Schriftstellerleben - nie arbeiten & für immer leben Print
von Christian Westheide   
Seiten
Einleitung
Zu viele Autoren - zu kleine Welt
Arbeiten? Ach woher - Leben!
Der Autor bei der Arbeit
Schriftsteller - Mörder und Hohepriester
Arbeitsmethoden: Tippen, Ficken, Kippen
Alles ist Arbeit

Arbeiten? Ach woher - Leben!

Außer der Häufigkeit, mit der Schriftsteller als Figuren im Film vorkommen, fällt noch etwas auf. Und wieder scheinen die Drehbuchautoren Schuld an diesem Zerrbild. Merkwürdigkeit Nr. 2: Wir sehen Schriftsteller im Film so gut wie NIE bei der Arbeit.

Filmautoren, die in ihren Drehbüchern Schriftsteller eine Rolle übernehmen lassen, tun dies vermutlich aus zwei Gründen: zum einen weil es aus ihrer Sicht - allein und isoliert am Schreibtisch - nahe liegt. Es gibt, das sollte gesagt werden, auch sehr viele Romane, in denen Autoren vorkommen oder sogar die Helden der Geschichte sind. Und wie bei den Fantasiefiguren ihrer Drehbuchkollegen, erfinden sich da Schrifsteller meist ein Traumbild ihrer selbst oder sind zu faul, sich mit anderen Berufen als dem eigenen zu beschäftigen.

hours_l Ein Drehbuchautor muss meist dutzende Fassungen eines mitunter banalen Stoffes anfertigen, der von zig Leuten verändert, „verbessert", letztlich zerpflückt wird. Ein Drehbuch wird oft so sehr umgeschrieben, dass von der Ursprungsidee des „Script-Writers" nicht mehr viel übrig ist. Das wurmt jeden kreativ tätigen Menschen und so manchen treibt es zur Verzweiflung - egal was Drehbuchautoren über die „gegenseitig befruchtende Arbeit mit dem Regisseur, dem Produzenten und den drei bis fünf Co-Autoren" erzählen. Sie sind oft genervt! So etwas wie künstlerische Autonomie gibt es beim Film einfach nicht und so wird für den kreativ weitgehend entmündigten Drehbuchautor, der Schriftstellerberuf eine Phantasmagorie: frei, in voller künstlerischer Kontrolle, ohne nervige Meetings mit Produzententussis und dazu Zeit für ein schönes, wildes, abwechslungsreiches Leben. Drehbuchautoren erfinden sich diese hochaktiven, heldenhaften Charaktere, diese schlauen, reflektierten, schönen, exzessiven, wilden Wesen für ihre Filme, weil ihr eigenes Leben so ganz anders, so verdammt normal und ihre Arbeit - obwohl in der Filmbranche - so wenig Glamfaktor und Ansehen hat wie die der Beleuchter. Mal ehrlich, wer kennt mehr als drei Namen von Drehbuchautoren? Ach, Schriftsteller müsste man sein! Die Drehbuchautoren, die Schrifsteller, die Kinozuschauer - alle wollen das glauben.

Und deshalb tauchen auf der Leinwand all diese weiße Leinenanzüge tragenden, trinkenden Autoren-Machos sowie die Frauen verschlingenden Witzbolde auf. Deshalb sehen wir im Kino schriftstellernde Widerstandskämpfer, wir sehen intellektuelle Feingeister, die in Abenteuer aller Art geraten, wir sehen drogenvernebelte Genies, Gammler und Bohemiens, wir sehen Schriftsteller mit übersinnlichen Fähigkeiten und detektivischem Talent, wir sehen glückliche oder tieftraurige, in jedem Fall wunderbar intensiv lebende und fühlende Menschen die dem Ideal der Selbstbestimmung und Freiheit sehr nah kommen. Und das Verrückteste: all diese Figuren scheinen nie zu arbeiten! Diese Tabelle zur Verdeutlichung:

tabellefilme

Diese Liste ist beliebig lang fortsetzbar: während Detektive, Polizisten, Ärzte, Krieger, Politiker, Soldaten - um nur einige der spannenden Filmberufe zu nennen - in Filmen vor allem das machen, was ihr Beruf ist, zeigen Filme über Schriftsteller vor allem eins nicht: Was sie in ihrem Beruf machen. Sie zeigen dagegen, wie großartig oder tragisch Schriftsteller leben, aber keine Arbeit, kein Haareraufen, kein Schreiben, kein weißes Blatt, keine langweiligen Sitzungen mit Lektoren und windigen Agenten, keine Lesungen vor fünf nicht-zahlenden Zuhörern, keine verpfuschten Schreibnächte, deren Ertrag außer dem Kater ein Satz ist, den der Autor am Morgen wieder durchstreicht. Was wäre das für ein Film, der 90 Minuten lang einen veritablen „Writersblock" auf die Leinwand bringt, so wie er sich darstellt:  ein Typ der nicht schreibt und nichts anderes. Das ist so wenig romantisch und ansehnlich wie ein Mann, der sich mit Fußpilz plagt.

„Genie ist 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration", hat Edison angeblich gesagt. Und so ist es besonders verwunderlich, dass man im Kino zwar all diese Schriftsteller-Genies zeigt, dass diese aber nie arbeiten, sondern allein von ihrer Inspiration getragen durchs Leben schweben und dabei reich und berühmt werden oder arm und berühmt an ihrer Kunst zugrunde gehen. Was ja auch schon was ist - jedenfalls aus Sicht eines nach Drama suchenden Drehbuchautors.