Im Interview: Jörg Buttgereit Print
von Beatrice Behn   

Wenn man gleich mit dem Tod anfängt, was soll dann noch kommen?

Ein Gespräch mit Jörg Buttgereit, deutscher Regisseur, Autor und Filmkritiker. Vor allem in den 1980er Jahren hat er sich einen Namen in der weltweiten Arthaus-Horror- und Splatterfilmszene mit grenzüberschreitenden Filmen wie NEKROMANTIK und SCHRAMM gemacht. Buttgereits neuestes provokantes Werk, das Theaterstück "Captain Berlin vs. Hitler" erscheint 2009 auf DVD.

Kinokarate: Wieso hast Du von allen Grenzen, die man überschreiten kann und allen Tabus, die man brechen kann, ausgerechnet Nekrophilie gewählt?

Jörg Buttgereit: Ich habe schon immer viele Horrorfilme gesehen und in denen geht es eigentlich dauernd um Sex und Tod. Und verschleiert geht es auch oft um Nekrophilie.

Für mich war der Schritt dann nicht mehr so weit, das Kind beim Namen zu nennen. Eine weitere Inspirationsquelle für mich ist auch der Fall von Ed Gein, einem amerikanischen Grabräuber und Mörder aus den 1950er Jahren, auf dessen Geschichte auch "Psycho", das Buch von Robert Bloch bzw. Hitchcocks gleichnamiger Film, basieren. Die Assoziationskette, die Gein in den 1950ern ausgelöst hat, zieht sich bis zu SCHWEIGEN DER LÄMMER (1991) und IN THE LIGHT OF THE MOON (2000). NEKROMANTIK (1987) würde ich genauso in diese Kette einordnen.

Kinokarate: Wie hat denn Deine Umwelt damals darauf reagiert, als Du begannst Filme über Nekrophilie zu machen?

Jörg Buttgereit: Zunächst waren die Leute sehr erstaunt, denn bisher hatte ich nur Komödien gemacht. NEKROMANTIK ist zwar auch lustig, aber scheinbar ist den Leuten das Lachen da eher im Hals stecken geblieben. Die ersten Kritiken, die rein kamen, waren auch sehr interessant. In einem schwulen Magazin wurde NEKROMANTIK als erster Film über AIDS aufgefasst, weil die Darsteller ja im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Tod ins Bett gehen. So war das damals. Da war das ein wichtiges Thema und dementsprechend wurde der Film interpretiert. Heute sieht man ihn eher als Untergrundkino an. Meine eigentliche Intention war allerdings der Protest gegen die Zensurbewegung der 1980er Jahre. Als Horrorfilmfan hatte man es damals sehr schwer, Filme in Deutschland zu erwerben, die nicht total verstümmelt waren. Mit NEKROMANTIK haben wir alle Kontrollinstanzen ausgeklammert. Der Film war selbst gemacht, selbst in die Kinos gebracht, selbst auf VHS raus gebracht, nur um zu sehen, ob das geht und ob die freiwillige Selbstkontrolle auch wirklich freiwillig war.

Kinokarate: Und was dachten Deine Eltern darüber?

Jörg Buttgereit: Die waren ja nicht unvorbereitet. Sie mussten mich als Kind immer wecken, wenn Frankenstein oder Godzilla im Fernsehen liefen. Ich glaube eh, dass die Idee über NEKROMANTIK schlimmer ist als der Film selbst. Es ist eine Liebesgeschichte – nur dass eben einer davon tot ist. Ich glaube die Leute sind einfach irritiert, dass diese Menschen am Ende nicht weggesperrt werden, sondern einfach so leben dürfen.

Kinokarate: Ganz ehrlich, wie oft wurdest Du schon gefragt, ob Du nicht selbst nekrophil bist?

Jörg Buttgereit (lacht): Früher ganz oft. Als der Film bei einem Festival gezeigt wurde, kam sogar mal ein Metzger zu mir und hat mich als pervers beschimpft. Das fand ich schon erstaunlich. Aber das hat sich in den letzen Jahren gelegt. Meine neuen Arbeiten sind ja auch eher naiver. Ich entwickle mich ja quasi zurück. Zum Beispiel habe ich gerade für ARTE eine Dokumentation über Monster und Monstermacher gedreht ["Monsterland"], die sich auf einer philosophischen Ebene damit beschäftigt, ob wir eigentlich noch Monster brauchen. Ich gehe also gerade einen Schritt zurück und schaue jetzt genauer hin und analysiere, warum ich und warum Menschen eigentlich auf solche Filme wie NEKROMANTIK stehen.

