New York Kolumne: Film ist schön Print
von Sascha Just   
Film, nein Kunst ist schön, aber macht viel Arbeit. So oder ähnlich sprach Karl Valentin, und der hatte ja öfters recht. Beim Film aber fängt die Arbeit schon an, bevor man überhaupt Arbeit hat - bestätigt mir ein Berliner Filmemacher, der sich auf Recherchereise in New York befindet.

Wir sitzen im Yaffa, dem buntesten Restaurant im East Village, auf Plastikstühlen mit Kuhfellmuster und sind zur Abwechslung mal ganz entspannt. Mein deutscher Kollege hat nach etlichen Emails, Telefonaten und persönlichen Besuchen eine New Yorker Künstlergruppe überzeugt, sich von ihm dokumentieren zu lassen. Das war nicht einfach, das ist ein Erfolg; jetzt fehlen nur noch die Finanzen. Und so schwelgen wir unter den freundlichen Blicken fliegender Putten in der Herrlichkeit des Mediums Film. Wenn stört es schon, dass man Interviewopfern hinterher rennen, mit Behörden um Drehgenehmigungen verhandeln und Bürokraten um Gelder bitten muß, die sich erst erschließen, wenn die fertigen Filme bereits über die Leinwand flimmern? Wen stört das schon, wenn doch nur am Ende die Bilder laufen? Aber wenn Film so schön ist, fragen wir uns schließlich, kann es dann überhaupt Arbeit sein?

In New York gilt Film vorrangig als big business. Nicht umsonst wird das TribeCa Filmfestival - berühmt für hippe Werbespots - von American Express gesponsert und setzt sich gerade deshalb jedes Jahr aufs Neue der Kritik aus, Mainstream zu fördern. Dieses Jahr verärgerte das Festival, das ursprünglich Lower Manhattan in den Blickpunkt rücken wollte, weil viele Screenings nicht mehr in TribeCa, sondern in Chelsea stattfanden. Aber Hauptsache, das Festival bleibt in New York.

Denn New York, Heimat der Workaholics, wo Zeit wirklich Geld ist und Hektik als Tugend gehandelt wird; New York, Stadt der Städte, die niemals ruht und immer rast (weil die meisten Bewohner zwei Jobs zum Überleben brauchen); New York, der selbstverliebte, angekaute Apfel: New York will auch in der Filmindustrie alle anderen übertrumpfen und kämpft deshalb unerbittlich um jede Produktion mit seinem ewigen Konkurrenten Hollywood und dem ebenfalls nicht mehr ganz neuen Rivalen Miami. Dabei hat New York einige Tiefschläge wegstecken müssen, besonders nach dem 11. September.

Die Statistik auf der Website des Mayor's Office for Film, Theatre and Broadcasting weckt düstere Erinnerungen an stille Straßen und arbeitslose Filmcrews. Entgegen allen Solidaritätsbekundungen wagten damals nur noch wenige, in New York zu investieren. Die Versicherungssummen schossen in unbekannte Höhen, und so waren im Jahr 2002 die meisten Filmschaffenden auf Jobsuche. Mit dem Maklerschlagwort "location, location, location" hat sich die Stadt allerdings wieder gerettet - denn die eigentlich zu Tode gefilmte Skyline findet immer ihr Publikum.

Law & Order, die (ohne Übertreibung!) beliebteste Krimiserie aller Zeiten, war lange Jahre der Hauptarbeitgeber für unzählige New Yorker Schauspieler; jeder halbwegs professionelle Lebenslauf verweist auf das berühmte L & O. Mit den Sopranos nahm die Mafia aus der Nachbarschaft gemütlich auf dem Sofa Platz; Sex in the City ist nett, weil man die Cafés, in denen die Damen ihre Lover betratschen, selber besucht; und Spider-Man 2 und 3 gefielen, weil die Filme die Stadt mal von einer anderen Seite zeigen - von oben eben, an die Hauswand geheftet. Vor kurzem brachte Die Hard 4 mit dem nicht mehr ganz frischen Bruce Willis Geld und Aufregung. New-Jersey-Boy Bruce gab sich in Interviews zur New Yorker Premiere cool - und konnte doch seine Freude, hier noch einmal mehrere Millionen einzustreichen, kaum verbergen.

