"Wenn man eine tolle Story hat, will man den Geldkoffer aufklappen und den Film einfach machen."
Ein Interview mit Fabian Massah (Mitgründer Endorphine Production) unter anderem über die meist produktive Liebe zwischen Regisseuren und Produzenten und über die Gründe warum Produzenten heute keine Kaiser mehr sind.
Kinokarate: Wie erklärst du dir das Paradox, dass alle die mit Film zu tun haben, um den Einfluss eines Produzenten auf das Endprodukt wissen, außerhalb des Business aber meist nur der Regisseur als „Filmemacher" wahrgenommen wird?
Fabian Massah: Ich denke, das hat damit zu tun, dass der primäre Geschichtenerzähler der Regisseur ist; er entwickelt Bilder und Töne, inszeniert die Schauspieler und repräsentiert die gesamte Vision des Filmes nach außen. Regisseure entwickeln einen eigenen Stil. Eine Ausnahme auf Produzentenseite ist bei uns zum Beispiel Bernd Eichinger. Egal, ob der mit Tykwer oder Hirschbiegel dreht, ist das immer ein Eichinger Film.
Kinokarate: Woran erkennt man dann die „Marke" eines Produzenten? Am Stoff?
Fabian Massah:
Grob kann man vielleicht sagen, der Produzent entwickelt eine Marke am Publikum, der Regisseur eher am Stil. Beim Regisseur ist das der Rhythmus, die Art zu erzählen, beim Produzenten entwickelt sich die Handschrift eher daraus, auf was für ein Publikum er schielt. Mach ich einen Film für das Arthouse Publikum oder Family Entertainment, mach ich die Riesen-Budget Filme oder eben nicht? Eichingers Marke ist Unterhaltung für das Mainstream Publikum. Produzenten können da eher auch mal was anderes machen, einen Horrorfilm und dann wieder Arthouse. Trotzdem ist das selten, denn man kennt die Finanziers von gemeinsamen Projekten. Und wenn man als Produzent einen Horrorfilm gemacht hat und will jetzt so eine Art Ingmar Bergmann Film drehen, dann sagen die Geldgeber, ‚Geh mal lieber woanders gucken!‘. Man muss sich dann ganz neue Beziehungen aufbauen.
Aber auch wenn ich noch relativ am Anfang stehe, sehe ich mich als kreativen Produzenten und hoffe, dass sich irgendwann ein Stil zeigt, der in der Art, zu erzählen liegt, in einer Qualität, gute, packende Geschichten zu erzählen - egal ob Drama, Dokumentar oder ein Genrestück. Ich will Geschichten machen, die mir auf den Nägeln brennen.
Kinokarate: Letzteres hätte ein Regisseur wohl genau so gesagt, da seid ihr euch ganz nah. Aber wo trennen sich die Wege? Wo bist du der Organisator und der Regisseur der Künstler, wo lässt du ihn machen und an welchem Punkt gibt es dann auch mal Knatsch?
Fabian Massah:
Wir arbeiten zusammen bei der Story und bei Fragen der Ästhetik, dann entscheiden wir gemeinsam, wer die Rollen spielt. Welche Budgetgröße braucht das Projekt, wen wollen wir erreichen - all das finden wir gemeinsam heraus. Bei der konkreten Inszenierung, der Visualisierung, da lass ich den Regisseur dann aber gehen. Wenn ich weiß, wir teilen die gleiche Vision, dann muss ich ihm diese Freiheit lassen. Auch wenn man sich sicher an jeder Stelle streiten kann, sage ich nicht, ‚Mach hier mal einen Close-up‘. Wenn der Regisseur mich fragt, sage ich meine Meinung. Wenn ich aber die Muster sehe und ich finde, das entspricht gar nicht dem, von dem ich dachte, dass es unsere Vision ist, dann reden wir natürlich darüber. Und einer von beiden muss es dann einsehen. Wichtig ist, die Vision zu teilen und dann überzeugt mal der Regisseur den Produzenten und mal umgekehrt.
Kinokarate: Als Produzent, muss man ein Gespür dafür haben, was der Markt will. Sucht man gezielt Drehbücher und einen Regisseur oder geht es andersherum: es kommt ein Drehbuch / Regisseur mit einer Idee und die passt in die Zeit?
