Von Beziehungen und anderen Leiden Print

Ein Interview mit Carl Andersen

Carl Andersen führt Regie, schreibt, produziert und spielt als Schauspieler nicht nur in seinen eigenen Filmen. Seine Filmographie ist mittlerweile auf mehr als ein Dutzend Werke angewachsen. Seine Filme handeln zum Beispiel von Vampiren, von Sex, von Beziehungen und vom Filmemachen und dessen Auswirkungen auf Beziehungen und Sex. Zur besonderen Meisterschaft hat es Andersen darin gebracht, die Grenzen zwischen Fiktion, Dokumentation und Realität in seinen Filmen zu vermischen, vor allem was seine eigene Person und die Rolle als Regisseur und Darsteller angeht.

Der Wiener lebt seit 1991 in Berlin. Lothar Lambert hat im Jahr 2005 mit „Küss die Kamera" einen grandiosen Dokumentarfilm über Andersen und den Schauspieler Erwin Leder gedreht. Darin interessiert sich Lambert nicht unbedingt zur Freude von Carl Andersen stark für die Sexszenen in Andersens Filmen. Mit diesem Thema wird Andersen immer wieder konfrontiert, denn Sex in seinen Filmen ist anders als in einem Pornofilm, weil er authentisch wirkt. Das interessiert, verwirrt, empört das Publikum und die Rezensenten, ja nicht selten sogar die Schauspieler - je nach Standpunkt und eigenem Geschmack. Für Andersen ist dagegen Sex ein Teil von Beziehungen und die Frage die er immer wieder stellt lautet: „Wo ist die funktionierende Beziehung?"

Für KinoKarate zeigte Carl Andersen vor dem Interview seine beiden neuesten Filme „Chien Fuck!" und den noch unveröffentlichten „Obsession - 25 bps".

KinoKarate: Würdest Du Dich selbst als Filmfanatiker bezeichnen?

Carl Andersen: Eher als Filmleidenschaftler.

KinoKarate: Was ist der Unterschied?

Andersen: Leidenschaft klingt für mich besser als Fanatismus und schafft auch Leiden. Fanatismus klingt so negativ belegt.

KinoKarate: Gibt es noch etwas anderes, was Du mit ähnlicher Intensität betreibst wie das Filmemachen?

Andersen: Beziehungen zu Grabe tragen vielleicht.

KinoKarate: Bei deinem neuesten, noch nicht veröffentlichten Film „Obsession - 25 bps" von dem Du uns eine Rohfassung gezeigt hast, hast Du Dir ja nicht einmal den Schutz eines Charakters oder einer Figur gewährt - du trittst als Carl Andersen auf. Steckt nicht in all deinen Filmen extrem viel von Dir drin?

Andersen: Ja und nein. In all meinen Filmen steckt ein Stück von mir drin - aber auch ein Stück von allen Leuten, die daran mitgearbeitet haben. Letztlich sind es alles Figuren - aber die Figuren kommen aus der Realität.

KinoKarate: Du hast erwähnt, dass es oft Probleme mit deinen Schauspielern gibt, nachdem die Filme fertig gestellt sind. Hängt das vielleicht damit zusammen, dass viele der Schauspieler sich nicht klar darüber sind, wie viel von ihnen selbst in den Figuren steckt?

Andersen: Ich denke jeder Schauspieler, der in meinen Filmen mitmacht, weiß, dass er oder sie ein Stück von sich selbst einbringt. Egal ob Profischauspieler oder Laie, wenn du vor der Kamera agierst, dann siehst du Dinge, die du ausleben willst und das tust du dann. Und wenn dann einer sagt, „Hilfe, Hilfe, jetzt schäm' ich mich aber" - das begreif ich nicht. Jeder Schauspieler, der zum Beispiel einen Psychopathen spielt, möchte einmal ausprobieren, wie das so ist als Psychopath, aber eben nicht in der Realität, sondern in seiner Fantasie. Und dafür gibt's die Kamera.

KinoKarate: Welche Rolle spielt die Kamera in deinen Filmen?

Andersen: Durch die Kamera passieren Geschichten, die ohne Kamera so nicht passiert wären.

KinoKarate: Hat das etwas mit Kontrolle zu tun?