"Aber geht es denn wirklich nur um Sex, Geld und Action? Wir sind doch hier nicht in L.A.!", rufe ich in den Cyberspace und erhalte als Antwort eine Einladung zu Speakeasy Cinema, wo Filme vorgeführt und als Kunstwerke (keinesfalls als Industrieprodukte!) besprochen werden. Diesmal ist Cassavetes' Minnie and Moskowitz an der Reihe - eine etwas verstörende Liebesgeschichte mit Gina Rowlands, die übrigens an der Westküste spielt... Nach der Vorführung befrage ich einen Regisseur, eine Drehbuchautorin und eine Schauspielerin: Ist Film nun Arbeit oder nicht?

Das Thema trifft einen Nerv. Natürlich, sagt der Regisseur kategorisch, Filmemachen ist Arbeit, so hart, dass es schon ein Erfolg ist, wenn man nur dazu kommt, einen Fehler zu machen! Alle drei widmen sich dem Filmemachen aus purem Enthusiasmus . Sie sprechen von seelischer Erfüllung und Adrenalinstößen, obwohl die Autorin eingesteht, daß sie beim Schreiben hauptsächlich Panik fühlt. Das ist ihr verständlicherweise lieber als die permanente Teilnahmslosigkeit, die sie bei ihrem dayjob (immerhin bei einer Filmfirma) empfindet. Auch die Schauspielerin leidet: Sie ist Bartenderin, und erzählt traurig, daß sie mehr Respekt fürs Gläserauffüllen erfährt als für die etlichen Low-Budget-Filme, in denen sie auftritt. Selbst ihr Sexappeal, meint sie, gelte hinter der Theke höher als vor der Kamera. Dem Regisseur sind frühere Nebenjobs als reine Gefängniserfahrungen in Erinnerung geblieben, und so setzt er alles daran, von seinen Filmen zu leben. Wie stellt er das an, möchte ich wissen. Und überhaupt: Wo finden New Yorker Filmschaffende eigentlich ihre Aufträge? Bei dieser Frage halten sich die drei bedeckt: "Das ist eine lange Geschichte", "kommt drauf an", "ich mach mir selber Arbeit".

Auf einer Networkingveranstaltung der Cinewomen - einer Organisation für Frauen in der Filmindustrie - verfolge ich die Frage weiter. Wir sitzen in netter Runde, und tauschen Visitenkarten aus. Jede der Anwesenden wirkt begabt und fest entschlossen, ihren neuen Film auf die Beine zu stellen; die Projekte sind alle irgendwie interessant, aber für kommerzielle Auswertung nur schwierig zu gebrauchen. Immerhin erfahre ich, wie andere Filmschaffende ihre Zeit verbringen, wenn sie keine Arbeit haben: Sie gehen mit ihren Ideen shoppen - working it nennen das die Amerikaner -, und sie nehmen an Workshops teil.

Es gibt für alles Workshops: Fürs Exposéschreiben, Drehbuchschreiben, Schauspielführung, fürs Schauspielen vor der Kamera, Schauspielen ohne Kamera, Schnitt, Internetpromotion, Networkingstrategien, spirituelle Erfüllung bei der Filmarbeit und natürlich für Workshopgestaltung. Jede Woche fliegen mir per Email wenigstens zehn Angebote entgegen.

Ich entscheide mich für einen Drehbuchworkshop. Doch meine vorsichtige Anfrage, ob ich als Filmfinderin still dabei sitzen dürfe, wird entschieden und eher empört abgelehnt. Die Arbeit der Autoren muß im Entwicklungstadium vor der Öffentlichkeit geschützt werden - wer möchte schon die Rohversionen seiner Manuskripte in Kolumnen beschrieben wissen? Die Arbeit von Filmschaffenden ist manchen eben doch noch heilig.

