Die Steine der Weisen Print
von Frank Kallensee   
Seiten
Die Steine der Weisen
Blickfang - Buster Keaton
Chaos - Jacques Tati
Brille - Woody Allen
Idioten - Matti Pellonpää und Mato Valtonen
Sphinx - Marlene Dietrich
Sichtbeton - Til Schweiger
 

 

 

 

 

 

Chaos - Jacques Tati 

Jacques Tati hat das von ihm gelernt. Das - und wie ein Gesicht versteinert. Sein Rumpf macht zuviel. Das Gesicht ist wie weggelassen. Zumindest ein Hinweis darauf, dass er eines hat, ist die Pfeife, die gern drin steckt. Körperrede sagt genug, sagt sich Tati und bestätigt damit die Verwandtschaft mit Buster: Wozu noch Worte machen? In LES VACANCES DE MONSIEUR HULOT (1952) braucht er keine Dialoge, nur Arme, Beine und Geräusche, um mit dem Dasein über Kreuz zu geraten.

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Die Tücken der Menschen und Dinge begegnen Monsieur Hulot auf derselben eisglatten Ebene. Es gibt nichts, was er bereits kann. Aber er bewältigt seine allzeit durchs Alltägliche gefährdete Existenz mit einer unangebrachten Sachlichkeit, die schallend zum Schmunzeln ist, ohne dass er sich selbst irgendwann ein Zucken der Lippen gönnte. Anatomisch scheint ihm das nicht gegeben zu sein. Keine der 23 Arten des Lachens, die der Zürcher Persönlichkeitspsychologe Willibald Ruch heute erforscht und danach auseinander sortiert, welche Muskeln von Mund und Augen jeweils in Aktion treten. Die Kombination von Au 6 und Au 12 ist demnach als „reine Freude" zu interpretieren, fürs Zähnezeigen wäre noch Au 25 vonnöten. Tati wusste nichts von den Muskelspielen der Au gekürzelten „facial action units" und hätte er von ihnen gewusst, wären sie ihm herzlich schnuppe gewesen. Schließlich war die Aggression die Mutter des Lachens. Es wurde aus dem Zähnefletschen generiert, als der Homo sapiens noch ein Primat und die Präsentation des Gebisses der Vermeidung physischer Konflikte dienlich war. Dass es darum im Weiteren mit Sympathie und Zuneigung identifiziert wurde, gehört zur bekanntlich unvollendeten Befriedungsgeschichte des harten Weichtiers Mensch, aber nicht in Tatis Filme. Die bauen auf die gewalttätige Liebenswürdigkeit seines Monsieur Hulot, der das Exempel eines absichtslos Unfrieden stiftenden friedlichen Burschen statuiert und auf diese krumme Weise die vorgeblich friedlichen Gäste im Hôtel de la Plage der Unfriedlichkeit überführt. Weder sie noch er haben in diesen Ferien was zu lachen, nur wir, die Schau-Lustigen.

Hulot schätzt Jazz, seine Mitsommerfrischler nicht. Hulot will ein Bild in die Horizontale rücken, das Zimmer ist im Kriegszustand. Ein Hulot im Boot, es wird zum Hai. Hulot beim Tennis, sein spasmischer Aufschlag macht jeden platt. Hulot ertappt einen Spanner, der Hintern ist unschuldig, in den er tritt. Hulot ist der netteste Spießer seit es Kino gibt. Einer, der zögert, er selbst zu sein, das Chaos auf halbem Wege zwischen Wollen und Beharren entdeckt, im Ungefähren zwischen vorwärts und rückwärts tänzelt, doch alle Erdenschwere durch renitente Heiterkeit überwindet. Die Unordnung, die Hulot produziert, ist die Ordnung derer, die das Diesseits nicht nach „E" und „U", nicht nach geforderter Etikette und allseits gebilligten Uni-Formen rastern, sondern ohne Lamento als Crossover des Erträglichen und Unverträglichen akzeptieren. Hulot ist Realist, und Realisten halten alles für möglich. Wahre Realisten sind aber die, die nie aus ihren Träumen erwachen, um gegen die Realität bestehen zu können. Tatis alias Hulots „Stoneface" ist das eines Träumers.