Das Haus spielt mit Print
von Tiziana Zugaro   
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Das Haus spielt mit
Kontrolle aus dem Jenseits
"Wendy, I'm home!"
Ein Mann, ein Schloss, ein Rätsel
Drei Häuser, drei Leben
Jedes Haus ein Sarg

Filmhäuser als Akteure

Häuser sind für Filme gemeinhin „Orte der Handlung", also Teile des Sets, Hintergrund für die Figuren und ihre Geschichten. Sie sind Potemkinsche Dörfer mehr oder weniger sorgfälitig als Stimmungsmacher für Szenen ausstaffiert, die sich innerhalb ihrer Wände abspielen. Kurzum: Das Haus tritt im Film normalerweise in den Hintergrund wie ein dezenter Butler, der im richtigen Augenblick das Whisky-Glas reicht. Oder die Pistole.

shining_blut300.jpgManchmal passiert jedoch etwas Unerwartetes: Ein Filmhaus begehrt auf gegen seine servile Rolle. Ein in schrillen Farben aufgemotztes Schlafzimmer tritt in einem Pedro Almodovar-Film plötzlich ganz frech in den Vordergrund und spielt die Hauptfigur lässig an die Wand. Unsere Blicke als Zuschauer werden dann nicht so sehr von handelnden Figuren als vom Raum selbst in Bann gehalten, weil der plötzlich ein Eigenleben führt. Immer wieder kommt es vor, dass ein bestimmtes Zimmer oder ein ganzes Haus im Film aktiv mitmischt, lebendig scheint - und dadurch zum Akteur wird. Es geht hier jedoch nicht um einzelne Szenen, in denen dies geschieht. Genauso wenig soll hier die Rede sein vom klassischen Spukhaus, in dem Türen sich von Geisterhand öffnen, Wände sich verschieben und kalte Luftzüge durch die Flure wehen. Viel interessanter sind Häuser, die eine eigene Persönlichkeit entwickeln, indem sie sich auf eine bestimmte Figur im Film beziehen und diese widerspiegeln, ja, zu deren Alter Ego werden. Zum einen schafft das Haus als Spiegel-Akteur die Möglichkeit, eine Filmfigur sehr viel differenzierter als allein über Worte, Aussehen, Handlung und Gesten zu charakterisieren. Zum anderen bekommt der Film dadurch eine zusätzliche Dimension, die ins Fantastische, ja ins Magische vordringt - und dadurch in die eigentliche Essenz des Mediums Film.

fanny400.jpgFilm ist Manipulation. Film dirigiert unseren Blick und lässt uns durch allerlei Kunstgriffe wie Beleuchtung, Tiefenschärfe und Bewegung - etwa Zoom und Schwenks - Dinge auf der Leinwand sehen, die wir mit unserem „natürlichen Blick" so niemals sehen könnten. Film schafft Illusionen auf der Leinwand. Mehr noch als in der Literatur oder Malerei sind wir im Film der von den Filmemachern intendierten Wahrnehmung ausgesetzt. Wir sitzen im Kinosessel und glauben in der Regel das, was auf der Leinwand passiert: Ob nun Spiderman durch die Lüfte fliegt oder Dr. Jekyll sich vor unseren Augen in Mr. Hyde verwandelt. Das Magische wird für ein paar Stunden zur Realität. Und so sind wir auch - wenn es denn gut gemacht ist - durchaus bereit, einen unbelebten Gegenstand wie ein Haus als menschenähnliches Wesen wahrzunehmen.

Auffallend ist: Filmhäuser, die selbst zu Akteuren werden, sind oft böse oder zumindest zwiespältig - und selten gut. Meist sind sie eben kein trautes Heim, sondern im Gegenteil geradezu un-heimlich. Das ist insofern nicht weiter verwunderlich, da die Schurken im Film Spannung erheblich steigern. Analog dazu könnte man sagen: Schurken-Häuser sind einfach sexier als Wohlfühl-Butzen. Des Kinos eindrucksvollste und bekannteste Filmhäuser sind majestätisch und bedrohlich wie der Westflügel auf Schloss Manderley in Hitchcocks Rebecca, unberechenbar und gewalttätig wie Stanley Kubricks Overlook Hotel in The Shining, exzentrisch, kalt und rätselhaft wie Schloss Xanadu in Orson Welles Citizen Kane, oder sie sind der blanke ödipale Horror wie Norman Bates' düsteres Elternhaus auf dem Hügel in Hitchcocks Psycho. Ingmar Bergman hat in Fanny und Alexander gleich drei Filmhäuser mit Charaktereigenschaften gebaut: Das pralle Leben tobt im Haus der Großmutter, während puritanische Strenge, Angst und Lebensfeindlichkeit im Haus des Bischofs zu Hause sind. Das Haus des Juden Isaak wiederum ist ein Hort der Fantasie und des Unerklärlichen, magisches Labyrinth und irgendwie der schillernde Schlüssel zu dem Ganzen: dem Leben und dem Leiden und der Kunst, vielleicht gerade weil sich einem die Bedeutung nicht so einfach erschließt. Alle drei Häuser zusammen bilden die Fixpunkte, zwischen denen die Kinder Fanny und Alexander wie Hänsel und Gretel im Märchenwald durch eine entscheidende Phase ihres Lebens getrieben werden. Schließlich setzt Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu in diesem Reigen der Filmhäuser mit Charakter das endgültige Schlusslicht: Nosferatus Haus ist der Tod.