofft Momente der eher merkwürdigen Heiterkeit zu einem von Joan Rivers' Lieblingsthemen, dem Älterwerden. Ungefähr in der Mitte von Dover Kosashvilis postkarten-perfekter Tschechow-Verfilmung DAS DUELL bricht der hochverschuldete Nichtstuer Laevsky (Andrew Scott) in unabwendbares, unkontrollierbares Gelächter aus. Tränen stürzen aus ihm heraus, er verschluckt sich, schüttelt sich und rutscht zum Entsetzen der Gäste des Nachmittagstees dieser kleinen größeren Gesellschaft des langweiligen, aber umso malerischen Badeortes am Kaukasus vom Sofa auf den polierten Holzfußboden, wo er sich eine Weile wälzt. Das kennt man ja. Gerade wenn gutes Benehmen zählt, wird es richtig peinlich. Laevskys Ausbruch kommt allerdings nicht ganz unerwartet - so ganz im Lot mit sich scheint er von Anfang an nicht zu sein. Den meisten Teil des Filmes verbringt er - wenn man vom Kartenspiel absieht - damit, seiner narzistisch-naiven Geliebten Nadya (Fiona Glascott) vorzuwerfen, dass er sein Leben, das scharf auf die mittleren Jahre zusteuert, nicht so lebt, wie er will. Aber wie eigentlich, weiß er selbst nicht. Irrsinnigerweise mündet Laevskys hysterische Bodenwälzerei in einem Duell in einer Grotte am Strand mit einem ähnlich seelisch geplagten Sommergast, der beweisen will, dass Laevsky derschlechtere Mensch ist, und den selbst die unwilligen Sekundanten von dergefährlichen Albernheit nicht abbringen können. Wie sich das alles auflöst, will ich nicht verraten. Es ist aber wirklich sehenswert, weil Kosashvilis auf erstaunliche Weise genau Tschechows Ton trifft, diese seltsam berührende Mischung aus Ironie und Melancholie. Und weil er Charaktere auf die Leinwand wirft, die man lieben muss, gerade weil sie ein wenig lächerlich sind. "I'm sitting here thinking how nice it is that wrinkles don't hurt." Freude darüber, dass seine Falten nicht weh tun, wie der unbekannte Autor dieser putzigen Zeile, die mir vor kurzem per wwwzuflog, könnte der vom Leben geplagte Antiheld GREENBERG des gleichnamigenFilms bestimmt nicht aufbringen. An Humor vor allen anderen Dingen mangelt es nämlich Greenberg, gespielt von dem überraschend ernsthaften Ben Stiller, der tapfer seine Falten zeigt. Nach einem sechswöchigen Aufenthalt in derNervenklinik, wo er gelandet ist, weil seine Beine plötzlich gelähmt waren,macht sich Greenberg, ehemaliger Rockmusiker, jetzt missmutiger Tischler auf die Sinnsuche, von New York nach Kalifornien auf. Dort lernt Greenberg sehrschnell, dass seine Freunde aus College-Zeiten irgendwie mit ihrem Leben vorangeschritten sind und keine Lust haben, die alte Band wieder aufzuwärmen. Vielleicht aus Verzweiflung greift er sich die erste willige Frau, die ihm über den Weg läuft; zufälligerweise die um einige Jahre jüngere Florence (Greta Gerwig), Hausangestellte seines erfolgreichen Bruders. An ihr strampelt er seinen Ärger über die Welt ab und die Überzeugung - zu seinem einundvierzigsten Geburtstag geäußert - dass das Leben an die Menschen verschwendet sei. Nach lieblosem Sex endet Greenberg, was eine Romanze hätte werden können, greift die Affaire wieder auf, lässt sie erneut fallen, philosophiert sinnlos über Liebe, vor derer Angst hat, und behauptet, Florence müsse wohl in ihrer Kindheit sexuell misshandelt worden sein. Als Filmfinderin bin ich bereit, mir viel Unerfreuliches anzusehen, habe dann aber dann doch bereut, dass man in Amerikaim Kino nicht trinken darf. Jedenfalls kein Bier. Regisseur Noah Baumbach und Drehbuchautorin Jennifer Jason Leigh zeichnen ein überzeugendes Portrait eines verlorenen Menschen. Und Ben Stiller beeindruckt mit seiner nuancierten Darstellung eines Unsympathen, der sich bessern will und über dessen Glück ichmich am Ende doch irgendwie freue. Aber was ist hier die Message? Dass von der Midlife-Krise geschüttelte Männer nur mit zutiefst verunsicherten Frauen zurechtkommen, die sich gerne quälen lassen? Selten so gelacht, aber mit dem Lachen ist das eben so eine Sache. Es ist nicht immer angenehm: Gelächter. Bucharin: "Genossen, unterbrecht mich doch bitte nicht. Ich kann nicht laut genug sprechen, um Euch zu übertönen. Meine Stimme ist angegriffen." Lauteres Gelächter. Bucharin: "Genossen, ich bitte Euch." Noch lauteres Gelächter. So oder so ähnlich lautet der Dialog, den der südafrikanische Künstler William Kentridge auf einer Raumseite der Multimedia-Installation seiner aktuellen Ausstellung Five Themes im Museum of Modern Art in einer Schlaufe abspielt. Kentridges Arbeiten, besonders seine Animationsfilme wie „Ubu and the Truth Commission", beschäftigen sich vielfach mit der quälenden Dynamik zwischen Opfer und Täter. Die kreidegezeichnete Animationsfigur Ubu - gewitzt Alfred Jarrys Trickkiste „Ubu Roi" entwendet - hat während der Apartheid Gegner des Regimes gefoltert und ermordet. Nun schüttelt er sich vor Lachen darüber, wie er die südafrikanische Wahrheitskommission übers Ohr haut. Gut gelogen, viel gelacht. Kleine Randnotiz: Ehemaliges ZK-Mitglied und Lenins Protegée Bucharin hat das Gelächter seiner Genossen nicht lange überlebt. Neulich hat mich übrigens ein Filmfreund zu seinem Geburtstag eingeladen - an unbestimmten Ort zu unbestimmten Datum. Dafür habe ich mich an Scharfschützen vorbei in die U-Bahngewagt. Und habe mich dennoch köstlich amüsiert. Ungelogen.
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