Wolken ziehen vorüber Print
von Elvi Plitt   
Seiten
Einleitung
Das Mädchen aus der Streichholzfabrik
Ariel
Wolken ziehen vorüber
Der Mann ohne Vergangenheit
Lichter der Vorstadt
Fazit

Ariel 

Als Mittelstück seiner sogenannten "Proletarischen Trilogie" (bestehend aus "Ariel" (1988), "Schatten im Paradies" (1988) und "Das Mädchen aus der Streichholzfabrik" (1989)) beschäftigt sich Kaurismäki auch in "Ariel" mit den Themen Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg. Genau wie die beiden anderen Teile der Trilogie, ist auch "Ariel" eine bittere Abrechnung mit dem Wohlfahrtsstaat und dessen Verfall. Am Beispiel des ehemaligen Bergarbeiters Taisto zeigt Kaurismäki, wie schnell sich sozialer Abstieg vollziehen kann:

arbeit_k_ariel_l Nachdem das Bergwerk, in dem sowohl Taisto als auch sein Vater gearbeitet haben, geschlossen wird, erschießt sich der Vater von Taisto quasi vor dessen Augen in der Toilette der gemeinsamen Stammkneipe. Zuvor hat er seinem Sohn noch den Schlüssel für sein weißes Cadillac-Cabrio gegeben und ihm den Ratschlag erteilt, irgendwo anders hinzugehen und dort Arbeit zu suchen. Taisto hebt daraufhin seine gesamten Ersparnisse ab und fährt mit offenem Verdeck (das Cabrio ist schon ein wenig altersschwach) durch eine winterliche Schneelandschaft nach Helsinki. Kaum dort angekommen, wird er sofort ausgeraubt und ist nun vollkommen mittellos. Er nimmt notgedrungen einen Job als Tagelöhner am Hafen an und schläft in einer Obdachlosen-
unterkunft. Zwar lernt er bald die Mehrfachjobberin und Aushilfspolitesse Irmeli kennen, mit der er zusammenbleibt, aber seine eignen, zahlreichen Versuche, auf ehrliche Art seinen Lebens-
unterhalt zu verdienen, sind aufgrund der wirtschaftlichen Lage in Helsinki zum Scheitern verurteilt. Als Taisto schließlich bei dem Versuch, sein gestohlenes Geld zurückzuerlangen, ins Gefängnis kommt, ändert er seine Taktik. Er bricht aus, überfällt eine Bank, erschießt zwei Mittäter und schifft sich mit dem Geld, seiner Geliebten und deren Sohn auf der »Ariel« ein, die sie in eine bessere Zukunft in Mexiko bringen soll.

Kaurismäki zeigt am Beispiel von Taisto und Irmeli ohne Betroffenheitsgestus eindrucksvoll, dass es gelingen kann, auch unter härtesten sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen so etwas wie Würde zu bewahren. Wenn Taisto im Schlafsaal des Obdachlosenasyls neben seinem Bett ein gerahmtes Bild aufhängt, dann ist das bei Kaurismäki nicht kitschig, sondern einfach nur beeindruckend. Ebenfalls unvergesslich bleibt die Szene, in der sich Taisto und Irmeli nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht in einem extrem wortkargen Dialog darauf einigen, von nun an für immer zusammen zu bleiben.

Souverän spielt der Regisseur in "Ariel" mit verschiedensten Filmgenres. Was mit Industrieaufnahmen als realistischer Arbeiterfilm beginnt, schwenkt mit dem Selbstmord des Vaters kurz zur Sozialstudie, wird dann vom Road Movie zur Liebesgeschichte und endet schließlich irgendwo zwischen Gefängnismelodram und Krimi. Auch der Einsatz der Musik ist genauestens durchkalkuliert. Die alten, traurigen Schlagertexte werden zum Sammelpunkt der unausgesprochenen Sehnsüchte und Wünsche der wortkargen Hauptfiguren und ersetzen ihre verbale Kommunikation.