Zwischenruf aus Pankow Print
von Frank Kallensee   

Das Kino ist tot

Ohne Umschweife, das hier ist ein Platzhalter. New York kann diesmal nämlich nicht liefern, weshalb nun aus Pankow kolumniert wird, was natürlich von vornherein eine mürbe Ersatzleistung bleiben muss. Andererseits ist es eine Gelegenheit. Denn endlich kann ich mal an berufener Stelle fragen, was ich auch sonst gerne frage: Warum wird im Kino immer so laut Popcorn gegessen? Warum haben Frauen mit großen Hüten im Film immer enttäuschte Männer hinter sich? Warum soll ich ins Kino gehen, wenn doch schon im richtigen Leben die Statisten in der Überzahl sind?

Sagen wir’s mal freundlich: „Das Kino ist tot.“ Klingt nach Nietzsche, hat aber Guy Debord pamphletiert. Einer, der schon 1952 feststellte, dass man keine Filme mehr machen könne. Leider in einem Film (namens „Hurlements en favour de Sade“). Und leider aus bizarren Motiven. Der Mann war Marxist, baute sich also einen Überbau, in dem er sich weitmaschig darüber verbreitete, dass „alles, was einst unmittelbar gelebt wurde“, inzwischen in „Repräsentation entwichen“ sei, die Produktion von Bildern das originäre Leben abgelöst habe, die Arbeiterklasse durch Show und „Spektakel“ bloß ersatzbefriedigt würde, die kapitalistische Cinématographie das Volk mit Konsumträumen einlulle und damit – logisch – dessen ohnehin schwer entfremdetes Dasein ins Totalitäre befördere.

Nun, „nobody is perfect“ (ist aus einem Film, ich weiß), französische Situationisten sind da nicht ausgenommen. Aber wo Debord Recht hatte, hatte er Recht. Keine Story, kein Soundtrack, eine Stunde lang abwechselnd Schwarz und Weiß auf der Leinwand, Endlospausen, nur gelegentlich mit verfilzten Texten unterlegt – da fragt man sich doch Fragen. Die oben genannten zum Beispiel. Wo Film aufhört und Leben anfängt, wo Leben verblüfft und Film anödet, wird – Achtung, hier kriege ich doch noch die Kurve zum Kinokarate-Thema! – an dieser Grenze sichtbar. Im Todesstreifen gewissermaßen. „Und darum wird beim happy end / im Film jewöhnlich abjeblendt“, hat Tucholsky gereimt. Genau.

Ich weiß, Max Skladanowsky macht jetzt die Kehre im Grab. Aber warum musste er 1895 auch ausgerechnet in Pankow, Berliner Straße 27, die Bilder zum ersten Mal laufen lassen. Meinetwegen hätte es New York sein dürfen. Ich bitte lediglich, den Vorteil zu erwägen, den genießen kann, wer nie ins Kino geht: Es gibt so viele Überraschungen. Schließlich ist hier nicht mal der Sex noch was besonderes. Es sei denn, man wird erwischt. Keine Sorge, das nächste Mal ist auf diesem Platz wieder was aus New York zu lesen.