Andersen: Jeder, der eine bestimmte Idee hat, die er realisieren will und von A bis Z dahinter her sein will, der hat die Kontrolle und muss sie haben. Das hat aber nichts mit Kontrollzwang zu tun.

KinoKarate: In Deinem Film „Lick an Apple like a Pussy" geht es ja gerade um eine Regisseurin, die versucht, diese Kontrolle über die Schauspieler zu erlangen, die aber daran scheitert. Hast du dabei deine eigenen Erfahrungen verarbeitet?

Andersen: Das ist zwangsläufig der Film, den du irgendwann als Filmemacher drehst, wenn du solche Filme wie meine drehst - über Beziehungen, Sexualität und so weiter. „Lick an Apple ..." ist der Film, der dann folgerichtig irgendwann passiert.

KinoKarate: Du machst Filme über Beziehung. Nun gibt es ja unzählige Filme über Beziehungen - über romantische Beziehungen, nichtromantische, komplizierte, unkomplizierte Beziehungen und so weiter. 99 Prozent dieser Filme blenden den Sex aus oder deuten ihn nur an. In deinen Filmen ist der Sex sehr explizit vorhanden. Warum ist Dir das so wichtig? 

Andersen: Ich hätte weniger Probleme mit den Schauspielern, wenn ich Sexszenen nicht so drehen würde, wie ich sie drehe - nämlich weitgehend realistisch. Aber ich drehe Filme nicht für das Ego der Schauspieler, sondern um eine Geschichte zu transportieren. Und mich interessiert das, wo der Fernsehfilm und die meisten Kinofilme wegblenden. Es geht in meinen Filmen ja weniger um Sex als um Probleme mit dem Sex. Und da kannst du eben nicht zeigen, wenn du die Hose auf dem Arsch lässt und vielleicht mal das Markenetikett der Hose zeigst. Aber ich finde ja überhaupt, dass sich meine Filme nicht auf den Sex reduzieren lassen. Aber das ist das, was viele Leute daran am meisten beschäftigt.

KinoKarate: Auffällig an deinen Filmen ist die Vermischung der drei Ebenen Leben - Film - Dokumentation. Ist das ein bewusstes Spiel oder ergibt sich das aus der Art, wie Du Filme machst?

Andersen: Das vermischt sich einfach. Ich mache Filme über Dinge, die ich erlebe oder beobachte - sei's der Beziehungsstreit in einem Café oder einem Videoladen. Und ich will das so echt wie möglich darstellen. Und durch die Methode, wie ich die Filme drehe, vermischen sich diese Ebenen eben sehr leicht. Zum Beispiel die Szene in „Obsession - 25 bps", wo es zum Streit zwischen mir und der Schauspielerin kommt, die im Film auch meine Freundin ist. Die Szene kam zustande, weil ich genau diesen Streit mit meiner damaligen Freundin wirklich hatte. Gleichzeitig gab es auch Spannungen - anderer Art - zwischen mir und der Schauspielerin. Deshalb ist sehr schwer auseinander zu halten, welche realen und fiktionalen Ebenen sich in der Szene wie vermischen und wie sich das auf die Szene ausgewirkt hat.

KinoKarate: Du arbeitest ja in der Berliner Videothek Negativeland. Und bist bekannt für die Filmempfehlungen, die du den Leuten gibst. Wie kommen die zustande?

Andersen: Zum einen durch Beobachtung: Der guckt sich die und die Filme an - sollte sich auch die und die Filme angucken. Zum anderen ist es oft reine Frechheit, um indirekt zu sagen, schau dir mal einen vernünftigen Film an.

KinoKarate: Gibt es darauf auch negative Reaktionen?

Andersen: Ja, das gibt's auch. Da heißt es dann bei jedem Film, den du vorstellst, kenn ich nicht - will heißen, interessiert mich nicht. Aber meistens finden die Leute es ganz gut. Die hören dir auch zu, wenn du ihnen einen Tipp gibst. Und man kann über Geschmack streiten, das ist auch immer sehr lustig.

KinoKarate: Machst Du Dir ein Bild von den Leuten, je nachdem, welche Filme sie sich ausleihen?

Andersen: Nein, die Leute sollen sich ein Bild von mir machen aufgrund der Filme, die ich empfehle.

Das Interview führten Steffen Wagner und Tiziana Zugaro-Merimi.