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Vom Text besessen
Eine typische Szene, die das Vorgehen von Pacino beschreibt: im Schlosssaal wird mit Handkamera in vollem Kostüm gefilmt, Pacino als Richard flüstert (am Theater nur schwer möglich) und spricht fast beiläufig mit seinem Bruder (Alec Baldwin) - Cut - Kommentar von Pacino, wie die Dinge inhaltlich zusammenhängen - Cut - Schärfe-Unschärfe, Musik ist da, dann Dialoge, die Gesichter in Close-up - Cut - Probe in Straßenkleidung im Büro - Cut - eine Stimme erklärt wieder die Hintergründe der Szene - Cut - ein Mann an einer Kreuzung in New York im Dialog mit Pacino über die Bedeutung von Shakespeare auf sein Leben - Cut - in England im Geburtshaus, quasselnd, dann kommt die Feuerwehr und Pacino macht Augen, ein skurriler, kleiner Engländer gibt Anweisungen: die Wirklichkeit ist in dem Augenblick verrückter als die Fiktion - Cut - Richard meuchelt seinen Bruder vor dunkler Schlosskulisse. Ein wilder Ritt durch Handlung, Proben, Metaebenen, Gespräche und Monologe, Bühnenszenen und Nahaufnahmen, dokumentarischen und fiktionalisierten Momenten. Ganz allmählich wid die Komplexität des Stoffs und die enorme Arbeit der Schauspieler, sie mit Leben zu füllen, deutlich.
Looking for Richard ist ein Film über den Versuch Theater zu machen. Er will nicht "abgefilmtes Theater" sein, darf das Theater aber auch nicht verraten. Er muss filmisch sein und darf dem Text doch nicht seinen Charakter nehmen. Pacino gelingt das durch rastlose Montagen und Tonüberblendungen, in denen man Pacinos/Richards dröhnende Worte in einem Büro und in einem Rittersaal mit Buckel und Krüppelarm hört, dann wieder in einem Taxi seine Verwirrung zeigend beim Versuch zu erklären, worum es in dem Stück eigentlich geht.
Über Wochen begleitet der Film ihn und seinen Freund Frederic Kimball dabei, Shakepeare zu verstehen und damit das klassische Theater zu verstehen. Ein "freudscher Fehler" ist bezeichnend: als Kimball im Streit mit Pacino über die Herangehensweise sagt, „The actors are the posession of a tradition," obwohl er sagen wollte „The actors are the posessors of the tradition." Ersteres ist das Problem und der Grund für diesen Film: der Text war eine Übermacht, die jede offene Herangehensweise zu verbieten schien. Die Macht der Tradition hat die Schauspieler ebenso gehemmt wie das Publikum, das vor Ehrfurcht erstarrt dem dröhnenden Shakespeare-Sprech der klassischen Theater lauschte und so gar nicht die Gelegenheit bekam, diese Texte an der Gegenwart, in der Gegenwart gelten zu lassen.
Das Stück endet mit dem berühmten Satz, „Ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd!", Pacino/Richard stirbt im Getümmel auf dem Schlachtfeld. Am Rand der Szene stehen in Pullover und Jeans die beiden Produzenten des Films:
„Oh, this is it! Are we done?"
„Yeah, I hope so. If I had told him about that other ten rolls of film, he‘d want to use them." Und dann wissen wir auch wieder, was ein Unterschied zwischen Film und Theater ist: am Ende geht es irgendwem immer ums Geld.
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