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Wir wüssten alle die genaue Adresse mit Hausnummer. Neben Downing No. 10 und Baker Street 221b würden sie auch diejenigen kennen, die nie in London, ja nicht mal in Europa waren. Die Pubs in dieser Straße würden natürlich The Quantum oder Moneypenny heißen und sicher gäbe es Läden am Tube-Ausgang, die Miniatur-Aston Martins und Plastik Walthers verkaufen. Aber es gibt sie nicht, die berühmte Wohnung von James Bond. Nur in zwei Filmen taucht sie kurz auf: einmal in Dr. No (1962) und dann im ersten Bond mit Roger Moore Live and Let Die (1973) und bleibt nicht in Erinnerung.
Ein Agent kann offenbar keine feste Wohnung im Zentrum Londons haben, kein Häuschen in Chelsea mit Salon, Billardzimmer und Bibliothek und auch kein Landhaus in Northumberland mit Messing-Namensschild und Gewächshaus im Park. Ein Agent ist überall und nirgends und hat keinen sicheren Hafen, no home is his castle.
Bond hat aber so wenig eine Wohnung wie ein Privatleben, das über das Erobern und Verlieren schöner Frauen und das Schlafen und Beischlafen in schönen Hotels rund um den Globus hinausgeht. Er kann alles und macht auch alles von Golf über Tennis, Tauchen, Skifahren, Segelfliegen, Fallschirmspringen bis Baccara und Schach - und braucht daher keine Hobbys. Wie sollte also eine Wohnung aussehen, von einem, der allein aus Arbeit besteht, weil er keine Freizeit hat, der nur Kollegen hat, keine Freunde und auch keine Frau und keine Interessen, die über die Mission, eine schöne Massage oder ein Mixgetränk hinausgehen? Wie die eines globalisierten Unternehmensberaters könnte sie vielleicht aussehen: karg, unbelebt, mit riesigem, leeren Kühlschrank auf schwarzem Marmor und einem Flachbildfernseher als Zentrum des Wohnzimmers. Ken Adam, Set Designer unvergessener Blofeld oder
Goldfinger Räume, hätte sie ihm gestalten können, inklusive sinnlos-schönem
Technik-Schnick-Schnack wie versenkbarem Bett, einer
Multifunktions-Bücherwand oder Schleudersitzsofa. Heute sähe sie vielleicht der modernen Penthousewohnung von M ähnlich, in die Bond in Quantum of Solace eindringt - womit er ein Sakrileg begeht und zugleich beweist, dass er allen immer einen Schritt voraus ist - auch seiner Chefin.
Einzig was Hotels angeht, zeigt Bond Stilbewusstsein: als ihn die Jung-Agentin in Quantum of Solace in einer Billigabsteige einbuchen will, um die Tarnung aufrecht zu halten, fährt er mit ihr ins erste Haus am Platz und checkt ein mit den Worten: „Lehrerehepaar auf Bildungsurlaub, das im Lotto gewonnen hat“.
Am Ende ist es gut für sein (Über)Leben, dass er keine Wohnung hat, und auch gut für uns Träumer: Denn James mit Arsenal Trikot auf dem Sofa Champions League guckend oder in der Küche ein Boeuf Bourguignon brutzelnd oder - Gott behüte - Bond auf dem Lokus die Times lesend - das ist weder die Welt von 007, noch eine, an die wir glauben wollen.
Zum Glück weiß auch kaum jemand, dass er in - festhalten - Bochum Wattenscheid geboren wurde. Von der Herkunft am Ruhrschnellweg hat er sich in jedem Fall entfernt - so weit wie möglich. Wie er sich überhaupt von allem, was Herkunft ist, gelöst hat und dabei auch über 40 Jahre so unnahbar und undurchschaubar geblieben ist, wie Freunde, die einen nie zu sich nach Haus einladen.
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