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Die Bulldogge und das Schoßhündchen
Das Drehbuchteam Billy Wilder und I.A.L. Diamond hat für „The Fortune Cookie“ alle Zutaten einer Farce zusammengemixt: ein absurdes Ereignis als Ausgangspunkt, eine Storyline mit haarsträubenden Verwicklungen, bizarre Nebenakteure, eine getürkte Liebesgeschichte aber vor allem zwei ebenso plakative wie gegensätzliche Hauptfiguren. Walther Matthaus macht aus dem Anwalt eine Ganovenfigur mit dem Habitus einer Bulldogge. Er könnte direkt aus einem Gangsterfilm der 30er Jahre entsprungen sein. Schon nach der ersten Szene im Krankenhausflur weiß der Zuschauer alles über Wiplash Willie. Die Schwiegermutter blafft er an, „Shut up, mother“, das Telefongeld klaut er aus der Sammelbüchse für ledige Mütter, die Schwestern terrorisiert er. Das ist genauso brillant geschrieben wie gespielt. Matthau hat zwar keinen Revolver, aber ein Mundwerk wie ein Maschinengewehr und er leistet sich nicht den unnötigen Luxus eines Gewissens.
Jack Lemmon dagegen ist ein unschuldiges aber unglückliches Lamm. Natürlich will er aus der Situation kein Kapital schlagen, er freut sich eher darüber, dass er sein Sportidol „Boom Boom“ persönlich kennen lernt. Bei dem Versicherungsbetrug macht der verzweifelte Romantiker nur mit, um seine Frau zurückzubekommen. Das Geld interessiert ihn nicht. Wie bei jeder guten Screwball-Comedy funktioniert der wahnwitzige Plot, weil Matthau und Lemmon alles aus ihren Figuren herausholen, was herauszuholen ist. In so einer Komödie ist overacting keine Sünde sondern eine Tugend. Walter Matthau bellt seine one-liner, er ist aggressiv, schlitzohrig, intelligent und witzig – eine Überdosis Chuzpe auf zwei Beinen. Und er ist dabei so überzeugend, dass er für seinen Willie Gingrich den einzigen Oscar seiner Karriere erhielt. Jack Lemmon dagegen gibt den naiven Romantiker mit kindlichem Gemüt. Er windet sich, er quengelt, er will seine geliebte Sandy zurück, aber er will anständig bleiben und deshalb bringt er den Plan des bösen Schwagers, der ihn zu Beginn so gut im Griff hat, am Ende doch zu Fall. Der Erfolg des Films beruht auf dem ungleichen Kampf zwischen diesen beiden Figuren, die stereotype Pappkameraden wären, würden ihnen Matthau und Lemmon nicht soviel Komik einhauchen. Die beiden Schauspieler bringen nicht nur ihre unterschiedlichen Temperamente, sondern ihre gegensätzliche Körperlichkeit ein: Matthau ist der aggressive Bullterrier mit Knautschgesicht, Lemmon der liebenswerte aber auch etwas nervöse Schoßhund. Zwar hat Billy Wilder dem Film auch noch ein Paar Subtexte mitgegeben – Gier in der amerikanischen Gesellschaft, die Ausbeutung des „schwarzen“ Football-Spielers, die untreue „moderne Frau“ – aber das bleibt zumindest aus heutiger Perspektive nur Beiwerk zur großen Show des Kampfes zwischen den Hauptfiguren.
Altmeister Wilder hatte vorgemacht, wie gut sich Matthau und Lemmon als ungleiches Paar einsetzen lassen. Die Veredelung dieser Liebe-Hass-Beziehung zum veritablen Hollywoodklassiker unternahm nur zwei Jahre nach „The Fortune Cookie“ Gene Saks in „The Odd Couple“ (deutsch: Ein seltsames Paar). Als Vorlage diente das gleichnamige Theaterstück aus dem Jahr 1965 von Neil Simon. Walter Matthau spielte auf der Bühne den Sportjournalisten Oscar Madison, der den von seiner Frau verlassenen, selbstmordgefährdeten, neurotischen Freund Felix Ungar (im Broadway-Stück Art Carney) in seinem New Yorker Junggesellenappartement aufnimmt. Das Stück war mit 966 Vorstellungen ein Riesenerfolg am Broadway. Matthau erhielt 1965 den Tony Award, den amerikanischen Theater-Oscar, als bester Schauspieler. Simon gewann den Tony als bester Autor und Mike Nichols (zwei Jahre später bekam er den Filmregie-Oscar für „The Graduate“) die Auszeichnung als bester Theaterregisseur.
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