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Page 1 of 3 Der Saloon und die Geschlechter
Der Western ist das Filmgenre für echte Kerle. Harte Jungs, die sich irgendwo in den frontier towns der USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Outlaws, Sheriffs, Indianern, Rinderbaronen, Goldsuchern, den widrigen Umständen (zu heiß, zu kalt, zu staubig, zu nass) Bodenspekulanten, äußeren Feinden (vorzugsweise Mexikanern) und einer zumeist unfähigen wenn nicht gar korrupten Regierung herumschlagen und dabei in wenigen Jahrzehnten einen ganzen Kontinent besiedeln. Was ein echter Kerl ist, will aber auch ab und zu und eigentlich so oft wie möglich Spaß haben. Für den Spaß brauchen die echten Kerle des Westens eines von drei Dingen und am besten alles drei auf einmal: Alkohol (Whiskey oder Bier), eine Zockerrunde (Poker oder Faro) und eine Frau (nicht die eigene, sondern eine zum Hingucken in gewagter Kleidung und mit flexiblen Moralvorstellungen). All dies fand der Westerner im Saloon. Und deshalb war der Saloon in vielen frontier towns das erste feste Haus, das errichtet wurde. Vor dem Hausbau boten umtriebige Saloonkeeper die gewünschten Annehmlichkeiten direkt vom Planwagen oder im eilig aufgebauten Zelt. Die zentrale Rolle des Saloons in der Realität der Grenzstädte – es ging eben nicht nur um Schnaps, Karten und weibliche Gesellschaft, sondern um die Organisation von Gemeinschaft – verdichtete und vereinfachte Hollywood zu einer Art Abenteuerspielplatz für Männer und schuf so eine eigene Ikonographie des Saloons.
Der Saloon war bereits Ort der Handlung in einer Szene von Edwin S. Porters THE GREAT TRAIN ROBBERY aus dem Jahr 1903, der in zehn Minuten einen klassischen Western Plot erzählt: Raub-Verfolgung-Shoot Out. Die Saloon-Szene zeigt Cowboys und ihre Gals, die zunächst einen ausgelassenen Square Dance hinlegen, dann aber einen armen Saloon-Gast mit Pistolenkugeln tanzen lassen. Bei dieser Posse handelt es sich keineswegs um Ganoven, im Gegenteil: Kurz nachdem sie ihren Spaß mit dem Greenhorn gehabt haben, stürzt der zuvor überfallene Bahnhofswärter herein, die Cowboys satteln ihre Pferde und verfolgen die Banditen bis zum großen Show Down.
Von der Bretterbude zum Tanzpalast
Der
Film-Saloon von 1903 war dabei nicht mehr als eine Bretterwand mit
aufgemalten Fenstern und zwei Musikern im Edison Studio in New
Jersey. Von Western Flair konnte also nicht wirklich die Rede sein.
Hollywood schuf in seinen späteren Western-Epen den
Leinwand-Saloon mit den Filmfans wohlbekannten Zutaten: Swing
Doors, einer langen Bar mit Spiegeln, Spieltischen, Kronleuchtern und
einer Galerie. Dieser klassische Saloon ist wie eine opulent
ausgestattete Bühne, auf der sich die Protagonisten des Westerns –
Sheriff und Outlaw, Held und Bardame, Rinderbaron und einfacher
Cowboy – treffen. Dabei ist diese Luxusversion eines Saloons keineswegs nur der Phantasie der Traumfabrik Hollywood entsprungen.
Ein besonders extravagantes Exemplar ist in THE SPOILERS von 1942 mit Marlene
Dietrich, Randolph Scott und John Wayne in den Hauptrollen zu sehen,
für den das Art Director-Team eine Oscar-Nominierung in der Sparte
„Interior Design“ erhielt. Der Saloon ist das Reich von Cherry
Malotte (Dietrich) und eher Ballsaal als Kneipe. Die Dietrich sieht
in ihren spektakulären Kleidern aus, wie die sündhafte
Alaska-Ausgabe einer K.u.K.-Gräfin. Selbstverständlich wird in
ihrem Ballsaal nicht nur getanzt. Er ist zudem der perfekte Ort für
eine Schlägerei zwischen dem heldenhaften Goldgräber (Wayne) und
dem gerissenen Politiker McNamara (Scott). Spiegel, Stühle, Tische
gehen zu Bruch und natürlich fehlt auch der Kampf auf Galerie und
Treppe nicht.
