| Die Steine der Weisen |
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| von Frank Kallensee | |||||||||
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Es ist alles da. Aber da ist nichts. Nicht in diesem Gesicht. Das ist nur Geometrie. Keine Dynamik, reine Mechanik. Ein Oval, blass, flach, symmetrisch geteilt von einer Nase als Vertikale, die auf der Waagerechten des Mundes steht. Der Mund bewegt sich. Zu hören ist nichts. Die Augen sprechen. Doch was? Es ist ein Gesicht der Frühe, Ferne und Fremde, das des ägyptischen Ramses, das eines Moai von den Osterinseln, das des Kukulcan der Maya, das eines Oba aus dem westafrikanischen Benin oder das Maskierte eines japanischen No-Meisters. Es ist ein Gesicht ohne Gesicht, schlierenfrei wie Carraramarmor, gleichermaßen widerständig wie lichtdurchlässig. Es ist das Gesicht eines Clowns, falsch und echt, beunruhigend und besänftigend, informiert und naiv. Dieses Gesicht ist wie ein Werbespot mit der Message: Ignorieren Sie mich bitte! Es ist ein Gesicht, das vieles, aber nichts Allzumenschliches hat, das niemandem und darum allen ähnelt; ein Gesicht, das frontal sanft und feminin, im Profil kantig und maskulin sein kann. Sein „Spielraum" ist der eines Sowohl-als-auch, es okkupiert ein Dazwischen, es gibt zu erkennen und verbirgt. Vor allem aber: Es lacht nie - und reizt genau deshalb zum Lachen, die in dieses „great Stoneface" schauen.
Buster Keatons Gesicht projiziert nichts. Es ist Projektionsfläche. Für das, was die Kamera vor, neben, hinter seiner Leidenschaftslosigkeit einfängt und für das, was das Publikum in ihm sucht - und zu finden meint. Denn diese Impassibilité kitzelt, eher noch: provoziert unsere Leidenschaften. Alles, was Buster geschieht oder von ihm zum Geschehen gemacht wird, ist als Bild sichtbar; die Emotion montieren wir hinzu, unsichtbar. Busters Gesicht ist Kino im Kopf: Es zeigt stets die Anderen - also uns. Seine Komik ist stets die der anderen - also unsere. Wir sehen in ihm, was wir hoffen, begehren, denken. Wir sehen in ihm, was wir sind. Und das ist Busters geniale Umkehrung dessen, was die moderne Psychologie mit der „Superiority Theory" auf den Begriff zu bringen bemüht ist (auf die im Grunde aber Thomas Hobbes seit 1658 das Copyright hat). In der Regel sind „Witzfiguren" für uns nämlich immer die, die sich noch dämlicher als wir selbst anstellen. Über Menschen, die etwas Offensichtliches nicht kapieren, den einzigen Fettnapf in einer Dreimeilenzone umtreten, hektische Opfer üblicher Umstände werden, kriegen wir uns nicht ein - weil sie uns in die Lage der Überlegenheit versetzen. Dass sich der Typ, der die Bananenschale erwischt, lächerlich macht, verschafft uns ein super Gefühl. Wir feixen über den Trottel und erhöhen uns dadurch selbst. „Das Großartige liegt offenbar im Triumph des Narzissmus, in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs", hat Sigmund Freud 1927 über den „Humor" geschrieben.
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