Die Bilder kontrollieren das Leben Print
von Steffen Wagner   
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Die Bilder kontrollieren das Leben
"Funny Games" - Sadisten mit weißen Handschuhen
"Caché" - Wenn die Kamera zur Waffe wird
Von den Bildern und der Realität

"Funny Games" – Sadisten mit weißen Handschuhen

In „Funny Games“ konstruiert Haneke eine absolute Machtbeziehung zwischen zwei Psychopathen auf der einen Seite und dem Ehepaar Anna (Susanne Lothar) und Georg (Ulrich Mühe) und ihrem Sohn Schorschi (Stefan Clapczynski) auf der anderen. Die beiden jungen Männer Peter (Frank Giering) und Paul (Arno Frisch) weigern sich das abgelegene Ferienhaus der Familie zu verlassen, das sie zuvor unter einem Vorwand betreten haben. Es kommt zur Eskalation: Der Familienvater Georg ohrfeigt einen der Eindringlinge, woraufhin der ihm mit dem Golfschläger das Knie zertrümmert. Das ist der Auftakt für eine Reihe von sadistischen Spielen, in denen Peter und Paul die Familie mit ausgesuchter Höflichkeit psychisch erniedrigen, physisch Foltern und einen nach dem anderen umbringen. Die Asymmetrie zwischen den Parteien ist vollkommen, die Randbedingungen sind so, dass die Lage für die Familie ausweglos ist. Die Grausamkeit der wie in einem Laborexperiment vorgeführten Situationen wird dadurch erhöht, dass diese wie alle Spiele nach Regeln funktionieren sollen, also den Familienmitgliedern Wahlmöglichkeiten suggeriert werden, die es nicht gibt, weil jede Alternative das Leiden verlängert und den Tod nur hinauszögert.

Haneke nutzt das aus dem Theater bekannte Stilmittel des „Beiseitesprechens“, um im Film eine weitere, von der eigentlichen Handlung abgekoppelte Realitätsebene zu schaffen. Dadurch erzeugt er eine Verfremdung, die zwei völlig widersprüchliche Effekte beim Zuschauer erzeugt: Einerseits fühlt er sich enger in die perversen Spiele von Peter und Paul einbezogen und wird so zu ihrem Komplizen andererseits wird das Geschehen auf der Leinwand durch diese zusätzliche Ebene, die Distanz schafft, ansatzweise erträglich. Gleichzeitig ist diese Art der Verfremdung eine implizite Aufforderung an den Zuschauer: Was hier geschieht – Unmenschlichkeit, Folter, Irrsinn – geschieht nur, wenn Du zusiehst. Du kannst es jetzt beenden, wenn Du den Kinosaal verlässt oder die Stop-Taste drückst. Das ist schließlich die ultimative Kontrollmöglichkeit jedes Betrachters. Der Film funktioniert nur wegen dieses künstlerischen und künstlichen Spannungsverhältnisses zwischen Identifikation und Distanzierung. Diese Relation schafft ein Dreieck der Machtverhältnisse zwischen Peinigern, Gepeinigten und den Beobachtern. Eben diese Machtbeziehung ist das Herzstück des Films, während konventionelle Bestandteile wie Charaktere oder Plot rein schematisch angelegt sind.

funny_gruppe_klein.jpgIn der zweiten Hälfte des Films entscheidet sich Haneke für einen radikalen Realitätsbruch. In einer Szene reißt die gequälte Anna ihrem Peiniger Peter das Gewehr aus den Händen und erschießt ihn. In diesem Moment ruft Paul „Nein!“ nimmt die Fernbedienung und lässt den Film zurücklaufen. Beim zweiten Durchlauf behält Peter das Gewehr und das Martyrium geht weiter. In diesem Moment wird Paul von einer Filmfigur, die andere Filmfiguren situationsbedingt unter Kontrolle hat, zu einer Art omnipotentem Gott, der seine eigene Realität schafft. Er kontrolliert die Bilder in einer ganz eigenen Art. Mit ihm verlassen die Zuschauer die Ebene der Filmrealität endgültig. Für den Rest des Films befindet man sich auf der Ebene des „Films im Film“. Was folgt, ist nun nicht mehr Filmrealität im Sinne einer in sich plausiblen Geschichte. Der Fluss der Story ist unwiderruflich gebrochen. Haneke stellt so auch alles bisher Geschehene in Frage. Der Zuschauer wird von der in sich geschlossenen Welt der Filmhandlung auf eine didaktisch abstrakte Ebene einer künstlichen Versuchsanordnung geworfen, die die zuvor genutzten Flimgrenres wie Psychothriller oder Horrorfilms ad absurdum führt.