Der Saloon ist in THE SPOILERS eine Arena für die Konfrontation zwischen Männern, und das ist auch seine wichtigste Funktion auf der Leinwand. Im Saloon haben alle Helden gekämpft, von Gregory Peck bis Bud Spencer, mit Blicken, Fäusten und dem Colt. Glaubt man Hollywood, so war der Tod im Saloon ein durchaus häufiges Ereignis. In einem der berühmtesten Western aller Zeiten, GUNFIGHT AT THE O.K. CORRAL, beobachtet Doc Holliday (Kirk Douglas) im Spiegel, wie der Ganove ihinter seinem Rücken ziehen will, und kommt ihm mit einem gezielten Messerwurf zuvor. Ein Moment ist Totenstille, das Piano hat aufgehört zu spielen. Dann scheucht der Saloonbesitzer „seine Mädchen“ rein und ruft „free drinks on the house“ –
der Tod, so suggeriert Hollywood, ist business as usual.
Die
Trink- und Spielhalle des Wilden Westens wird als Ort männlicher
Rituale, Gewalt und Glamour inszeniert. Im Leinwand-Saloon gibt es
Action mit Stil. Aber wie nah sind die Regisseure und Setdesigner
damit eigentlich an der Realität? Unbestreitbar ist, dass der Saloon
beim großen Treck nach Westen in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhundert ein zentraler Ort war. In den Camps der Arbeiter, die in
den Silber- oder Goldminen schufteten, war der Saloon oft nicht mehr
als ein Planwagen oder ein Zelt mit dem notwendigen Alkoholvorrat.
Mit den Siedlern, die auf der Suche nach Reichtümern folgten,
vervielfachte sich die Anzahl der Saloons rasant. Ein Zensus von 1879
in Leadville, Colorado, eine Stadt in der 1877 der große Silber Boom
einsetzte, ergab folgende Zahlen: Vier Banken, vier Kirchen, zehn
Gemischtwarenläden, 31 Restaurants, 19 Bierhallen, 120 Saloons sowie
118 Spielhallen und Privatklubs, die Alkohol ausschenkten.
Saloons als Wirtschaftsindikator
In
jenen Jahren wurden Saloons für die neuen Städte zu einem
Wirtschaftsindikator: Je mehr Saloons es gab, umso mehr Geld hatten
offensichtlich seine Bewohner, und umso reicher war folglich die
Stadt. In den Zeiten des Booms entstanden auch die
Luxusetablissements, die wir auch mehr als 120 Jahre später noch auf
der Leinwand sehen können. Dabei ging der Gestaltungswille der
wohlhabenden Saloonbesitzer sogar noch weit über den der Regisseure
hinaus. Wenn man den schon erwähnten Western THE SPOILERS oder den 1939
gedrehten DESTRY RIDES AGAIN
sieht, glaubt man es angesichts des riesigen Saloon-Sets mit Bühne,
riesiger Theke und einem großen Saal mit einer typischen
Hollywood-Übertreibung zu tun zu haben. Aber mit dem Vorrücken der
Eisenbahn nach Westen und Südwesten waren den Möglichkeiten der
Gastronomiebarone keine Grenzen mehr gesetzt. Elaborierte
Salooneinrichtungen wurden von der Ostküste und sogar aus Europa
herbeigeschafft. Die Häuser waren keine Holzhallen mehr, sondern
Ziegelbauten mit Mahaghony Bars, Roulette-Tischen und Ölgemälden
von zumeist leicht bekleideten Damen, mehrstöckigen Kronleuchtern
und hellenistisch anmutenden Statuen von, wer hätte es gedacht,
zumeist leicht bekleideten Damen. Dass davon auch in Fleisch und Blut
einige Exemplare vorhanden waren, dafür sorgten Saloonbesitzer mit
Stellenanzeigen wie:
Wanted: Fifty Waiter Girls!
High Wages, Easy Work,
Pay in Gold promptly Every Week.
Must appear in short clothes or no engagement!
Glamouröse Saloons gab es also, mit allem was Cowboys gefällt. Wie aber stand es mit der Gewalt? Waren Prügeleien, Messerstechereien und Schießereien die Regel oder die Ausnahme? Besonders in den zwei Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg war die Gesellschaft im Westen und Südwesten gewalttätiger als ansonsten im ohnehin nicht besonders friedfertigen Amerika. Die chaotische Demobilisierung der Bürgerkriegsveteranen trug dazu bei. Jesse und Frank James sind Paradebeispiele für ehemalige Angehörige der konföderierten Guerilla, die dann sagenumwobene Banditen wurden. Wie die beiden James-Brüder wurden andere Revolverhelden – Billy the Kid, Wild Bill Hickock, die Daltons – zum Gegenstand von folk tales, die nicht nur mündlich weitergegeben wurden, sondern auch Stoff für die erfolgreichen dime novels, die Groschenromane, lieferten. Wyatt Earp fasste den Ruf der Saloons so zusammen: „We had no Y.M.C.A.s“. Trotzdem hatten die Barkeeper ihre Gäste meistens gut im Griff. Alkoholinduzierte Bewusstlosigkeit war ein größeres Problem als eine revolverinduzierte Bleivergiftung, wie das Protokollheft des Sheriffs von Leadville von 1881 belegt.
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