Grenzgänger - Fatih Akins Filmfiguren Print
von Tiziana Zugaro   
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Grenzgänger - Fatih Akins Filmfiguren
Männerfreundschaften und ihre Grenzen
Von Punk zu Blues: Gegen die Wand
Spiegelverkehrtes Leben: Auf der anderen Seite

 Von Punk zu Blues: Gegen die Wand

 

 

Ganz anders dagegen Gegen die Wand: eine unmögliche Liebesgeschichte, geprägt von dem Suchen und Finden der beiden Hauptfiguren nach sich selbst - und diese Suche findet ganz explizit statt zwischen Deutschland und der Türkei. Cahit ist am Anfang der Geschichte eigentlich schon tot - ein Zombie, der ständig besoffen durch Hamburg-Altona torkelt, in einem Musikklub als Flaschenwegräumer jobbt und sich schließlich mit einem gezielten Vollcrash das Leben nehmen will. Dadurch landet er  - mit Halskrause angetan - in der Psychiatrie, wo er auf Sibel trifft. Die junge Deutschtürkin hat sich die Pulsadern aufgeschlitzt, weil ihr Vater sie an einen Cousin in die Türkei verheiraten will. In Cahit sieht Sibel ihre Chance - er soll sie zum Schein heiraten, damit ihre Familie Ruhe gibt, und sie ihr Leben so leben kann, wie es ihr passt. Als sie Cahit in ihre Pläne einweiht, ist der ziemlich konsterniert und erteilt ihr eine klare Abfuhr. Aber Sibel ist hartnäckig. Sie macht Cahit auf drastische Weise deutlich, dass sie sich umbringen wird, wenn er sie nicht heiratet - und so wird die Hochzeit schließlich in die Wege geleitet. Was nun folgt, ist die Geschichte zweier kompromissloser und schwieriger Menschen, die sich schließlich doch noch - aber zu spät - ineinander verlieben.

sibelcahit300.jpgMögen Sibel und Cahit auch Freigeister sein - den Normen ihrer Umwelt müssen sie sich doch immer wieder anpassen, um ihre Ziele zu erreichen. Eine Szene zeigt dieses Spiel mit den Scheinheiligkeiten der kulturellen Codes besonders schön. Um Sibel zu heiraten muss Cahit ganz förmlich um ihre Hand anhalten. Also überredet er seinen besten Kumpel, sich als sein Onkel auszugeben, lässt sich rasieren, leiht sich einen schwarzen Anzug aus, und macht sich bewaffnet mit einer Pralinenschachtel (ohne Alkohol!) unterm Arm auf den Weg zu Sibels Familie. Hier gerät er, ungelenk auf der Kante des Wohnzimmersofas sitzend, ins Kreuzverhör. Woher kommen seine Eltern? Als was arbeitet er? Wie hat er Sibel kennen gelernt? Warum ist der Onkel so jung? Mit einigen spontanen Manövern schafft es Cahit, eine einigermaßen passable Figur abzugeben. Das gelingt aber nur - soviel wird ebenfalls deutlich - weil Sibels Vater mehr als gewillt ist, seine Tochter unter die Haube zu bringen. Das kleine absurde Theaterstück kann nur gelingen, weil alle ihre Rollen brav mitspielen.

Nach der Hochzeit berauscht sich Sibel zunächst an ihrer neu gefundenen Freiheit - sie geht tanzen, schleppt Männer ab und fängt an, im Friseursalon von Cahits Gelegenheitslover Maren zu jobben. Cahit schaut dem Treiben recht gelassen zu, bis er allmählich merkt, dass er sich in Sibel verliebt hat. Auch bei Sibel bahnen sich Gefühle für Cahit den Weg an die Oberfläche. Aber sie hat Angst davor, in einer „richtigen" Ehe zu leben und nimmt erst einmal reißaus. Dass diese Scheu nicht von Dauer sein wird, dass Sibel die eigene innere Grenze überschreiten wird, offenbart sich bereits in der nächsten Szene, als Sibel vor sich selbst eingesteht, dass sie Cahit liebt. Doch die beiden bekommen keine zweite Chance: Als ein ehemaliger Liebhaber von Sibel Cahit in einer Kneipe provoziert, zieht dieser ihm einen Glasaschenbecher über den Kopf. Der Mann ist tot, Cahit kommt in den Knast. Sibel reist nach Istanbul, um ein neues Leben zu beginnen.

bett300.jpgDer Epilog, der nach Cahits Entlassung aus dem Gefängnis folgt, macht nur noch einmal deutlich, dass die Chance auf die große Liebe leider verspielt worden ist. Zwar macht sich Cahit auf den Weg nach Istanbul und findet Sibel. Zwar kommt Sibel in sein Hotel und verbringt zwei Tage und Nächte mit Cahit. Zum Schluss aber wird sie sich doch für ihr neu gefundenes Leben in Istanbul - mit Mann und Kind - entscheiden. Cahit muss die Suche nach sich selbst alleine fortsetzen. Es ist erstaunlich, wie Akin es schafft, den gewaltsamen, brutalen Ton des Films ganz allmählich auf eine leise, zärtliche Note herunter zu dimmen, ohne auch nur ein Quantum an Intensität einzubüßen. Das Genre wechselt quasi von Punk zu Blues, ohne jemals aus dem Takt zu geraten. Das Ende - so traurig es für die Romantiker unter den Zuschauern sein mag - ist das einzig stimmige für diese unmögliche Liebesgeschichte.

Die Grenzen, die Akin in Gegen die Wand thematisiert - zwischen Kulturen, in den Menschen selbst, in der Liebe - bringt er symbolisch in mehreren Einspielungen zwischen den verschiedenen Episoden des Films auf die Leinwand: Ein Orchester spielt vor einer Bosporus-Tapete Liebeslieder, die - natürlich - von den unüberwindbaren Grenzen zwischen Liebenden handeln.