Kinokarate: Wolltest Du mit Deinen alten Filmen nur Grenzen überschreiten, schocken und ekeln, also Splatterfilm zum Selbstzweck drehen, oder hatten diese Filme noch einen anderen Zweck?

Jörg Buttgereit: Na, als erstes war das eine Protesthaltung. Ich wollte einfach Filme machen, ohne sie diesen Zensurbehörden überlassen zu müssen. Aber wenn man sich Filme wie NEKROMANTIK, TODESKING oder SCHRAMM mal näher anschaut, geht es schon darum festzustellen, was einen an solchen Geschehnissen so fasziniert oder warum es nötig ist, sich mit solchen Dingen auseinander zu setzen. Und letztendlich handeln alle Horrorfilme vom Tod, der durch die Monster gebracht wird. Gerade für Jugendliche ist dieses Thema immer hochaktuell, da sie sich und ihre Grenzen auch erfühlen und austesten müssen. Das ist ja das Blöde am Zensieren, dass Horrorfilme eigentlich für Jugendliche gemacht werden, die diese aber nicht sehen dürfen. Außerdem sind meine Filme auch eine Art Außenseiterstudie, ähnlich wie Tim Burtons EDWARD MIT DEN SCHERENHÄNDEN. Ich mag einfach die Underdogs, die nicht verstandenen, ungeliebten Kreaturen. Aber ganz ehrlich, ich mache mir bei meinen Projekten nie vorher Gedanken darüber, was ich damit bezwecken will. Eigentlich macht man ja solche Sachen, damit man es eben nicht erklären muss.

Kinokarate: Bist Du überrascht über die vielfältigen Interpretationen Deiner Filme?

Jörg Buttgereit: Ja total, es gibt sogar ein Buch mit Interpretationen, das ich selbst herausgegeben habe. ["Nekromantik"-Buch von 2007] Dieses Buch beinhaltet vor allem aktuelle Interpretationen meiner Filme, denn es interessiert mich sehr, was jetzt noch in meinen Filmen drin steckt, wie sie heutzutage aufgenommen werden. Soweit ich das sehe, gibt es zumindest in Deutschland auch keine Nachfolgefilme, die den Platz von NEKROMANTIK eingenommen haben könnten. International gesehen gibt es schon mehr Filme, wie beispielsweise Gaspar Noés IRREVERSIBLE, die ähnlich kontrovers sind, aber natürlich viel mehr Aufwand betrieben haben als ich vor zwanzig Jahren.

Kinokarate: Wie reagieren denn die Zuschauer auf die Filme? Siehst Du Unterschiede in der Reaktion von damals und heute?

Jörg Buttgereit: Ich bin ja jetzt schon lange mit meinen Filmen auf Festivals unterwegs und ich habe immer grundlegende Unterschiede in den Reaktionen festgestellt. Allerdings unterscheiden die sich nicht so sehr durch die Zeit, die vergangen ist, sondern es kommt auf das kulturelle Umfeld an. In Südkorea zum Beispiel spielte der Film vor einem sehr jungen Publikum. Und so zirka 70 Prozent waren Frauen, was ich sehr merkwürdig fand, da der Horrorfilm ja eher eine Männerdomäne ist. Nachdem NEKROMANTIK vorbei war, kam es zur Fragerunde und mir wurden überraschenderweise nur religiöse Fragen gestellt, die sich auf eine Szene im Film beziehen, in der der Selbstmörder vor seinem Tod ein Kruzifix zusammenbaut. Das fanden sie Südkoreaner viel spannender als die Nekrophilie.

Kinokarate: Die Grenzen des guten Geschmacks sind also abhängig von der jeweiligen Kultur?

Jörg Buttgereit: Absolut. Das lässt sich am besten daran erkennen, wie meine Filme in den einzelnen Ländern zensiert werden. In Thailand sollte ich auch auf ein Filmfestival eingeladen werden. Nachdem die Zensurbehörde sich dann meinen Film angesehen hatte, wurde ich wieder ausgeladen und der Film blieb in Thailand verboten. Aber es geht noch abstruser. In England durfte ich den Film spielen, in Schottland aber nicht. In den USA hatte ich keine Probleme, aber in Japan wurden alle Genitalbereiche verpixelt, was den Film lustigerweise viel gruseliger macht, als er eigentlich ist, denn die Verpixelung kaschiert ganz hervorragend die schlechten Spezialeffekte. Das war also mal eine willkommene Zensurmaßnahme.

