Jekyll & Hyde, oder: von Freiheit, Sex und Tod Print
von Tiziana Zugaro   
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Jekyll & Hyde, oder: von Freiheit, Sex und Tod
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And suddenly...Deleuze
Das Kern-Paar im Clinch
"Can't understand how one and one make one"

 „Wir spüren den Druck des Daseins gerade dann am lebendigsten, wenn wir uns in maximaler Entfernung zu moralischer Aufrichtigkeit befinden."

(Milo Rau)

 

Das Frauenbein als Memento Mori

Eine blonde Frau liegt dekorativ dahin gestreckt auf einem Bett, ihr wohlgeformtes Bein baumelt über die Bettkante, sie schwingt es wie das Pendel einer Uhr hin und her - die Kamera zoomt immer näher heran, bis das Bein in seiner Bewegung die Leinwand komplett ausfüllt. Das Auge der Kamera empfindet dabei den Blick des Mannes nach, der sich mit dieser Frau in einem Raum befindet und gerade dabei ist, seine Kleider wieder in Ordnung zu bringen. Es ist der Blick von Dr. Jekyll, einem - so legt es der Film bislang nahe - sozial bewegten Gutmenschen, angesehenen Bürger von erlesenem Kunstgeschmack, unkonventionellen und kreativen Wissenschaftler auf dem Gebiet der Medizin und Psychologie und leidenschaftlich verliebten aber den Anstand wahrenden Verlobten einer dunkelhaarigen Schönheit aus gutem Haus. Das Bild des pendelnden Frauenbeins legt sich schließlich wie ein Schleier über die folgende Sequenz, in der Dr. Jekyll wieder ordentlich in Mantel und Zylinder gekleidet die moralische Verwerflichkeit oder Nichtverwerflichkeit dieses kleinen Vorfalls mit seinem Freund diskutiert.

mamoulian_ivy300.jpgEs handelt sich hier um eine Schlüsselszene aus Robert Mamoulians Dr. Jekyll and Mr. Hyde aus dem Jahr 1932. Auch später im Film wird das schwingende Bein als geistige Rückblende den Moment markieren, in dem der angesehene Dr. Jekyll durch den Sog der weiblichen Verführung ins Reich der ungezügelten Triebe gerissen wird - die er dann als Mr. Hyde auslebt. Das Bild des anmutig schwingenden Frauenbeins ist verführerisch und bedrohlich zugleich: Es markiert die Lebenslust des leichten Mädchens Ivy, von der sich Dr. Jekyll ohne allzu großen Widerstand verführen lässt. Das schwingende Pendel, die tickende Uhr steht aber gleichzeitig für die Unaufhaltsamkeit, mit der Dr. Jekyll seinem Verderben in die Arme läuft. Und letztlich nimmt das Pendel als starkes Symbol für Vergänglichkeit und Tod das grausame Ende vorweg, mit dem Jekyll am Schluss für seine Verführbarkeit bezahlen wird. Regisseur Mamoulian setzt diese Geschichte mit großem romantischen Pathos in Szene, als Tragödie eines gefallenen Helden. Der junge, schöne, zu jener Zeit als Komödiant überaus beliebte Schauspieler Fredric March war daher die ideale Besetzung für Dr. Jekyll. March bekam für seine Rolle auch prompt den Oscar als Bester Schauspieler - bei Lichte betrachtet dafür, dass er in diesem perfekt komponierten und von Kameramann Karl Struss formvollendet in Szene gesetzten Film immer im richtigen Moment sein Gesicht - mal behaart, mal unbehaart, mal mit, mal ohne künstliche Fangzähne - in die Kamera hielt.