Gottes Freuden-Häuser Print
von Frank Kallensee   
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Gottes Freuden-Häuser
Laudes
Vesper

Invitatorium

Zunächst mal sind täglich 150 Psalmen kein geschmeidiges Programm. Selbst über eine Woche verteilt, wie bald aus Zweckmäßigkeitsgründen geschehen, oder seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zum Monatszyklus verlängert, bleibt solches Beten Arbeit. Ein Vollzeitjob, für den sich der profane Rest der Welt allerdings nur mit Spott erwärmen kann: Wär' Holzhauen ein Orden, wär' nicht so mancher Mönch geworden. Doch als Benedikt von Nursia 529 mit ein paar askesefähigen Anhängern auf dem Monte Cassino in Klausur ging, um dem abendländischen Klosterwesen nicht bloß auf-, sondern auch zu einer „Regula" zu verhelfen, dürften derlei Imageprobleme noch außerhalb seines frommen Vorstellungsvermögens gewesen sein. „Ora et labora", textete er den eigenen und allen künftigen Fratres ins Gewissen, „deus adest sine mora." Bete und arbeite, und Gott ist ohne Verzug anwesend!

kloster2_klein.jpgGebet als Arbeit und Arbeit als Gebet!? „Siebenmal am Tag singe ich dein Lob und nachts stehe ich auf, um dich zu preisen", hatte bereits ein Autor des Alten Testaments zur Nachahmung empfohlen. Die Christen verordneten sich das als Liturgia horarum. In Stundengebeten sollte das dem Himmel gebührende Gloria nie abreißen, weshalb sie zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang Vigil, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet als Breakpoints der Ab- und Fürbitte unterbrachten. Als Heilsrezept war das nett überlegt. Aber für den therapeutischen Erfolg brauchte es wohl doch den Rückzug ins „claustrum". Wobei sich der in diesen Freuden-Häusern Gottes auch nicht ohne Nebenwirkungen einstellte.

Ideen scheitern oft anders als befürchtet. Im Kloster scheitern sie erwartungsgemäß. Kein „verschlossener Ort" hält so dicht, dass nicht doch etwas einsickern könnte. Durch Boccaccios „Decamerone" sumpfen sich lendenfrohe Mönche und fleischeslustige Nonnen im Akkord. Shakespeares Hamlet schickt Ophelia „to a nunnery", was im Sprachgebrauch des elisabethanischen Englands wahlweise Puff oder Irrenhaus bedeuten konnte. Für Diderot sind Klöster Verliese welkender Mädchenblüte, für Umberto Eco eine Mordsgaudi. Es entbehrt also nicht der Logik, wenn sie dem Kino als überschaubare Sets dienlich sind, auf denen sich das Menschliche umstandslos zum Allzumenschlichen akkumulieren lässt. Monastisches gibt's darum selten übertreibungsfrei, vielmehr gern als Karikatur, Parodie, Farce, Slapstick, Action. Für Freunde der Kategorien „Anal" und „Blowjob" ist das Kloster der Sünde (2003) eine exemplarische Adresse. Ist hingegen Höheres angepeilt, läuft's auf Melodramen melodramatischster und Tragödien tragischster Sorte hinaus.

Invitatorium heißt Einladung. Niemand soll sich ausgeladen fühlen. Diese cineastischen Horen seien deshalb „neutral" - mit einer Dokumentation - eröffnet.

Vigil

Tot für die Welt. Das ist ihr Selbstverständnis. In einer Welt, die alles erlaubt, was gefällt, könnte sie das zu Revolutionären machen. Denn obgleich sie aus der Welt sind, seit der Heilige Bruno 1084 in einem abgelegenen Alpental bei Grenoble den Grundstein für die Grande Chartreuse legte, waren und sind sie mittendrin. Die Abkehr der Karthäuser ist eben nur ein radikaler Gegenentwurf zu jener Welt, die wir (für mehr oder minder) bewohnbar halten. Mental, weil sie sich in ihrem Eremitendasein einzig um Fühlungnahme mit dem Herrn bemühen. Materiell, weil sie den Segnungen des Kapitalismus in frei gewählter Armut begegnen. Reformen, mit denen sich andere Orden den Zeitläuften anverwandelten, scheiterten stets an der unerbittlichen Oberservanz dieser schweigsamen Mönche.

Dieses extreme Leben verlangt nach einem extremen Film. Philip Gröning, 1959 in Düsseldorf geboren, hat ihn gedreht, auf Video und Super 8: 162 Minuten lang, ohne Kommentar, ohne Musik und - fast - ohne Dialoge. Die große Stille (2005) ist ein Exerzitium. Als Filmstudent hatte Göning 1985 die Idee, 1999 gewährte ihm der Prior Einlass. Sechs Monate wohnte er im Kloster, wie jeder der 30 Brüder einsam und stumm in seiner Zelle. Er teilte ihren straff reglementierten Alltag, betete folglich auch alle drei Stunden die Horen mit. Er lernte durch die Wiederholung des Immergleichen Gelassenheit. Er freute sich auf das Gemeinschaftsessen am Sonntag und die anschließende Gemeinschaftsfreizeit, für die das Redeverbot nicht galt und in der auch ausgelassenes Jauchzen während einer Rodelpartie nicht ausgeschlossen war. Er machte alles solo: Kamera, Ton, Schnitt - und im Ergebnis die Absurdität einer befreienden Gefangenschaft plausibel.

kloster_kniend.jpgGröning traut sich Endloseinstellungen, die an jene Andrej Tarkowskis erinnern, aber nicht unter deren metaphorischer Überlast ächzen. Es ist das Einfache, was hier verblüfft: Immer, wenn in völliger Dunkelheit die Vigil gesungen wird, stürzt das Bild schwarz in sich zusammen, nur das Ewige Licht irisiert als roter Punkt auf der Leinwand. Minutenlang kann das Objektiv Herbstwolken über die Klausur ziehen lassen, die kargen Räume nach den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings abtasten und deren Insassen beim einsamen Mittagbrot, Studium - und Gebet beobachten. Letzteres rührt am Intimsten. Doch die Beter stört die indiskrete Linse nicht. Sie wissen sich sowieso jede Sekunde observiert: durch Gott selbst. Darum haben sie auch keine Scheu, für Porträts zu posieren. Sie wissen, dass es keine Maske gibt, hinter die er nicht gucken könnte.