| Was mit "Lynch" gemeint ist |
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| von Milo Rau | ||||||
Page 1 of 4 „Letzter Camp-Satz: es ist gut, weil es schrecklich ist..." Susan Sontag, Anmerkungen zu ‚Camp' Prolog
Weil ich nicht viel von
Instant-Konzepten halte, sind Bühnenbildbesprechungen für mich eine
eher mühsame Sache. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner taste ich mich
an die Räume heran, und es dauert gewöhnlich eine ganze Weile, bis
wir verstehen, was der jeweils andere überhaupt meint. Auch die
Bilder sind in dieser ersten Phase noch unscharf. Ich habe meist nur
eine gewisse Atmosphäre im Kopf, Spielweisen, Ergriffenheiten,
räumliche Möglichkeiten und dramaturgische Tricks, aber ich habe
keine allgemeinen Beschreibungen oder gar eine Topologie dafür.
Ästhetische Räume definieren sich durch die Erfahrungen, die in
ihnen gemacht werden können. Sie sind, wie Kleist gesagt hat, die
„farbige Brille", durch die wir „das Leben" sehen: eine
bestimmte Tönung, eine Abschattung der Erfahrung, eben die gläserne
Wand, durch Ich werde im Folgenden versuchen zu analysieren, was ich damit meine - und warum ich meistens auch verstanden werde. Warum fast jeder weiß, was mit ‚Lynch' gemeint ist, warum man sich an ‚Lynch' festhalten kann. Weil die Serie Twin Peaks für einen bestimmten Typus von Lynch-Räumen exemplarisch ist, werde ich mich darauf beschränken.
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die man „die Handlung" sieht - oder das gläserne
Haus, in dem man sie erlebt. „Realistisch und doch mystisch",
sage ich jeweils zu den Bühnenbildnern, hilflos philosophierend.
Oder: „Unheimlich und doch ganz präzis." Oder: „Die Räume
müssen kleinbürgerlich sein, privat, banal, etwas altmodisch, aber
man muss sie mit einem Lichtwechsel oder einem Toneffekt in einen
völlig ‚kühlen' Bewusstseinsraum verändern können." So rede
ich daher, und früher oder später kommt jeweils der Moment, in dem
ich, um doch endlich einen Ansatzpunkt zu haben, sage: „Wie bei
Lynch eben."