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Kinokarate, die 1. und - Action! Halt, Stop, Cut! Das Thema, was war nochmal das Thema? Wir brauchen ein Thema, ein Konzept, um die vielschichtigen und manchmal auch weitschweifigen Ideen, Vorlieben und Meinungen des Redaktionsteams zu bündeln und in erkenntnisbringende Bahnen zu lenken. Als sich der Hirnsturm legt, sind alle vom Fanatismus begeistert.

Fanatismus - aha!? "Fanatismus" oder "Fanatiker" - beides ist wahrlich nicht positiv besetzt. Vor allem in den letzten Jahren werden die Begriffe mit religiöser Gewalt, politischem Radikalismus oder Unterdrückung gleichgesetzt. Und warum soll sich die erste Ausgabe des Kinojournals Kinokarate einem derart negativem Phänomen widmen? Weil es uns interessiert!
 
Fanatismus ist so alt wie die Menschheit - auch daran zu erkennen, wie viele Synonyme es für „fanatisch" gibt. Eher negative wie: blindgläubig, blindwütig, hitzig, unbekehrbar, rücksichtslos, überspannt unbelehrbar, verbissen, verbohrt, vernagelt, verrannt, aufhetzerisch. Aber auch positive wie: begeistert, begierig, berauscht, ekstatisch, entflammt, enthusiastisch, hingerissen, rührig, trunken, verzückt.

Nach den letzten Wochen wissen wir Kinokaratler: Fanatismus und Film gehören zusammen wie Film und Licht. Nicht nur, dass sich im Kino Fanatiker als Schurken immer schon gut gemacht haben, und geradezu unersetzlich sind für spannende Thriller, Western oder James-Bond-Filme; auch als positive Helden finden wir im Kino Fanatiker in Form von Forschern, Erfindern, Künstlern, Abenteurern, Müttern, Vätern, Sportlern, Liebenden, Friedfertigen und Rettern.

Die Filmschaffenden selbst tendieren nicht selten zu Manie und Fanatismus, wenn sie an ihren Film arbeiten: Themen gegen Widerstände durchdrücken, gegen die Widrigkeiten beim Drehen und der Finanzierung anrennen. Mal mit Drohung und Gewalt, mal mit Geschick und Durchhaltevermögen wollen sie ihr Ziel, dieses eine Ziel, das alles andere unwichtig macht, erreichen. Und manchmal scheitern sie dabei grandios. Gerade das Kino liebt fanatische Figuren, die aus der Mitte heraus nach dem Absoluten streben, während wir Zuschauer sie aus der sicheren Distanz des Kinosessels auf dem Weg zum Triumph oder der totalen Niederlage begleiten. Im Fanatiker kristallisieren sich existenzielle Wünsche nach Macht, Ruhm, Anerkennung und einem Sinn des Lebens. Dieses Spektrum von Fanatismus wird in den folgenden acht Beiträgen vorgestellt.

Andreas Tais Artikel über das grandiose Scheitern des Westerns „Heavens Gate" beleuchtet, wie Fanatismus beim Filmemachen leider nicht zwingend erfolgreiche Filme hervorbringt, und wie, zumindest der Legende nach, ein fanatischer Regisseur seinen Film und alle, die damit zu schaffen haben, in den Abgrund reißen kann.
 
Aber Filme erzählen nicht nur Geschichten, sie erzählen auch von der Entwicklung einer Gesellschaft und ihren Werten. Was ist gut, was ist böse? Die Helden und Antihelden der Leinwand oszillieren zwischen diesen beiden Polen. Der Artikel von Steffen Wagner zeigt anhand der beiden McCarthy-Filme "Good Night and Good Luck" sowie "The Crucible", wie das Trauma der McCarthy Zeit filmisch verarbeitet wurde. Christian Westheides Artikel betrachtet die McCarthy Filme als Spiegel einer Gesellschaft, in der die Rechte und Interessen des Individuums häufig mit den Vorstellungen einer homogenen Gemeinschaft unvereinbar scheinen.

Politischer Fanatismus schafft große Kinohelden und Schurken. Doch Fanatismus braucht nicht unbedingt eine Ideologie wie McCarthys Antikommunismus - manchmal reicht auch ein ganz und gar emotionales Verlangen oder ein tief empfundener, schöpferischer Drang. Diesem Aspekt widmet sich Dominik Walther in seinem Artikel über die drei Filme „Fight Club", „Capote" und „Misery". In allen drei Fällen endet der dort vorgeführte Fanatismus mit Gewalt und Zerstörung, aus dem wieder „Gutes" erwächst; in zwei Fällen Kunst in einem Fall die Rückkehr zur beruhigenden Mittelmäßigkeit.

