"Diese Leute sind Film-Junkies" Print

Ein Interview mit Angela Christlieb über ihren Film "Cinemania"

angelaAngela Christlieb ist mit "Cinemania" (2002) ein wunderbarer Dokumentarfilm über Wohl und Wehe der Kinomanie gelungen. Gemeinsam mit Ko-Regisseur Stephen Kijak hat die Berliner Filmemacherin fünf extrem cinephile Menschen in New York porträtiert - man könnte Jack Angstreich, Eric Chabourne, William (Bill) Heidbreder, Roberta Hill und Harvey Schwartz mit gutem Recht als Kinofanatiker bezeichnen. Das Leben dieser Cinemaniacs dreht sich ausschließlich und kompromisslos um das Geschehen auf der großen Leinwand.

1965 in Rothenburg o.d. Tauber geboren, studierte Christlieb an der Hochschule der Künste in Berlin, Medienkunst bei Valie Export, Experimentalfilm bei Heinz Emigholz und Elfi Mikesch. Ihren Meisterschülerabschluss bei Emigholz machte sie 1996 im Bereich Avantgardefilm. Es folgten Stipendien für Filmprojekte in New York, wo sie seit 1996 immer wieder für längere Zeit lebte - und auf die in "Cinemania" Porträtierten stieß. Kinokarate sprach mit ihr über das typisch Männliche am Nerd-Sein und die zwiespältige Bewunderung für die Leidenschaft des Radikalen.

Kinokarate: Wie hast du die Cinemaniacs Jack, Bill, Eric, Roberta und Harvey überhaupt entdeckt?

Angela Christlieb: Ganz einfach: Ich habe in New York an der Kasse des Programmkinos Anthology Film Archive gearbeitet, und die fünf kamen dort regelmäßig zum Filme schauen. Ich fand sie skurril und wollte unbedingt einen Film über sie machen. Mein Ko-Regisseur Stephen Kijak hatte bereits einen Kurzfilm über Jack Angstreich gedreht, und so ergab sich die Zusammenarbeit.

Kinokarate: War es schwierig, diese doch sehr eigensinnigen Menschen für die Mitarbeit an dem Film zu gewinnen?

Angela Christlieb: Ganz im Gegenteil - sie waren ganz wild darauf. Bis auf Roberta, bei ihr mussten wir harte Überzeugungsarbeit leisten.

Kinokarate: Seid ihr auch auf Filmfanatiker gestoßen, die sich der Mitarbeit an dem Film verweigert haben?

Angela Christlieb: Ja, einer wollte partout nicht mitmachen. Das war ein Universitätsprofessor, der etwa 20.000 Videokassetten bei sich zuhause stehen hatte und tatsächlich noch eine Art „normales" Leben neben seiner Cinemanie führte.

Kinokarate: Bei den Zuschauern von „Cinemania" habe ich bislang ganz verschiedene Reaktionen auf den Film-Fanatismus von Jack, Bill, Eric, Roberta und Harvey erlebt - von fassungslosem Kopfschütteln über Faszination bis hin zu totaler Ablehnung. Wie beurteilst du die Cinemanie der fünf?

Angela Christlieb: Für mich ist das pure Besessenheit und bedingungslose Obsession. Eine Flucht vor dem, wenn man so sagen will, normalen Leben. Außerdem gibt es da einen ganz klaren Suchtfaktor. Diese Leute sind Film-Junkies.

Kinokarate: Das klingt sehr kritisch. Bewunderst du die fünf nicht auch ein wenig?

Angela Christlieb: Sicher, zum Teil habe ich auch mit Bewunderung und sogar Neid auf sie reagiert. Denn diese fünf Menschen stehen klar außerhalb der Gesellschaft und zeigen: Man kann auch anders leben. Aber der Preis dafür ist hoch. Sie leben größtenteils in Armut. Und: sie sind in ihrer Cinemanie gefangen. Jack konnte beispielsweise einmal nicht zu einer Festival-Vorführung von "Cinemania" kommen, weil er eine bestimmte Serie nicht verpassen wollte.

Kinokarate: Sagt der Film nicht auch etwas über die Unfähigkeit der Menschen aus, das flüchtige Glück zu genießen? Das Kinoerlebnis - der Lebensinhalt der fünf - ist ein vergänglicher Moment der Erfüllung. Das scheint aber nicht zu reichen. Alle fünf eint das Bedürfnis, etwas zum Festhalten zu haben - seien es Kinokarten, die in jedem Fall aufgehoben werden müssen, seien es andere Devotionalien wie Programmhefte oder gar Plastikbecher, mit denen die Wohnungen der Cinemaniacs vollgestopft sind.

Angela Christlieb: Ja, sie alle sammeln etwas, das sie an die Filme erinnert, für die sie leben. Diese fünf sind in einer Zeit zu Filmliebhabern geworden, in der man das Objekt seiner Begierde nicht einfach besitzen konnte - so wie es heutzutage durch Videokassetten und DVDs möglich geworden ist. Mit ihrer Hingabe an die eben nicht allzeit verfügbare Zelluloid-Kopie sind diese Cinemaniacs eine aussterbende Spezies. In ein paar Jahren wird der Film deshalb wohl auch einen klaren historischen Aspekt besitzen.

Kinokarate: Roberta ist die einzige Frau unter den fünfen - deiner Meinung nach ein Zufall?

Angela Christlieb: Nein, ganz und gar nicht. Diese detailverliebte Sammelleidenschaft ist meiner Meinung nach etwas typisch Männliches. Und in der Ausprägung, die Jack, Eric, Bill und Harvey präsentieren, hat sie auch etwas typisch New York-Jewish-Nerd-mäßiges. Sehr intellektuell, sehr verschroben, sehr selbstironisch - und gewürzt mit einem ganz eigenen Humor.

Kinokarate: Meinst du, solche Cinemaniacs kann es nur in New York geben?

Angela Christlieb: Nein, Cinemaniacs haben wir in jeder großen Stadt getroffen, in der wir den Film auf Festivals gezeigt haben - ob in Deutschland, in den USA oder in Korea. Diese Menschen kamen nach der Vorführung geradezu auf uns zugestürmt und wollten unbedingt bezeugen, dass es sie ebenfalls gibt. Aber natürlich sind Cinemaniacs in jeder Stadt kulturell anders geprägt.

Kinokarate: Hat der Film Einfluss auf das Leben der fünf gehabt?

Angela Christlieb: Ja, auf alle Fälle. Und zum Glück im positiven Sinn. Die fünf haben es genossen, während der Festivals auf der Bühne zu stehen und Fragen zu beantworten. Und sie haben es sehr gut gemeistert, im Rampenlicht zu stehen. Grundsätzlich verändert hat sich ihr Leben aber nicht. Sie leben noch immer - trotz ihrer relativen Berühmtheit - für den Moment, wenn im Kinosaal das Licht ausgeht.

Kinokarate: Hatte der Film Auswirkungen auf dein Verhältnis zu Film?

Angela Christlieb: Ja. Ich ertrage es seitdem nicht mehr, Filme in synchronisierter Fassung zu sehen. Wenn ich ins Kino gehe, dann will ich den Film in seiner Reinform sehen. Ist das nicht möglich schaue ich ihn mir lieber gar nicht an.

Kinokarate: Film-Fanatismus ist also ansteckend?

Angela Christlieb: Ich verbringe mein Leben zwar nicht im Kinosessel, aber ja: ein kleines bisschen habe ich mich tatsächlich mit dem Cinemania-Virus infiziert.

Das Interview führte Tiziana Zugaro-Merimi.