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Arbeitsmethoden: Tippen, Ficken, Kippen
Ein schönes Beispiel für den Umgang mit dem Geheimnis des Schreibens liefert der Film Factotum von Bent Hamer. Dort sieht man den Schriftsteller Chinaski (Matt Dillon), eine an Bukowski angelehnte Figur, abends nach einem eintönigen Job als Eisblockzerhacker oder Lagerarbeiter am Schreibtisch arbeiten. Doch die einzige Szene, in der man gewissermaßen in den heiligsten Bereich des Tempels vordringt, wo man tatsächlich einen Satz auf dem Papier lesen kann, wurde herausgeschnitten. Diese Szene findet sich nur im Bonusmaterial der DVD. Ein Hinweis darauf, dass man das Mystische abschwächt, wenn man es zeigt? Die Vorstellung von dem, was da aus dem Kopf aufs Papier fließt und später in die Köpfe der Leser gelangt, ist so in jedem Fall aufregender, als banale Buchstaben und Worte, die man auf einem abgefilmten Papier liest. Der Regisseur von Factotum kam außerdem zu dem dramaturgisch richtigen Schluss, dass es langweilig ist, jemanden in billigen Hotels zu zeigen, eine Pulle Schnaps neben sich, der die halbe Nacht auf eine Hauswand starrt und Zettel vollschreibt. Und so zeigt man ihn saufend und vögelnd und in vielen stupiden Jobs, die aber dadurch geadelt werden, dass Chinaski Schriftsteller ist und über den Scheiß schreibt. Sonst wäre er einfach ein versoffener Loser mehr auf der Welt, von dem die Welt nie erfahren würde.
Wenn Chinaski sich für einen neuen Job vorstellt, sagte er immer, „Ich bin Schriftsteller!", aber er redet nie und mit niemandem über seine Arbeit, seine Geschichten oder seine Ideen. Auch da erfahren wir nichts über die Schriftstellerei. Er redet über Pferdewetten und Frauen, die richtige Schnapsmarke und über Filzläuse. Aus dem Off hören wir die Autoren-Stimme: Er kommentiert, was wir sehen, verleiht den Bildern Bedeutung, indem er sie als Literatur kenntlich macht. Ein Kritiker sagte mal: "Bukowski writes like he fucks", was sich auf die Häufigkeit der Sexszenen und die drastische Darstellung mehr oder minder liebloser Rammelei in seinen Büchern bezog. Der Inhalt seiner Texte und offenbar auch die Art, wie er sie verfasste, passen also gut zusammen - Arbeit und Idee, Inhalt und Form finden zu einander. Factotum ist zugleich verfilmte Literatur wie autobiographischer Bericht eines Lebens, das Chinaski/Bukowski sich entschloss zu führen, um ein Schriftsteller sein zu können. Er musste all diese dämlichen Arbeiten machen, damit er sie schriftstellerisch ver-arbeiten kann. Ein autarker Kreislauf aus Lohnarbeit - Leiden/Genießen/Verarbeiten - Lohnrbeit. What a life!
„Arbeit" im bürgerlichen Sinne ist damit der Quatsch, den Chinaski machen muss, um Geld für Schnaps und Papier zu verdienen. Und so landet der Film am Ende dort, wo die meisten Schriftstellerbiopics landen: der Künstler als Getriebener, der gar nicht anders kann als Schaffen.
In The Wonderboys spielt Michael Douglas den alternden, kiffenden Schriftsteller Tripp, der an einem College Creative Writing unterrichtet und schon lange nichts mehr zustande gebracht hat. Sein Lektor kommt zum alljährlichen Buchfest und will dabei auch Tripps neues Werk, an dem er seit seinem letzten und einzigen großen Erfolg vor vielen Jahren noch immer „arbeitet", sehen. Das Wochenende verläuft chaotisch, am Ende wird Tripp als Autor wiedergeboren und ein neuer Autor sowie zwei Bücher und ein Kind werden in der Welt sein. Auch hier arbeiten die diversen Schriftsteller des Films so gut wie nie, zehn Sekunden Michael Douglas, dann wird er über der Schreibmaschine ohnmächtig und fünf Sekunden Tobey Maguire, der ein verschrobenes junges Schriftstellertalent spielt.
Am Ende geht Tripps Manuskript bei einem Unfall verloren und eigentlich ist er froh drum.
Das Bemerkenswerte an The Wonderboys ist, dass wir zumindest ansatzweise etwas über den Schreibprozess und die verschiedenen Wege, je nach Charakter, erfahren, wie so ein Buch entsteht. Da ist der junge Autor, der die Geschichten nur so rausrotzt und der jedem sein Leben als Teil eines Romans erzählt, seine Umwelt nur als Figuren wahrnimmt und wahrlich entrückt wirkt. Und auf der anderen Seite der arrivierte, im Unisystem versumpfte und drogenverlotterte Autor/Professor, der vor lauter Text und Unentschlossenheit am eigenen Roman, der inzwischen weit über 1000 Seiten umfasst, zu ersticken droht (die Ohnmachtsanfälle).
Unter ökonomischen Gesichtspunkten ist die Art wie Tripp arbeitet ohnehin ein Unding, etwas, das jede Unternehmensberatung beim Bereich Effizienz und Produktivität rot markieren würde. Zum Glück wird künstlerische Arbeit noch nicht auf diese Weise bewertet. The Wonderboys versucht sich daran, zu zeigen, warum so mancher Autor eben Jahre braucht und letztlich 1000 Seiten für den Mülleimer schreibt, um dann ein dünnes, aber überwältigendes Bändchen Literatur fertig zu stellen. Nicht weil er nicht arbeiten würde, ja nicht mal weil er faul wäre, eher weil die Arbeit des Schreibens so seltsam ist, dass man leicht darin verloren gehen kann. Der Film ist - vom klassisch überdrehten Autorenimage abgesehen - tatsächlich ein bisschen weise, weil das Leben manchmal ja wirklich so ist wie Tripp es erlebt. "Man muss auch loslassen können" (sagt ein berühmter deutscher Popbarde vor kurzem, als er seine Band auflöste) und dann entsteht Neues. Man muss als Autor etwas hinschreiben und es irgendwann weggeben. Diese beiden Aktivitäten scheinen die größte Herausforderung schriftstellerischer Arbeit zu sein.
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