Eigentlich müsste man Leute, die bereit sind für irgendeine Sache zu sterben, durchweg als Fanatiker bezeichnen. Man denke an Kamikaze-Piloten, Selbstmordbomber oder die selbstzerstörerischen Impulse mancher Künstler. Aber wie geht man mit Leuten um, die absolut fanatisch gerade das nicht wollen: Sterben. Diesem Aspekt widmet sich Elvira Plitts Artikel über den Wunsch nach ewiger Jugend im Film, ein seit der Antike immer wieder aktueller Topos in Mythen, und Sagen. Wir sind sterblich - leider, aber da muss doch was zu machen sein! Der Film selbst wird dabei zu einem Heiligen Gral, indem er Figuren und Darsteller für die Ewigkeit konserviert und unsterblich macht. James Dean bleibt auf immer ein junger Rebell und Marylin Monroe ein Sexsymbol.

Bei den Gesprächen über Fanatismus und Kino stellten wir eines fest: Die Frauen im Film sind in ihren fanatischen Rollen sehr festgelegt: Entweder als wahnsinnige Liebende oder eifersüchtige Fuchtel, als hexenhafte Intrigantin oder aufopferungsvolle Jeanne d'Arc - typisch weibliche Klischees also und in dieser extremen Form nicht gerade positiv besetzt. Fanatische Männer führen Nationen in die Freiheit (oder den Krieg), erfinden Flugzeuge, schreiben Bücher, machen Filme und kämpfen bis in den Tod für ein Ideal. Frauen unterstützen die Männer vielleicht in ihren hehren Absichten, aber wenn sie selbst fanatisch werden, ist das offenbar beängstigend. Dies ist ein Aspket in Tiziana Zugaro-Merimis Artikel über fanatische Frauen in drei Filmen verschiedener Epochen.

Fanatismus, Film und Sex: das klingt nach einem Erfolgskonzept. Auf diesem Dreiklang baut der Underground Filmemacher Carl Andersen seit Jahren seine No-Budget-Filme, die er selbst wohl nie als Pornos bezeichnen würde, eher als Seelen-Striptease. Sie sind so etwas wie filmische Meditationen über Beziehungen, Filmemachen und die öffentliche Vorführung von Kopulation und Fellatio. Wie sieht es aus mit dem Schmerz, der Lust und der existenziellen Selbsterforschung? Gibt es funktionierende Beziehungen und kann man sie zeigen? Das Interview mit Regisseur und Darsteller Andersen, auch Kultfigur hinter dem Tresen der bekannten Off-Videothek „Negativeland" in Berlin, versucht dem Drang des Mannes nachzugehen, Filme - solche Filme - zu machen.

Film und Fanatismus, das passt auch für Zuschauer gut zusammen. Für Fans, die Wochen vor einem Kino campieren, um als erste das begehrte Ticket für den neuen Star-Wars-Film zu bekommen, oder jene, für die ein seltener Kurosawa im Kino das höchste Glück bedeutet. „Cinemania", der Dokumentarfilm von Angela Christlieb und Stephen Kijak über eine Gruppe New Yorker Filmfreaks, zeigt Filmeschauen und ins Kinogehen als Selbstzweck, unabhängig von Stoff, Genre oder Vorlieben. Das einzige, absolute Ziel der fünf New Yorker: So viele Filme am Tag sehen, wie nur irgendwie geht. Zum "wahren Leben" haben sie längst den Bezug verloren, denn ihr Fanatismus ist Vollzeit-Job und einziger Lebensinhalt. Wie fanatisch kann man die Illusion lieben, ohne dass das eigene Leben dabei aus den Fugen gerät? Sucht und Sehnsucht, wo ist die Grenze? Muss man sich die fünf Getriebenen als glückliche Menschen vorstellen? Dies sind einige Fragen im Interview mit Regisseurin Angela Christlieb.

Kinokarate ist das Projekt von sechs Film-Fans, deren Fanatismus in recht geregelten Bahnen verläuft. Kinokarate will mit Neugier, Leidenschaft und Entdeckerfreude zeigen, dass das Kino viel erzählt über die Welt, in der wir leben und neben der mediokeren Massenware noch immer wahre Schätze birgt. Diese zu heben, werden wir zukünftig kämpfen - mit Karate oder anderen Mitteln.

Die Redaktion