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Durchsichtige Bühne
Dogville spielt ohne es verhehlen zu wollen in einer großen Halle, die eine Kleinstadt darstellen soll. Die Schauspieler stehen auf einer Bühne, auf der sich nur die unbedingt notwendigen Requisiten befinden. Straßen sind nur weiße Linien, ein Hund ist nur ein Schriftzug am Boden, doch sein Bellen kann man hören. Die Häuser haben keine Wände und wenn jemand eine Tür öffnet, hört man das Geräusch, der Schauspieler macht die Bewegung, die Tür aber ist unsichtbar. Wenn im Vordergrund etwas passiert, bleiben der Hintergrund, und damit auch die Geschehnisse dort, die eigentlich hinter Wänden verborgen sein müssten, sichtbar. Alles in diesem Film ist Behauptung: Tag und Nacht sind nur schwarze oder weiße Wände der Halle, Sommer und Winter sind Scheinwerferfilter, die Außenwelt ist nur im Text der Schauspieler vorhanden. Das Universum der Figuren ist diese Halle. Manche Gegenstände sind detailgetreu angefertigt und verwendbar, z.B. Möbel, Gebrauchsgegenstände, Lebensmittel. Aber was nicht gebraucht wird im Verlauf des Films, das gibt es auch nicht.
Von Trier widerspricht mit seinem Film einer Grundregel des Kinos und verwendet eine Grundregel des Theaters: Im Kino gilt, dass durch Kostüme, Dekor, Requisiten alles so real wie möglich dargestellt werden soll. Diese Welt muss wirklich da sein, sie kann eigentlich nicht gemalt oder nur angedeutet sein, wie im Theater - wo es aber gerade den Reiz ausmacht, dass ein Text von Molière oder Shakespeare vor eine gemalten Wand oder einfach auf einer nackten Bühne stattfindet. So verweist die Künstlichkeit der Situation auf den Text und die Bedeutung des Textes.
Beim Theater wird ein Glaubensakt verlangt, wenn der Vorhang hochgeht. Im Kino ist das nicht mal dann so, wenn es in wirklichkeitsferne Welten wie im Science Fiction geht; es dauert im Kino nur Sekunden, dann glauben wir wirklich, dass vor unseren Augen ein Raumschiff entlanggleitet.
Dogville missachtet durch seine Bühne also ein Kinogebot, ohne dass er deshalb Theatergebote befolgen würde. Beispielsweise bietet er dem Zuschauer nicht immer einen Überblick in den gesamten Bühnenraum oder er zeigt die Bühnengeräte, das Dach der Halle oder Kameras - eine Art Brechtscher Verfremdungseffekt. Als wenn diese halbfertige, durchsichtige Welt eben die wäre, die die Figuren in Dogville vorfinden und daher als vollkommen normal betrachten.
Wenn im Theater ein Pferd auf die Bühne kommt, ist das noch immer seltsam. Im Film nimmt man es irgendwann sogar selbstverständlich hin, dass ein Pferd sprechen oder fliegen kann. Ein Revolver im Film kann wirklich schießen - glauben wir. Bei dem im Theater wissen wir schon bevor er losgeht, dass er nur Lärm macht. Ich habe noch nie jemanden auf einer Theaterbühne glaubhaft sterben sehen, im Kino dagegen schon um so manche liebgewonnene Figur getrauert. Warum kann auf der Bühne nicht gestorben werden Auch das muss mit der im Theater spürbaren und im Film offenbar verschwimmenden Grenze zwischen Zuschauer und Geschehen zu tun haben.
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