Kinokarate: Woran, denkst Du, liegt es, dass grenzüberschreitende Filme wie John Waters’ PINK FLAMINGOS heutzutage kaum noch interessieren, während Deine Filme immer noch heiß diskutiert werden?

Jörg Buttgereit: Das liegt daran, dass ich zumindest inhaltlich gleich an der äußersten Grenze angefangen habe. Ich meine, um das zu steigern, was ich mit NEKROMANTIK gemacht habe, müsste man ja kriminelle Energien entwickeln. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wie man das noch steigern sollte.

Kinokarate: Was ist denn mit Filmen wie HOSTEL, die ja scheinbar nur noch die Grenzüberschreitung als solche feiern?

Jörg Buttgereit: Das Interessante an diesen Filmen ist ja, dass sie bei aller Brutalität einfach eine direkte Reaktion auf die Geschehnisse in Abu Ghraib sind. Das sind Post-9/11 Filme. Also insofern sehe ich schon eine historische und sozialpolitische Relevanz, denn auf dieses Thema, die Folter an sich, wären Filmemacher vielleicht sonst nicht gekommen. In HOSTEL geht es ja auch um junge Amerikaner, die nach Osteuropa gehen, in eine Gegend, ähnlich wie die islamischen Staaten, vor der die meisten Amerikaner eher Angst haben. Und trotzdem gehen sie dorthin, unwissend und mit dem Hochmut, alles unter Kontrolle zu haben.

Kinokarate: Das heißt, transgressive Kunst, wie Deine Filme, wird heutzutage noch genauso dringend benötigt wie vor 20 Jahren?

Jörg Buttgereit: Absolut, denn nur so kommt man doch weiter. Es gibt nichts Langweiligeres als Berechenbarkeit. Man muss Grenzen einfach immer wieder testen und umwerfen.

Kinokarate: Führt das dann dazu, dass der Zuschauer tatsächlich seine Grenzen auch im Alltag testet oder glaubst Du, die meisten holen sich nur ihren Kick im Kinosaal, um dann wieder ganz brav zu sein?

Jörg Buttgereit: Nun, die meisten Leute, die aus meinen Filmen kommen, sind eher sauer. Die erwarten einen richtigen Horrorfilm, den sie nicht bekommen. Das frustriert. Auf Festivals kommen manchmal Leute noch Tage danach zu mir und fragen, wie bestimmte Dinge gemeint waren. Ich glaube also schon, dass es die Zuschauer über den Film hinaus beschäftigt. Aber ich gebe auch ehrlich zu, dass das Absicht ist. Ich habe schon immer mit dieser Erwartungshaltung, die die Menschen haben, gespielt. NEKROMANTIK 2 ist ja eher LOVESTORY 2. Kein Horror, sondern Romantik. Aus meinem Theaterstück "Captain Berlin vs. Hitler" sind alle Theaterliebhaber kopfschüttelnd raus gerannt. Denen war das einfach zu trivial, denn dem Theater hat man ihrer Meinung nach mit Ehrfurcht zu begegnen. Erwartungen nicht zu erfüllen, wirkt meist so befremdend, dass es dazu führt, dass die Leute sich damit intensiv beschäftigen.

Kinokarate: Befürchtest Du nicht, dass Zuschauer versuchen könnten, die Grenzen, die Deine Filme überschreiten, im wahren Leben auch zu testen?

Jörg Buttgereit: Also wer so was in echt macht, der wurde nicht von meinem Film darauf gebracht, sondern hatte vorher schon Probleme. Diese Debatte, dass Horrorfilme Leute verleiten, ist Quatsch. Für mich sind das nur Ausreden. Ich habe so viele Horrorfilme in meinem Leben gesehen und gemacht, da hätte ich ja schon längst zu einem Monster mutieren müssen.

Kinokarate: Wo sind denn Deine persönlichen Grenzen? Was würdest Du nie verfilmen?

Jörg Buttgereit: Das ist eine schwierige Frage. Grundsätzlich gibt es bei mir nur Grenzen der Intelligenz. Wenn mich was nicht interessiert oder es einfach zu blöd ist, dann mache ich es nicht. Aber wenn man gleich mit dem Tod angefangen hat, was soll da noch groß kommen? Obwohl man ja sagen muss, dass die Beschäftigung mit solchen Themen aus der Angst heraus geschieht. Also eigentlich zeigen meine Filme genau meine Grenzen und meine Ängste. Ich habe Angst vor dem Tod. Damals mehr als heute. Und meine Filme haben mich in den letzten Jahren begleitet auf dem Weg, mit dieser Angst umzugehen.