Die Krise, die keinen interessiert Print
von Steffen Wagner   
Seiten
Die Krise, die keinen interessiert
Fight the Power
Was ist ein Mülltonnenwurf?
Ist es ihnen egal?
Erlösung erst nach der Apokalypse?

Was ist ein Mülltonnenwurf?

 

polizei_badge.jpg 

 

 

  Fuck tha police
Comin straight from the underground
Young nigga got it bad 'cause I'm brown
And not the other color so police think
They have the authority to kill a minority

(„Fuck Tha Police“, N.W.A)

Was ist der Nährboden für die Gewalt in den Innenstädten? Rassismus ist eine grundsätzliche Antwort, die die beiden Filme geben. Allein die Perspektive ist in jedem Film eine andere. Spike Lee inszeniert fast wie in einem Theaterstück eine beispielhafte moralische Fabel. Der Film wirkt wie aus der Zeit gefallen und er spielt auch nicht in einem realistischen Bed Stuy. „Do the Right Thing“ lebt von den perfekten Bildern von Kameramann Ernest R. Dickerson und dem gut funktionierenden Schauspielerensemble, aber was sagt er über gesellschaftliche Wirklichkeit, welche Antworten gibt Lee auf die Fragen, die ihm selbst so drängend erscheinen? Was ist ein Mülltonnenwurf? Ein Akt der Befreiung, eine Form der Krisenbewältigung oder einfach bloße Aggression? Lees Kritiker vertraten die letzte Meinung. Der Mülltonnenwurf war das, was die Warnungen vor Gewalt in und vor den Kinos hervorrief. Diese befürchtete Gewalt fand nie statt. Spike Lee selbst hielt schon diese Befürchtungen für stereotyp und rassistisch. Anscheinend glaubten weiße Journalisten, das Schwarze in den Innenstädten nicht zwischen einem Film und der Realität unterscheiden könnten, sagte Lee in mehreren Interviews. Außerdem empörte sich der Regisseur darüber, dass die zerstörte Pizzeria in der öffentlichen Kontroversen eine größere Rolle spielte als der Tod des jungen, schwarzen Rap-Fans Radio Raheem.

Wenn „Do the Right Thing“ sich auch in der Form der Darstellung weit vom realen Leben in den Innenstädten der USA Ende der Achtziger Jahre entfernte, so zeigte die Diskussion über den Film, dass Spike Lee einen Nerv traf. Die Auseinandersetzung über den Film wurde wichtiger als der Film selbst. Sie wurde noch verstärkt durch den außergewöhnlichen finanziellen Erfolg von „Do the Right Thing“: Bei Produktionskosten von sechs Millionen Dollar spielte der Film allein in den USA 28 Millionen Dollar ein, dazu kamen noch einmal zehn Millionen aus dem Ausland.

John Singleton wählte mit „Boyz in the Hood“ nur zwei Jahre nach Spike Lee einen ganz anderen Weg, um aus den amerikanischen Innenstädten zu erzählen. „Boyz“ ist vor allem eine Vater-Sohn-Geschichte, es geht um die Entwicklung von Persönlichkeit unter schwierigen Bedingungen. Singleton arbeitet auch mit wesentlich realistischeren Bildern. Der junge Tre und sein Vater spüren immer die Faust einer misstrauischen Obrigkeit im Nacken. Man hört die Hubschrauber, die über dem Viertel kreisen und sieht nachts ihre Suchscheinwerfer. Das ist purer Realismus. Auch wenn es unglaublich scheint: Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger Jahre überwachte die Polizei von L.A. so genannte Problemviertel mit französischen Aerospatial-Helikoptern, die Personen mit Wärmesensoren aufspüren und mit extrem leuchtstarken Suchscheinwerfern einfangen konnten. Andererseits ist Singleton in seiner Anklage nicht einseitig: Schwarze leiden unter der Gewalt von Schwarzen und unter der Unterdrückung durch zumeist weiße Polizisten und Behörden.

„Boyz in the Hood“ erzielt auch rund zwanzig Jahre später eine viel stärkere Wirkung beim Zuschauer als Spike Lees Film: South Central ist nicht nur in der Krise, sondern eher ein perspektivloses Inferno. Gegen Singletons L.A. wirkt das stilisierte Bed Stuy von Spike Lee wie ein Idyll. Trotzdem kann man auch aus heutiger Sicht die Diskussion um „Do the Right Thing“ nachvollziehen. Das Geniale an Spike Lees Kammerspiel-Atmosphäre ist, dass der destruktive Höhepunkt am Ende umso heftiger beim Zuschauer ankommt. Die Kehrseite: Die gewalttätige Entladung Mookies durch den Mülltonnenwurf wirkt konstruiert und für diese Figur wenig glaubhaft. Weil Spike Lee naturgemäß an diesem Punkt einen blinden Fleck hat, deutet er auch einen Teil der Diskussion über seinen Film falsch. Weil viele Kritiker den Sinn und die Motivation für den Gewaltausbruch nicht verstehen, sind sie nicht unbedingt rassistisch. Selten dämlich dagegen ist es, Spike Lee Verantwortungslosigkeit vorzuwerfen, weil er mit der Gewalt auf der Leinwand Aufstände schüre, da hat der Regisseur mit seiner Empörung völlig recht. Besonders unrühmlich tat sich in seiner Filmkritik von 1989 David Denby im New York Magazine hervor. Er schrieb damals, weil das Ende von Lees Film nicht eindeutig sei, könnten einige Zuschauer ihn missverstehen. Und wenn die dann ausrasteten, „go wild“, sei Lee dafür zum Teil verantwortlich. Vor diesem Hintergrund kann ich wiederum die Anklage von Spike Lee gut verstehen, dass Schwarze mehr über weiße Kultur wüssten als Weiße über schwarze Kultur.