Fabian Massah:
Ich schau natürlich, was gerade gut läuft, aber das ist nicht das Entscheidende für ein Projekt. Die Geschichte muss gut sein, die muss mich packen. Obwohl man immer im Voraus denken muss, sollte die Geschichte eine gewisse Zeitlosigkeit haben. Die Geschichte kommt nicht nur über Drehbücher zu mir, sondern ich lese auch Zeitung und manchmal springt mich einen Geschichte an, die schreibe ich in Grundzügen auf, lass sie liegen und guck, ob ich vielleicht mal einen Autor dafür finde. Ich mach mich aber nicht abhängig von dem, was gerade gut oder schlecht läuft. Dafür, dass das nicht funktioniert, gibt es viele Beispiele. Nehmen wir Jerry Bruckheimer - der wollte einen Piratenfilm machen, alle haben abgewunken. Und dann nimmt er Johnny Depp mit rein, dem er ein halbes Jahr hinterhergelaufen ist, obwohl Tom Cruise es machen wollte - und landet einen Volltreffer.
Kinokarate: Wenn man jetzt mal die Rollenverteilung dualistisch aufteilen will, steht dann der Regisseur für Kreativität und Idalismus und der Produzent für die Rationalität?
Fabian Massah:
Das verschwimmt. Der Unterschied ist vielleicht, dass der Produzent das Projekt auch mal aus der Ferne betrachtet. Als Regisseur steckt man so tief drin, da ist der Produzent oft der Ausgleich. Wenn wir aber zusammensitzen über der Story, denk ich nicht von außen, sondern bin drin in den Geschichten und Charakteren. Und anschließend betrachte ich das ganze wieder von weiter weg. Wir kommen zusammen und trennen uns im Verlauf von so einem Projekt immer wieder.
Kinokarate: Und wann kommt der Punkt, an dem du aus organisatorischen Gründen die Peitsche schwingen musst?
Fabian Massah: Der Punkt kommt genau dann, wenn Deadlines von Finanziers, anstehen egal in welcher Phase, ob beim Buch oder bei der Produktion. Oder wenn ich sehe, jetzt im Herbst gibt es eine Förderung, oder ich hab gehört, der Verleih sucht gerade bestimmte Stories, dann sag ich schon mal, wir müssen jetzt zu Potte kommen und bis dann und dann brauch ich was. Ich mach eigentlich die ganze Zeit Pläne: nächstes Jahr bis dann und dann muss die Finanzierung stehen, dann im Sommer drehen und dann sind wir mit dem Schnitt fertig und dann wäre diese Festival interessant. Das ist so eine Art Idealszenario, das immer wieder angepasst wird. Ich will aber auch nicht eine halbgare Geschichte raushauen, da verschieb ich alles lieber nochmal um ein Jahr. Während des Filmens ist das anders: da kostet jede Verschiebung richtig Geld und schränkt einen in den Möglichkeiten ein.
Kinokarate: Orson Welles hat mal gesagt, dass er sich wünschte, er wäre Maler oder Schriftsteller geworden, dann könnte er morgens aufstehen und loslegen mit der Kunst. Als Filmemacher müsse er aber die meiste Zeit damit verbringen, Klinken zu putzen und um Geld zu betteln. Welchen Anteil hat die Arbeit das Geld zusammenzubekommen gegenüber der künstlerischen Arbeit?
Fabian Massah:
Einen sehr großen Anteil. Aber ich finde das gar nicht nachteilig. Ich meine, am liebsten will man natürlich, wenn man eine tolle Story hat, den Geldkoffer aufklappen und den Film einfach machen. Aber so ist das eben nicht. Man muss losgehen, Klinkenputzen, was manchmal sehr nervig sein kann. Aber im Grunde ist der Prozess nicht schlecht, man bekommt ein Feedback aus dem Markt. Du bist immer wieder gezwungen, deine Vision zu überprüfen. Ich meine damit nicht, dass du deine Vorstellungen an das anpassen muss, was der Markt will: Sondern man merkt einfach, an welchem Punkt die Geschichte von welchen Leuten verstanden sind. Und so man kann seine Vision durch die ständige Auseinandersetzung letztlich stärken. Die Zwänge haben auch was Positives, bei aller Ungeduld, die man hat, wenn man ein tolles Projekt auf dem Tisch hat.
Kinokarate: Wenn man im Abspann neuerer Filme guckt, werden da manchmal fünf Produktionsfirmen als Co-Produzenten und manchmal sogar mehrere Executive Produzenten genannt. Wie wird konkret die Arbeit verteilt?
Fabian Massah:
Wer das meiste Geld bringt, hat generell am meisten zu sagen. Es gibt aber auch Fälle, in denen derjenige, der das wenigste Geld gebracht hat, die Story und den Regisseur mit einbringt und somit eine echte Bindung zu dem Projekt hat. Dann sagt der große Geldgeber manchmal: ‚Ich vertraue dem und investiere meine Kohle in das Projekt‘. Der Geldgeber bekommt dann aber natürlich Produzentencredit und ist stärker an den Erlösen beteiligt als der Kleinere. Wichtig für den Regisseur und die Qualität des Films ist, dass es einen Produzenten gibt, mit dem er sich kreativ auseinandersetzt. Eigentlich ist der Produzentenbegriff aber schwammig: Jeder der Geld hat und es irgendwo reinsteckt, kann sich Produzent nennen; und so gibt es eben diese ganzen Associates Soundso. Beim Oscar ist es aber so, dass egal ist, wer das meiste Geld gegeben hat - derjenige Produzent kriegt den Oscar, der die Story gebracht hat, die Schauspieler und alles. Also ist das ein Oscar für den kreativen Teil der Arbeit.
