| Vade retro, Satanas! |
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| von René Wildangel | ||||||
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Gruselige Vorwegnahme: Von Vietnam in den IrakDer „Exorzist" im Jahre 2007 gesehen - fast 25 Jahre nach seinem Erscheinen - ist auf geradezu unheimliche Weise aktuell. Denn der Film beginnt nirgendwo anders als im von George Bush einst zum Zentrum der „Achse des Bösen" erklärten Schurkenstaat: Im Irak, dem aktuellen militärischen Desaster der USA. Als „Der Exorzist" 1973 in die Kinos kam, ging gerade ein anderer Krieg zu Ende: Vietnam. 1973, das war auch der Anfang vom Ende von Nixons Präsidentschaft durch den Watergate-Skandal. Ende 1973 hatte Nixon in seiner Partei und der Öffentlichkeit bereits den Großteil der Zustimmung verloren, im Oktober 1974 trat er zurück. Die USA befanden sich im Chaos: Der Krieg im Vietnam hatte im Desaster geendet, zum ersten Mal in der Geschichte der USA sollte ein Präsident zurücktreten und das Land stand vor einer Umbruchzeit. Vor diesem Hintergrund war der „Exorzist" auch eine aktuelle politische Parabel: im Kalten Krieg ging langsam der Glaube an den militärischen Sieg über den Dämon - den Kommunismus - verloren. All die Propaganda vom fortschrittlichen, freien und überlegenen Westen: Verloren im Dschungelkampf, den Napalmbomben, den Millionen von toten Zivilisten und verheizten amerikanischen GIs in Vietnam. So wie bei der Heilung der kleinen Regan die moderne Medizin sang- und klanglos versagt, so war Ende der 60er Jahre der Glaube an den so lange proklamierten Sieg in Vietnam zu Ende gegangen. Aufschwungsgefühle und Selbstbewusstsein der Kennedyzeit waren längst vergessen, im Land formierte sich Ende der 60er Jahre eine neue Protestbewegung, Hippies, schwarze Bürgerrechtler, Frauenaktivistinnen protestierten gegen den Krieg und proklamierten den gesellschaftlichen Aufbruch. Ein Teil des Protestes driftete ab ins Psychedelische und Unpolitische. 1968 schockierte die Ermordung Martin Luther Kings das Land. Der „Exorzist" steht auch stellvertretend für eine Zeit der gesellschaftlichen Verunsicherung, einen Kontrollverlust der Politik, die Friedkin mit der Hilflosigkeit gegenüber der Besessenheit Regan verdeutlicht. Erst der vermeintlich irrationale, religiöse Akt des Exorzismus kann die Erlösung bringen. 30 Jahre später betrachtet bekommt der Film eine beklemmende, geradezu prophetische Aktualität: Denn mit dem Irakkrieg hat ein neues Trauma begonnen, ein neues Schreckgespenst die USA befallen. Was als einfacher Exorzismus nach dem 11. September geplant war - die „Teufelsaustreibung" Saddam Husseins durch den nach eigenem Glauben von Gott beseelten Bush - endet mit einer neuen Katastrophe, einem Land im Bürgerkrieg, tausenden Toten, Millionen von Flüchtlingen.
Im Film findet Pater Merrin bei Ausgrabungen im Nordirak nahe Mossul die steinerne Fratze eines Dämons, von der eine negative Energie ausgeht und die im Film das Böse, das in Regan gefahren ist, repräsentiert. Mossul im Jahre 2007, das ist einer der gefährlichsten Orte im Irak. Hier herrschen heute radikale sunnitische Islamisten und ermorden rücksichtslos all jene, die sie zu Ungläubigen erklären. Genau dort, wo im Film bei Ausgrabungen Pater Merrin den steinernen Dämon findet, scheint sich die Büchse der Pandora geöffnet zu haben, um 30 Jahre später fatale Wirkung zu zeigen: Der vermeintliche Exorzismus des Saddam Hussein bringt nicht Kontrolle, sondern Anarchie und Bürgerkrieg ins Land. Aber George Bush hatte selbst nicht an einer religiös aufgeladenen Propaganda gespart, die den Krieg im Irak zu einem gerechten Krieg, einer Glaubenssache machen sollte. Dieser Kampf „Gut gegen Böse" hat in der Realität kein gutes Ende genommen. Was im „Exorzist" als Metaphorik auf den Vietnamkrieg anlegt ist, wirkt mit Blick auf Irak im Jahre 2007 betrachtet bei weitem gruseliger als die mit grünem Glibber um sich spuckende, vom Teufel besessene Regan.
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Die 2001 neu aufgelegte Version des Exorzisten beginnt zwar im Gegensatz zur Originalversion mit zwei kurzen Einstellungen in Georgetown, Washington. Aber schon kurz darauf folgt die Eröffnungssequenz in Sinjar und Mossul, im Nordirak, inmitten einer antiken Ausgrabungsstätte. Auf der Kommentarspur zum Film berichtet Regisseur Friedkin von den Dreharbeiten: Als Amerikaner stellte er ein britisches Team zusammen, denn offizielle Beziehungen zwischen den USA und dem Irak gab es 1973 nicht, das Land war eng mit der Sowjetunion verbündet. Auch sechs Jahre vor dem Machtantritt Saddam Husseins 1979 war der Irak bereits eine Baath-Diktatur, Saddam als Vizepräsident bereits der tonangebende starke Mann. Hoffähig wurde er erst durch den Iran-Irak-Krieg zwischen 1980 und 1988, als der Westen den Diktator gegen die verhasste Islamische Republik Iran aufrüstete. Der so gefestigte Saddam ging mit Giftgas gegen sein eigenes Volk vor. Der erhoffte Erretter geriet zunehmend außer Kontrolle und stilisierte sich selbst zum neuen Nebukadnezar. 1991 wurde er militärisch aus dem besetzten Kuwait vertrieben, 2003 flieht er vor Bushs Koalition der Willigen in ein Erdloch, wo der Dämon schließlich mit alttestamentalisch anmutendem Bart aufgegriffen und Ende 2006 von seinen Rächern auf den Galgen gebracht wird.