Killer als Beruf und Berufung Print
von Steffen Wagner und Tiziana Zugaro-Merimi   
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Killer als Beruf und Berufung
Ikonen der Popkultur
Spiritueller Krieger
Mörderische Ich-AG
Coolness durch Integrität
Ehrenkodex war gestern

Spiritueller Krieger 

Ghost Dog erhält seinen Antrieb ebenfalls aus dem Kodex der alten japanischen Krieger. Aber als Vertreter der hippen nordamerikanischen Rap-Fraktion ist seine Bibel das Buch Hagakure - die Schriften eines Samurai aus dem 18. Jahrhundert, die Kommentare zu Bushido enthalten. Ghost Dog nimmt den Kodex der Samurai ernst. Spirituelle Spezereien wie

Der Weg des Samurai findet sich im Tod.
Jeden Tag ohne Ausnahme sollte sich der Samurai als tot betrachten.
Das ist das Wesen des Weges des Samurai."

sind für ihn eine Quelle der Inspiration und der guten Lebensführung. Auch er hat ein Faible für Vögel - in seinem Fall ein gutes Dutzend Brieftauben, mit denen er sich ein Hausdach teilt, und die den Kontakt zu seinem Auftrageber sicherstellen. Die Brieftauben sind - im Gegensatz zu Costellos Piepmatz - keine Symbole für Gefangenschaft, sondern für Freiheit. Immer wieder sieht man sie gen Himmel flattern, und Ghost Dog schaut ihnen mit einem versonnenen Lächeln nach wie ein stolzer Papa die ersten Schritte seines Kindes betrachtet. Kanarienvögel wurden früher in Kohlegruben eingesetzt, um die Bergleute vor dem Austreten von tödlichem Gas zu warnen, indem sie tot von der Stange kippten - und tatsächlich „warnt" der Kanarienvogel Costello schließlich vor dem Eindringen der Polizei in seine Höhle. Die Taube dagegen steht für Frieden und Hoffnung. Ghost Dog, der Killer, ist umgeben von lebensbejahenden Symbolen.

ghost_dog_hundIm Gegensatz zu Costello hat Ghost Dog eine Vorgeschichte, die seine Existenz als Hitman erklärt. Aus Dankbarkeit ist er dem heruntergekommen Mafioso Louie (John Tormey) verpflichtet, für den er in vollkommener Loyalität todbringende Aufträge erledigt. Louie hat ihm in der Jugend einmal das Leben gerettet - so erinnert sich zumindest Ghost Dog selbst. In einer alternativen Rückblende aus Joeys Perspektive erscheint die Situation aber eher, als hätte der Mafioso damit seine eigene Haut gerettet. Ähnlich wie der japanische Klassiker Rashomon - auch eine Lieblingslektüre von Ghost Dog - bietet Jarmusch hier verschiedene Interpretationen desselben Ereignisses an, ohne sich für eine „wahre" Version zu entscheiden. Ghost Dogs Berufung und Selbstbild wird so ganz subtil in Frage gestellt - wobei jedoch der Eindruck entsteht, dass Ghost Dog selbst an seine Interpretation glaubt, und das ist alles, was zählt. Er hat sich - sozusagen - seinen Job durch Autosuggestion selbst geschaffen.

Ghost Dog sieht zwar aus wie ein Rapper und fährt im coolen Luxus-Lexus, den er zuvor mit elektronischen Gadgets geknackt hat, zu seinen Aufträgen, aber seine Werte sind die des alten Japan, wie sie seit dem 11. Jahrhundert entstanden sind. Ganz in seiner Zeit verankert, aber aus heutiger Sicht sehr viel altmodischer wirkt dagegen Delon, wie er sich mit einem fetten Hausmeisterschlüsselbund ans Knacken eines Zündschlosses macht. Natürlich verschreibt sich auch Ghost Dog der Einsamkeit, kommuniziert mit den verwirrten Mafiosi per Brieftaube und übt sich auf dem Dach eines heruntergekommenen Hauses, wo er alleine mit seinen Tauben lebt, im Schwertkampf. Seine einzigen Freunde sind ein Eisverkäufer, der nur französisch spricht, und ein kleines Mädchen, mit dem er sich über Literatur unterhält. Ghost Dog ist kein gewöhnlicher Killer, er ist der loyale Gefolgsmann eines Herrn und tötet aus Berufung.