Kinokarate: Trotz der ganzen Produzenten gibt es immer nur einen Regisseur. Handelt es sich hier um eine Art Bandenbildung gegenüber dem kreativen Einzelgänger?
Fabian Massah: Das sollte natürlich nicht so sein, man könnte so ja auch nicht arbeiten. Die ganze Bande von Produzenten muss eben dem Regisseur das Vertrauen geben. Bei einem Mainstream-Film passiert es auch mal, dass ein Regisseur ausgetauscht wird, aber das geht natürlich nur, wenn keine besondere Autorenhandschrift dabei ist.
Kinokarate: Wird ein Kino-Regisseur nicht erdrückt von den kommerziellen Erwartungen, der Fernsehauswertung und der vielteiligen Finanzierung?
Fabian Massah:
Das betrifft natürlich auch die Produzenten. Wenn das Fernsehen mit relativ viel Geld reingeht, dann muss ein Film auch programmtauglich sein - und das ist auch das gute Recht der Fernsehleute, denke ich. Aber wenn du als Regisseur sagst, ich mach einen Kinofilm, will mich den Fernseh-Erzählmaßstäben nicht beugen, dann wird der Produzent zum Mittler zwischen Regisseur und Redaktion. Und wenn der Produzent klein beigeben muss, kriegt das der Regisseur natürlich auch direkt ab. Man muss als Produzent gegenüber der Redaktion stark bleiben, wenn man selbst an die Vision des Regisseurs glaubt und ihn freihalten von dem Hin und Her.
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Kinokarate: Von David Selznick einem legendären Hollywood Produzenten - unter anderem von Vom Winde verweht, Spellbound und Der Dritte Mann - wurde gesagt, dass er sogar nachts die Drehbücher umgeschrieben habe. Bei seinen Filmen wechselte er die Regisseure wie Reiter ihr Pferd. Da waren die Produzenten noch Kaiser im alten Studiosystem. Ist so etwas heute noch denkbar?
Fabian Massah: Selznick war schon stark in dem, was er gemacht hat, aber das wäre heute nicht mehr möglich. Im alten Hollywood Studiosystem waren alle Leute viel austauschbarer. Die Schauspieler gehörten den Studios und die Regisseure waren Angestellte: ‚Du machst das jetzt so!‘, wurde denen gesagt. Sehr erfolgreiche Produzenten wie Eichinger, die auch eine eigene Handschrift haben, die könnten das im Grunde machen. Beim Fernsehen würde es vielleicht noch so gehen, da ist man so stark eingebettet, zum Beispiel beim Tatort, da gibt es so viele vorgegebene Strukturen, dass einen Regisseurwechsel draußen wahrscheinlich gar keiner merken würde. Aber das kommt selten vor und ist immer die absolute Notlösung.
Kinokarate: Du hast an der DFFB studiert. Die meisten Leute, die zum Film wollen, möchten gern Schauspieler oder Regisseur werden. Warum wird man Produzent?
Fabian Massah:
Bei mir war das Zufall. Ich hab davon gehört, dass ein neuer Studiengang eröffnet wurde, da war ich 23 und dachte, das ist genau das, was ich machen will. Ich wusste schon, dass ich zum Film will, die Leidenschaft hatte ich. Aber wusste noch nicht genau, wohin: 'Schauspieler? Nö. Regisseur? Auch nicht so richtig.' Ich habe dann angefangen, selbst zu schreiben, mir Geschichten auszudenken, aber gemerkt, mir fehlt da noch das Wissen und die Erfahrung. Ich war eben noch jung. Und dann kam der Studiengang und ich dachte, das ist es! Da wird das Geschäftliche mit dem Kreativen verbunden und man macht aus dem Nichts etwas Ganzes, das für immer da bleibt. Und das war für Fabians Ego genau das richtige (lacht). Und ich spür das Feuer immer noch! Ich könnte nichts anderes machen. Höchstens irgendwann mehr schreiben, aber da müsste ich ganz raus aus allem anderen. Wenn es gut läuft, ist aber Produzent Sein das, was ich immer machen werde. Inschallah.
Kinokarate: Danke für das Gespräch, Fabian.
(Interview: Christian Westheide)
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