Halluzinationen des kollektiven Wohnens Print
von Marcel Baechtiger   
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Halluzinationen des kollektiven Wohnens
It's all there
Un être essentiellement faux

„Explore our island" - Cronenbergs Shivers

Shivers, der erste kommerzielle Spielfilm David Cronenbergs aus dem Jahr 1975, spielt auf einer Insel vor Montréal, die über eine einzelne Brücke mit der Stadt verbunden ist. Auf der Insel steht erratisch ein langgezogenes schlankes Gebäude, ein Apartment-Komplex in den kühl-eleganten Formen der späten Moderne. Der Film wird mit einer Werbeschau eröffnet, die aus dem Off von der sanften Stimme eines Immobilienmaklers begleitet wird: Obwohl Downtown Montréal nur zwölfeinhalb Minuten entfernt sei, fühle es sich nach dem Überqueren der Brücke an, als seien Lärm und Verkehr der Stadt Millionen von Meilen entfernt. Einer amateurhaften Diaschau gleich ziehen Fotografien des Wohnkomplexes am Zuschauer vorbei. Man sieht die in verschiedenen Stilen ecronenberg_gang.jpgingerichteten Apartments, dann ein Restaurant, eine Boutique, eine Wäscherei, einen kleinen Supermarkt, Tennis- und Golfplätze, eine Arztpraxis. „It's all there", hält die Stimme aus dem Off fest. Nicht umsonst nennt sich das Gebäude „Starliner", ein Name, der an ein luxuriöses Schiff in den Weiten des Meeres oder des Alls erinnert. „Explore our island", schließt die Stimme des Maklers, „secure in the knowledge that it belongs to you and your fellow passengers alone. Cruise the seasons, the sun and the stars without ever leaving the great ship Starliner." Mit diesem Werbefilm ist der räumliche Kosmos der Handlung definiert. Hier wird sich alles abspielen.

Cronenberg demonstriert hier wie auch in späteren Werken eine eigenwillige Sensibilität für die filmische Eröffnung. Die meisten seiner Filme beginnen mit einem mehrminütigen Vorspann, der die ausführliche Auflistung der Credits dazu benutzt, eine symbolische Bilderwelt zu beschwören: mittelalterliche Stiche von medizinischen Geräten in Dead Ringers, Requisiten der chinesischen Oper in M Butterfly, langsam sich transformierendes Gewebe in eXistenZ. A History of Violence wiederum beginnt mit einer lakonisch unspektakulären Plansequenz, die fast fünf Minuten dauert, ohne dass wir etwas Handfestes zu sehen bekommen. In The Dead Zone werden, unterlegt von einem dramatischen Howard-Shore-Score, Aufnahmen des spätherbstlichen New England aneinander montiert: ein nebliger Waldrand, eine verlassene Landstraße, ein ungenutzter Pavillon im Park, wieder eine Straße, dann eine Ansammlung von Häusern; darüber setzt sich fast unmerklich der graphische Filmtitel zusammen.

Die kontemplative Langsamkeit der Cronenberg'schen Opener stellt nicht nur eine anachronistische Haltung dar angesichts der verbreiteten Tendenz, den Vorspann zu eliminieren und unmittelbar in die Handlung einzusteigen - de facto eine Methode wirtschaftlicher Rationalisierung -, sie steht auch in merkwürdigem Gegensatz zu den explizit dargestellten Schockeffekten und dem scheinbar reißerischen Inhalt der Filme. Ohne direkten Bezug zur Handlung erfüllen diese Vorspanne keine eigentlich narrative Funktion. Ihre Bedeutung liegt eher im Bereich der Konditionierung des Zuschauers auf den spezifischen emotionalen Kosmos des Films. Das grundlegende Gefühl seiner Filme, bekennt Cronenberg im Interview, sei die „unaussprechliche Traurigkeit der menschlichen Existenz" - body horror als Metapher der Einsamkeit, der Unvereinbarkeit zwischen Körper und Geist, der Mensch als fehlgeschlagenes Experiment der Schöpfung. Der Vorspann bereitet das Feld für diese eigentümliche Cronenberg-Traurigkeit. Er funktioniert wie eine sanfte Hypnose. Nach fünf Minuten hat der Zuschauer die vermeintliche Sicherheit seiner Alltagswelt verlassen und ist auf den atmosphärischen Grundton des Films eingestimmt.

Was also bedeutet unter diesen Voraussetzungen die Eröffnungssequenz von Shivers? Bei genauerem Hinsehen sind die Fotografien des Apartment-Komplexes seltsam unprofessionell: modrig in den Farben, zu eng in der Kadrierung, schief in der geometrischen Ausrichtung. Etwas passt nicht zusammen: Der „Starliner", als hochmoderner Luxuswohnort angepriesen, erscheint auf den zweiten Blick als morbider Ort der Vereinsamung. Was die Stimme des Maklers als Exklusivität verstanden haben will, erweckt den Eindruck der Isolation, der Abkapselung der Bewohner von der restlichen Welt - die unaussprechliche Traurigkeit schwelt bereits im Hintergrund. Die Abwesenheit von Personen auf den Fotografien tut das ihrige: gespenstisch leer sind die gezeigten Apartments, der Swimmingpool, die Bäckerei - ein in sich geschlossener Kosmos, der vordergründig von einer aufgeklärt modernen Gesellschaft spricht, auf einer latenten Ebene jedoch etwas beunruhigend Anderes suggeriert.