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„Mann, was für ein Theater!"
„Mach nicht so ein Theater deswegen!"
„Das war doch alles nur Theater!"
Die Bedeutung dieser Sätze verstehen wir: Etwas war nervig. Mach keinen Aufstand. Alles Lüge. Das Theater übertreibt, es zeigt nicht die wirklichen Gefühle.
„Hey, das ist ja wie im Kino!"
„Darüber müsste man einen Film machen."
„Ich komm mir vor wie im Film!"
Diese Aussagen meinen: etwas war spannend, überraschend, mitreißend, es sind Dinge passiert, mit denen man nie gerechnet hat. Die Sympathien zwischen Theater und Kino scheinen also klar verteilt, wenn man den Metaphern folgt. Und doch sind beide sich so ähnlich wie zweieiige Zwillinge.
Zwei Filme, die sowohl Theater sind und Film, aber dabei weder das eine noch das andere ganz, sollen als Beispiele der Grenze zwischen den beiden Gattungen dienen: Zum einen Al Pacinos „Looking for Richard" (1996) und Lars von Triers „Dogville" (2003).
Pacinos Film will Shakespeare in die Gegenwart holen, gewissermaßen also TheaterTheater, zum Film machen ohne den Text zu verraten. Dogville ist den anderen Weg gegangen und will Film dem Theater annähern - und erschafft etwas Drittes. Beiden Filmen gelingt es, die Konstruktion Film / Theater durchsichtig zu machen, sie laufen entlang der Grenzlinie, mal auf der einen, dann wieder auf der anderen Seite. Sind ganz Film - Film, der vom Theater lebt. Sie nehmen sich das Beste aus beiden Welten und schaffen etwas Neues, ohne das jeweils andere Medium zu verleugnen.
Theater und Kino, Bruder und Schwester der mächtigen Eltern „Text" und „Bild". Der ältere der beiden Geschwister, das Theater, ist über 2500 Jahre alt, wahrscheinlich noch älter. Die jüngere Schwester des Theaters, der Film, zählt in der Form, wie wir es heute kennen, nicht mal 100 Lenze. Und doch gelang es der jungen Schwester in kürzester Zeit fast alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und die ganze Welt zu erobern. Die Schwester hat es fertig gebracht, dass heute in einem Jahr mit Film mehr Geld verdient wird, als mit allen Theaterproduktionen der letzten 2000 Jahre zusammen. Und eben dieser Warencharakter, der Kommerz in der Kunst war von Beginn an der Grund, warum die Familie hinter dem Rücken der Schwester lästerte, „das ist doch keine Kunst" - weshalb sich das Theater lange für etwas Besseres hielt - bis es von der schieren Kaufkraft und Popularität der Schwester überrollt und ins Abseits gedrängt wurde.
Film ist heute die Königsdisziplin innerhalb der Künste Malerei, Musik, Literatur und Theater - Königsdisziplin in dem Sinne, dass alle anderen Gattungen dem Film zugleich als Reservoir für Stoffe dienen, und er sich vorbehaltslos in jenen Disziplinen selbst bedient. Das Theater hat seit einigen Jahren die Schmollecke hinter sich gelassen und benutzt heute vermehrt Methoden und Stoffe des Films, so dass sich auf heutigen Bühnen immer seltener Referenzen zu Literatur, Religion oder klassische Dramen finden, als auf Filme und Filmfiguren. Videokamera und Leinwand sind zu Requisiten moderner Theater Inszenierungen geworden, verweisen dabei aber zurück auf die Bühne, auf den Unterschied zwischen Leinwand und Bühne - was dem Theater gut tut.
Auch die anderen Künste sind nicht unbeeinflusst vom Film geblieben: ganze Romanplots drehen sich um Filme: z.B. in Paul Austers Buch „The Book of Illusions" oder im gerade erschienenen „Salvator" von Arnold Stadlers, in dem der Kinobesuch eines Pasolini Films Anfang einer Erweckungsgeschichte ist. Und so mancher Roman scheint heutzutage bereits in Hinblick auf seine Verwertung als Drehbuch verfasst zu sein. Filmstoffe werden für die Bühne adaptiert oder tauchen als Versatzstücke auf. Die bildende Kunst und auch die Malerei nutzen die Mythen des Films aus Figuren, Genregestalten und „Larger than Life"-Charakteren. Theater, Videokunst, Literatur und Malerei - alle bedienen sich des reichen Bild- und Textgedächtnisses des Kinos; so, wie sie es früher mit religiösen und literarischen Figuren taten. „You talkin‘ to me?"
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