"Der scheißt auf die Tradition. Da hab ich mich gefragt: Warum darf der das? Warum darf ich das nicht?"
Fatih Akin über Birol Ünel
Mit voller Wucht gegen Grenzen
Ein Mann fährt zu den Klängen von Depeche Modes „I
feel you" mit Vollgas gegen eine Wand. Schnitt. Aus dem Bauch eines Flugzeugs
rollt langsam ein Sarg; später wird sich diese Szene spiegelverkehrt
wiederholen - das eine Flugzeug landete aus Deutschland in der Türkei, das
zweite aus der Türkei in Deutschland.Ein junger Typ, der ganz cool sein wollte, wird an eine Mauer in einem
dunklen Hinterhof gedrängt und in den Kopf geschossen. Sein Blut färbt die
grauen Steine rot.
Immer wieder kommen die Figuren in Fatih Akins Filmen
an Grenzen - harte, brutale, endgültige Grenzen, die sie mit aller Kraft zu
stürmen versuchen. Aus diesem unbedingten Willen, die Dinge nicht so zu nehmen
wie sie sind, erwächst die Energie der Figuren und überträgt sich auf die
Filme. Dabei sind die Grenzgänger in Akins Filmen durchaus unterschiedlich
temperiert: Es sind Hitzköpfe wie Bobby aus Kurz
und Schmerzlos, der in jenem besagten Hinterhof sein blutiges Ende findet,
oder Sibel, die gegen die Vorstellungen ihrer Familie rebelliert, wie eine „gute
Tochter" sich zu verhalten hat. Es sind depressive Säufer wie Cahit, der zum
Auftakt von Gegen die Wand gegen eben
diese brettert. Oder es sind stille Kämpfer wie Nejat und Lotte in Auf der anderen Seite. Fast alle diese
Figuren beziehen ihre innere Spannung auch aus der Tatsache, dass sie die Werte
und Lebensvorstellungen zweier Kulturen in sich tragen - zumeist deutsche und
türkische.
Dabei hat der deutschtürkische Regisseur Akin selbst
eine nicht unkomplizierte Einstellung zu der Frage, inwieweit der kulturelle
Background eines Menschen bestimmend für dessen Persönlichkeit ist. Über seine
Faszination für den Schauspieler Birol Ünel, der den Cahit in Gegen die Wand spielt, sagt er: „Ich hab
ihn immer bewundert. Er hat den gleichen Background wie ich, scheißt aber auf
die Tradition. Ich hab mich immer gefragt: Warum darf der das? Warum darf ich
das nicht?" Immer wieder hat Akin betont, dass er nicht als „deutschtürkischer"
Filmemacher gesehen werden will. Er pocht darauf, zu Recht, dass Deutschland
eben nicht nur aus Deutschen besteht, die seit zig Generationen im Land
verwurzelt sind. Der so genannte Migrationshintergrund vieler Deutschen ist
Alltag, ist Realität - und diese Realität fängt Akin in seinen Filmen ein.
Dabei vermittelt Akin die verschiedenen Grooves der jeweiligen Kultur über ganz
einfache Mittel - wie zum Beispiel über die Sprache. In seinen Filmen wird
immer neben deutsch auch türkisch gesprochen: „Jede Sprache ist ein Lifestyle,
und den versuche ich einzufangen." Das geht dann meist ganz spielerisch,
nebenbei, und fühlt sich gerade deshalb so stimmig an.
Akins Figuren passen in keine Schablone. Sie sind
beeinflusst von ihren kulturellen Wurzeln, aber nicht durch sie bestimmt. Der
junge Germanistikprofessor Nejat interessiert sich eher dafür, warum Goethe
keine Revolution machen wollte, als für die Kämpfe der PKK. Sibel will ihre
Jugend genießen - dass die strengen Moralvorstellungen ihrer Familie sie daran
hindern, ist mehr ein lästiges Hindernis als ein inneres Dilemma. Eine Figur
wie Cahit verweigert sich seinem „türkischen" Anteil sogar über weite Strecken
(„Dein Türkisch ist ganz schön am Arsch. Was hast du mit deinem Türkisch
gemacht?" „Weggeworfen."). Erst am Schluss wird er sich auf eine Art „Back to
the Roots"-Tour in die Türkei aufmachen - und trifft dabei prompt auf einen
Taxifahrer, der jahrelang in Bayern gelebt hat. Mit solchen kleinen feinen
Momenten zeigt Akin immer wieder, wie porös unsere Vorstellungen von
kulturellen Grenzen sind. Die Grenzen, die ihn wirklich interessieren, liegen
in den Menschen selbst: an ihnen arbeiten sie sich ab; an ihnen wachsen sie.
Dass die Figuren sich von klein auf keiner Seite zu hundert Prozent zurechnen
konnten, macht sie wach und misstrauisch gegenüber allzu einfachen
Definitionen. Sie haben immer ein bisschen mehr Distanz zu den Dingen als
Menschen ohne diesen gespaltenen Hintergrund - auch und nicht zuletzt zu sich
selbst.