Grenzgänger - Fatih Akins Filmfiguren Print
von Tiziana Zugaro   
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Grenzgänger - Fatih Akins Filmfiguren
Männerfreundschaften und ihre Grenzen
Von Punk zu Blues: Gegen die Wand
Spiegelverkehrtes Leben: Auf der anderen Seite

Männerfreundschaft und ihre Grenzen: Kurz und schmerzlos

 

Mit Kurz und schmerzlos hat Akin einen Film über Freundschaft gedreht. Über die Grenzen, die Freundschaft zu überwinden vermag, und über die Grenzen, an denen sie scheitert. Diese Freundschaft zwischen Gabriel, Bobby und Costas bewegt sich zwischen Kiez, Familie und Kleinkriminellenmilieu. Sie ist mitgeprägt von den Ehrenkodes der verschiedenen Kulturen, aus denen die drei Protagonisten kommen - aus der Türkei (Gabriel), aus Serbien (Bobby) und aus Griechenland (Costas). Das gibt den Figuren ein „Mehr" an Hintergrund - aber im Kern sind sie durch ganz andere Dinge definiert.

alle drei300.jpgGabriel ist der gereifte, nachdenkliche, melancholische Ex-Gangster: frisch aus dem Gefängnis will er einen straighten Weg einschlagen. Allerdings hat Gabriel ein leichtes Aggressions-Problem, das ihn immer wieder einholt. Als er sich in die Ex-Freundin von Bobby verliebt, kommt ihm außerdem noch sein althergebrachter Ehrenkodex in die Quere. Bobby wiederum ist der Möchtegern-Gangster par excellence. Er will Geld, er will Anerkennung, er will ein cooler Hund sein. Dafür lässt er sich sogar mit einem albanischen Gangsterboss ein und setzt seine Liebe aufs Spiel. Aber letztlich ist er eben viel weniger clever als er denkt und muss für seine Selbstüberschätzung bitter büßen. Costas schließlich ist der ewige Kindskopf. Es scheint, als will er einfach nicht erwachsen werden. Bei der Hochzeit von Gabriels Bruder erscheint er im Penner-Outfit, immer wieder dreht er halbgare krumme Dinger, die schief gehen. Seiner Freundin, Gabriels Schwester, geht er deshalb schon seit geraumer Zeit heftig auf die Nerven. Schließlich schickt sie ihn in die Wüste - was er gar nicht gut verkraftet. Costas ist superloyal seinen Freunden gegenüber und erkennt nicht, wann er sich aus Selbstschutz zurückziehen sollte.

In einer Szene klaut Costas ein Auto für den Deal, den Bobby mit einem Waffenhändler abziehen will. Kurz zuvor hatte er allerdings beim Klauen in der Postfiliale ein Erweckungserlebnis: in einem von ihm aufgerissenen Brief befand sich ein Kruzifix; das hat der gläubige Costas als Zeichen dafür gewertet, dass er nicht mehr klauen darf. Kurz nachdem er jetzt den Wagen besorgt hat - nicht ganz zufällig das Auto des „Neuen" seiner Ex - fällt ihm das Zeichen des Himmels wieder ein: „Oh halt, ich darf doch nicht mehr klauen". Bobby beruhigt den Freund: „Diese Sünde geht auf mich." Bezeichnenderweise geht diese Sünde dann tatsächlich auf Bobby - denn er ist es, der den schief gegangenen Deal mit dem Leben bezahlt.

hafen300.jpgIn immer neuen Konfliktkonstellationen zeigt Akin, wie die drei Kumpel durch ihre Freundschaft innere Grenzen überwinden - mutiger auftreten, als sie es eigentlich sind, zuverlässiger agieren, als es in ihrem Wesen liegt. Aber schließlich müssen sie sich doch geschlagen geben - jeder einzelne von ihnen rennt gegen die eigene innere Grenze, und kein Freund kann ihm dann noch helfen. Kurz und schmerzlos, Akins erster Langfilm, mag an einigen Stellen etwas überfrachtet sein - er ist aber mit Sicherheit ein sehr kraftvoller, sehr stimmiger Milieufilm, der einem das Thema Männerfreundschaft und ihre Grenzen überzeugend nahe bringt.