| Kika-Interview: Von Kinosterben keine Spur |
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Ein Gespräch mit John Mhiripiri, Direktor des Anthology Film Archive
Das
Anthology Film Archive wurde 1970 von Filmemacher Jonas Mekas und
einigen anderen Filmkünstlern eröffnet. Nach drei Jahren in Joseph
Papp’s Public Theater zog die Anthology ins Fluxus House zu George
Macunias, der bis heute als der Initiator des Wandels von Soho von
einem Industrie- zu einem Künstlerbezirk gilt. Das dritte und
vermutlich letzte Heim der Anthology ist ein altes Gerichtsgebäude,
das in den 60er Jahren in ein halboffizielles
Künstler- und Besetzerhaus umgewandelt wurde, bis die Stadt es
schließlich an Jonas Mekas und die Anthology verkaufte.
Kinokarate: Dies ist ein sehr ungewöhnliches Haus. Allein schon die Gitterstäbe… Mhiripiri: Ich liebe dieses Haus, aber es macht mich wahnsinnig. Es gibt wirklich nichts Vergleichbares zum Flicken von Löchern im Dach eines neunzig Jahre alten Hauses. Es ist meine zweite Heimat. Ich habe hier vermutlich mehr Zeit verbracht als in jedem anderen Haus, in dem ich je gelebt habe. Kindheit eingeschlossen! Die Gitter sind sehr nützlich. Die sind von den Zellen, die hier früher waren. Sie machen das Gebäude sicherer. Ja, uns gefällt das so. Kinokarate: Verfolgt Anthology Film Archives eine Mission? Mhiripiri: Wir haben eine Mission, und die ist so ziemlich dieselbe geblieben, seit die Anthology vor 39 Jahren eröffnet wurde. Unsere Mission ist es, nicht-kommerzielle, experimentelle und klassische Filme zu erhalten und vorzuführen. Um unsere Mission zu erfüllen, haben wir zwei Kinos. Wir zeigen eine unglaublich breite Auswahl an Filmen, auch im Vergleich zu anderen Kinos. Und es gibt eine Menge spannende Filmhäuser in New York. Wir haben außerdem ein Archiv für unsere Filmkollektion. Wir konservieren im Jahr zwischen 25 und 40 Filme. Und wir haben eine Bibliothek, in der täglich Wissenschaftler ein und aus gehen, um die verschiedensten Dokumente und Fotos zu recherchieren. Kinokarate: Hat der Wandel vom Kiez zum Kommerz im East Village einen Einfluss auf die Anthology? Mhiripiri: Wir haben gerade unser 20-jähriges Bestehen in diesem Haus gefeiert. Ich bin seit 14 Jahren hier. Natürlich sehe ich, wie sich die Gegend verändert, aber ich glaube nicht, dass die Entwicklung der Nachbarschaft einen positiven oder negativen Einfluss auf uns hat. Als ich zuerst hier anfing, haben in der Anthology drei Leute gearbeitet. Davon zwei bezahlt. Jetzt haben wir neun Vollzeitkräfte, und einen Stab von etwa 15 unbezahlten Mitarbeitern. Das Wachstum, das wir erleben, verläuft konträr zum momentanen Wirtschaftsklima, und vielleicht entgegen den Erwartungen für kleine Veranstaltungsorte, die sich außerhalb des Mainstreams befinden. Kinokarate: Wie ist das möglich, wenn doch alle über das Aussterben der Kinos klagen? Mhiripiri: Während einige Veranstaltungsorte geschlossen wurden, haben andere aufgemacht. Es scheint mir, als gäbe es da eine Art Balance. Ich glaube nicht, dass es in dieser Szene einen Trend nach unten gibt. Avantgarde-Filmemacher haben es zwar auch heutzutage noch nicht geschafft, aber es gibt mehr Anerkennung. In den letzten zehn bis 15 Jahren ist das Interesse wieder aufgelebt. Jetzt gibt es mehr Leute, die mit dieser Zeit, also den 60er und 70er Jahren, vertraut sind. Und es gibt jüngere Künstler, die von Arbeiten aus dieser Zeit inspiriert sind. Ich beobachte seit einiger Zeit, dass sich die zeitgenössische Kunstwelt und die Avantgarde Filmwelt immer stärker mischen. Wenn das MoMA beispielsweise eine Retrospektive von Richard Serra zeigt, dann zeigt es auch seine Filme. Wenn Lawrence Weiner eine Retrospektive im Whitney Museum bekommt, zeigen wir seine Filme. Kinokarate: Finanzen gelten immer als das größte Problem der Avantgarde. Wie hält sich die Anthology über Wasser? Mhiripiri: Es gibt keine wirklichen Geheimnisse für Non-profit-Organisationen. Oder vielleicht sollte ich ein paar mehr Geheimnisse lernen. Das Budget der Anthology beträgt etwas über eine Million US-Dollar. Einen großen Teil unseres Einkommens beziehen wir aus Kartenverkauf und Kinovermietung an Künstler und Festivals. Wir erhalten Gelder vom New York State Council of the Arts und dem Department of Cultural Affairs. Wie so viele halten wir eine Fundraising-Veranstaltung am Ende des Jahres ab. Und wir erhalten Spenden von sehr großzügigen Einzelpersonen. Dabei handelt es sich um einen kleinen Kreis von zwei bis drei Freunden der Anthology. Inoffizielle Paten, sozusagen. Jonas’ Verbindungen zur Kunstwelt sind sehr eng. Wir haben Künstler, die uns ihre Arbeiten zum Verkauf schenken. So hat Jonas den Aufbau finanziert. Wir haben noch einige der Arbeiten. Darunter von Helen Levitz, Andy Warhol, Richard Serra und Joseph Beuys. Kinokarate: Jonas Mekas ist…? Mhiripiri: Unglaublich. Er ist viele Dinge. Ich liebe ihn. Ich liebe es, für ihn zu arbeiten. Er ist ein toller Kerl, mit dem man prima einen Trinken kann, er ist ein toller Mensch, Kollaborateur, und manchmal ein Hitzkopf, der einen wahnsinnig machen kann. Für viele ist er eine Inspiration. Er ist 86 Jahre alt und produktiver, aktiver und leichteren Herzens als jeder andere, den ich je kennen gelernt habe, unabhängig vom Alter. Das Interview wurde geführt und übersetzt von Sascha Just.
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