Mehr Glück habe ich bei der nächsten Filmveranstaltung - sie feiert einen Europäer. Dieser ist aus Polen, heißt Przemyslaw Wojcieszek und hat Workshops nicht mehr nötig. Das Graduate Center der City University hat geladen, um Ausschnitte seiner Filme und Theaterstücke vorzuführen, und große Teile der polnischen Community und einige kunstbegeisterte New Yorker sind dem Aufruf gefolgt.

Sie schauen und lauschen mit geradezu religiöser Ernsthaftigkeit. Wojcieszek dagegen zeigt sich heiter. Er hatte lange Zeit Schwierigkeiten, Förderung für seine Filme zu erhalten, die kritische Bilder eines modernen, konsumverrückten Polens zeichnen. Um nicht nur für die Schublade zu schreiben, hat er seine Drehbücher kurzerhand für die Bühne umgearbeitet, und überraschte sein Theaterpublikum mit rasanten, leinwandtauglichen Szenenwechseln - Kino auf der Bühne eben.

Dieser geniale Schachzug hat Wojcieszek berühmt gemacht und ihm die Türen der polnischen Filmförderung geöffnet. Ein Glück, denn die amerikanischen Methoden der Selbstfinanzierung findet er eher schockierend. Auch der fixe New Yorker Diskussionsstil scheint ihm fremd, und so ist der Question & Answer Teil des Abends für einen jungen Regisseur überraschend ausführlich. Wojcieszek spricht von seinem Verhältnis zu Gott genauso bereitwillig wie über Bogus, den jungen Protagonisten seines Stückes Made in Polen, der seinen Job quittiert hat und jetzt Autos zertrümmert, weil er den Konsumwahn im Zeichen von Starbucks und BMW nicht mehr mitmachen will. Das Publikum ist angetan. Bei Käse und Wein gleitet die Diskussion dann angenehm zu Mingling über (einer sanften, dem kultiviertem Umfeld entsprechenden Form des Networkings), wobei zwei Arbeits- und vermutlich Obdachlose das Buffet mit Beschlag belegen.

Wojcieszek scheint den Abend eher als exotischen Ferientrip denn als Arbeitstreffen zu genießen. Der Hunger amerikanischer Schauspieler nach Rollen ist ihm nicht ganz begreiflich, und so hält er das sehr ernst gemeinte Anliegen einer Schauspielerin (die durch Fernsehfilme, selbstverständlich L& O, ihren Lebensunterhalt bestreitet), mit ihm in Polen zu drehen, für einen charmanten Witz. Zum Abschied sagt er mir, dass ihm die Filmwelt schon fast zu wohlgesonnen sei, denn im nächsten Jahr wird er drei Filme drehen. "Crazy", sagt er, "so much work." Und schlägt sich vor den Kopf.

Den wahren Wahnsinn des Filmemachens lerne ich zwei Wochen später beim Human Rights Watch Festival im Lincoln Center kennen. Miroslaw Dembinski, noch ein polnischer Filmemacher, hat sich nach New York aufgemacht, um Lesson in Belarusian vorzustellen, seine bewegende Dokumentation über weissrussische Jugendliche, die sich gegen die Allmacht des Präsidenten Lukaschenko wehren.

Da die Pressefreiheit in Weissrussland auch für Ausländer eingeschränkt ist, mußte sich Dembinski beim Dreh sehr findig zeigen. Als ihm die Einreise nach Weissrussland verwehrt wurde, blieb er an der Grenze stehen und gab seiner Crew in Minsk einfach per Handy Regieanweisungen, wie er mit einem verschmitzten Lachen erzählt. Leider kann er nicht für längere Gespräche bleiben. Es ist sein zwanzigster Hochzeitstag, und den möchte Dembinski lieber mit seiner Frau in der Metropolitan Opera als mit Diskussionen über Filmarbeit verbringen. Einer jungen Verleiherin gelingt es gerade noch, ihm ihre Visitenkarte zuzustecken.

Lesson in Belarusian - beinah blind gefilmt und dennoch ein Triumph. Beim Film ist wirklich alles möglich, ob das nun Arbeit ist oder nicht. Und das ist so schön, dass ich mich sofort an meinen nächsten Dreh mache.