| Die New York-Kolumne |
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| von Sascha Just | |
Das Kino lebt - irgendwie...Das Ende der Welt "as we know it" ist nicht mehr aufzuhalten. Oder vielleicht doch? Die Wirtschaftskrise, das Kinosterben, der digitale Infoschwall, die globale Erwärmung und die Frustration meiner Filmfreunde - ich habe genug gehört und mache mich auf eine Tour, das Leben und Überleben meiner Lieblingsfilmspielhäuser zu dokumentieren. "Brooklyn!" brüllt der Chor durch den U-Bahn Waggon, als wüssten wir nicht sowieso, durch welchen Bezirk uns der vollgepackte Schlummerzug trägt. "Brooklyn!" "No, man: The Bronx!" Die Teenies führen uns mit erstaunlicher Lautstärke vor, welche Bedeutung Heimatgefühle haben können. Nach anfänglich amüsierten Blicken reagieren die meisten Passagiere eher gereizt. Ich bin auf dem Weg zu Monkey Town in Williamsburg, Brooklyn. Monkey Town, Heim zeitgenössischer Experimentalfilme und Videoinstallationen, begann als Privatvorstellungen in der Wohnung des Gründers, Montgomery Knott. Vor sechs Jahren zog er in die North 3rd Street, wo sich die Zuschauer nach ein paar Drinks an einer rustikalen Bar durch einen bunten Gang an den Toiletten vorbei schlängeln, die übrigens mit Comedytonaufnahmen beschallt werden, um in einem großen, quadratischen Raum auf langen Futonsofas zu entspannen. Die Filme spielen hier simultan auf vier hohen Leinwänden. Dazu gibt es live Musik und gutes Essen. Kein Wunder, dass das Publikum tagein tagaus in Scharen kommt. Auch in Brooklyn, aber mehr als ein paar Katzensprünge von Monkey Town entfernt, liegt BAM, die Brooklyn Academy of Music. BAM, sage und schreibe gegründet im Jahre 1861, ist einer der ältesten Veranstaltungsorte in den USA und Heimat für Theater, Tanz und Film. Von Ende Juni bis Anfang Juli, feiert die BAM Cinemathéque ihr zehnjähriges Bestehen mit Filmen, die man ansonsten hauptsächlich bei Festivals zu sehen bekommt. Das BAM Rose Cinema, ist ein altes umgewandeltes Theater, The Carey Playhouse, dessen Sitzplätze hufeisenförmig und sehr steil ansteigend aufgereiht sind, so dass das Publikum leicht verrenkt unter einem verschnörkelten Bühnenbogen auf die Leinwand schauen muss. Ich habe mir You won't miss me in der Regie von Ry Russo-Young ausgesucht. Das Haus ist ausverkauft. Stella Schnabel, die Tochter von Maler und Filmemacher Julian Schnabel, spielt die Hauptrolle, und sie spielt ausgesprochen gut. You won't miss me - Spielort Brooklyn - ist ein unsentimentaler Blick auf die junge Shelly, die sich von einer vereinsamenden Begegnung mit praktisch fremden Männern zur nächsten hangelt. Das Portrait von Shelly, die buchstäblich kein Heim für sich schaffen kann und es sicherer findet, sich in eine Heilanstalt einzuweisen, ist oftmals überraschend lustig, weil Shelly keine sozialen Konventionen anerkennt und alle Regeln der political correctness mit ihrer Schnodderschnauze durchbricht. In einen erheblich härteren Film wandere ich bei der Reihe New Directors New Films, die jeden Frühling gemeinsam vom Museum of Modern Art und Lincoln Center abgehalten wird. Auch hier ist fast jeder Sitz belegt. Can go through Skin, im Originaltitel Kan door huid heen, ist ein Erstlingswerk der niederländischen Regisseurin Esther Rots. Der Film erzählt ohne den leisesten Beschönigungsversuch von einer jungen Frau, Marieke, die in ihrer Amsterdamer Wohnung von einem Pizzalieferanten vergewaltigt wird. Die Vergewaltigungsszene ist so erschütternd direkt gefilmt, dass ich davor warnen möchte. Marieke flieht danach aufs Land in ein völlig verfallenes Haus. Auf Papier wirkt die Idee, dass das von den Abflussrohren bis zum Dach renovierungsbedürftige Haus Mariekes angegriffene Seele symbolisiert, zugegebenermaßen etwas simpel. Auf der Leinwand jedoch sind Mariekes eng mit dem Aufbau des Hauses verwobene Angstzustände von großer Überzeugungskraft, und ich war erleichert, dass diese hart kämpfende Alltagsheldin nach Monaten langsam wieder zu sich oder besser zu einem neuen Ich findet. Meine nächste Station ist das Landmark Sunshine Cinema auf der Lower Eastside. Das Programm befindet sich links vom Mainstream, die Kinosäle sind groß, und das Design schwebt zwischen achtziger Jahre und futuristisch unbekannt. Hier schauen mein Filmfreund und ich El Divo, einen Film über die letzten Jahre des italienischen Premiers Andreotti, gespielt von Toni Servillo. Die immer noch schöne Fanny Ardant erscheint in einer nicht ganz unwichtigen Nebenrolle, aber wirklich zählt hier nur der marionettenhafte Andreotti, der in dieser Interpretation seiner Karriere seine Widersacher gnadenlos und anscheinend mit Hilfe der Mafia zunichte macht. An einem Sonntagabend in einer Spätvorstellung sind wir fast allein im Kino und gruseln uns in der Stille des Saales vor den politischen Machenschaften, die Regisseur Paolo Sorrentino ironischerweise in der Manier eines Spaghettiwestern entlarvt. Nach der Vorführung schauen wir von einer aus rein dekorativen Zwecken installierten Rampe durch ein Panoramafenster auf die verregnete Nachtstadt. Gerade als wir uns fragen, wie sich das Kino sechs Angestellte allein für Karten- und Popcornverkauf leisten kann, merken wir, dass sich das besagte Personal schon auf den Heimweg gemacht hat. Wir geistern etwas verloren durch das leere Kino und quetschen uns schließlich - thematisch passend zum Film - einen Kellergang entlang am Müll vorbei durch den Notausgang auf die Straße. Gleich um die Ecke im East Village ist der Sitz des Anthology Film Archive. Die Anthology ist mehr als ein Kino, es ist eine Institution der Avantgarde. 1970 von einer Gruppe Experimentalfilmern, allen voran Jonas Mekas, gegründet, wurde sie gerne besucht von Ikonen wie Yoko Ono, John Lennon, Andy Warhol und Ken Jacobs. Ich habe die glückliche Gelegenheit, ein Gespräch mit John Mhiripiri, Director of Administration and Exhibition von Anthology Film Archive, zu führen, der mich in Finanzierungsstrategien von non-profit Organisationen einweiht und mit seiner optimistischen Sicht auf die Avantgarde-Kinolandschaft überrascht. (Siehe Interview in dieser Ausgabe). Und weil ich nun schon in den siebziger Jahren gelandet bin, zerre ich meinen Filmfreund, dem dieses touristische Benehmen ein wenig peinlich ist, in die Lobby des Chelsea Hotels, Heimat und Ausstellungsort vieler New Yorker Künstler. Einen Julian Schnabel, Basquiat oder Warhol können wir leider nicht entdecken, aber dafür erzählt ein enthusiastischer Unbekannter von seiner nächsten Arbeit: einem digitalen, low-budget Kinoprojekt.
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