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Die Aufklärung wird gerne als Licht verstanden, welche das Dunkel des Mittelalters zurückdrängte. Der Aufklärung ging es darum, die geistigen Fähigkeiten des Menschen zu entwickeln und über alles zu stellen, der Aberglaube sollte endlich von der Wissenschaft besiegt werden: der menschliche Geist sollte zum Herrscher der Welt, der Menschen und auch des Körpers werden. Der Blick des aufgeklärten Menschen ist klar und geht weit, er überschaut die Dinge, von denen er redet. Ästhetisch (aber auch für die Konzeption von Wissen und Erfahrung) wird die Zentralperspektive zur Leitvorstellung und zum bestimmenden Merkmal. Die Elemente des Bildes werden nicht mehr nach Bedeutung gemalt, sondern streng nach dem Vorbild einer mathematisch-rationalen Natur modelliert: vorne der Vordergrund und hinten eben der Hintergrund. „Ich denke, also bin ich“, hielt Descartes fest und gab damit eine über Jahrhunderte dominante Weltvorstellung vor.
Der Nebel ist, neben Schatten und Dunkelheit, ein klassisches Element von Horrorfilmen und Thrillern, also genau jenen Filmen, die mit Spannung und Überraschungseffekten ihre Zuschauer in ihren Bann zu ziehen, zu ängstigen versuchen. Er eignet sich hervorragend, ein Gefühl von Bedrohung zu provozieren, denn mit Auge und Ohr sind im Nebel gleich die beiden wichtigsten menschlichen Sinnesorgane entscheidend behindert. Wer im Nebel gefangen ist, irrt ziel- und orientierungslos umher wie Woddy Allen in „Shadows and Fog“, auf der Suche oder der Flucht vor etwas, vor allem aber ohne Über- oder Durchblick.
Selten wird so viel genebelt wie in Horrorfilmen, zu dessen Meistern John Carpenter mit seinem Klassiker „The Fog“ gezählt werden muss. Eindringlich nimmt darin der Nebel langsam vom Land Besitz. Vom Meer kommend schiebt sich nachts die leuchtend weiße Nebelwand langsam auf das kleine, verschlafene Küstenstädtchen zu, das nicht nur eine Menge netter Menschen, sondern auch ein dunkles Geheimnis verbirgt. Als Zuschauer haben wir längst gesehen, welch grauenerregende Monster sich im Nebel verbergen und was sie mit den Menschen anrichten, die vom Nebel gefangen und getötet werden, aber wir müssen hilflos wie die in ihrem Leuchtturm gefangene Radiomoderatorin zuschauen, wenn es geschieht. Die heimtückische, weil unaufhaltbare, wabernde, weiße Wand ergreift Besitz vom Land und tötet seine Bewohner. Verzweifelt muss die Radiomoderatorin zusehen, wie die Stadt im Nebel versinkt, ihre Warnungen verhallen ungehört im Äther. Die einsamer Ruferin, die Stimme der Vernunft, kann von ihrer herausgehobenen Position nichts bewirken. Wunderbar die Hilflosigkeit eines den Überblick bewahrenden aber zugleich außenstehenden Beobachters, die verzweifelte Abgeschiedenheit des externen Beobachters, des aufgeklärten Menschen im Angesichts des im Nebel verkörperten Anderen, des verdrängten schlechten Gewissens, eine Bedrohung des eigenen Lebens.
Dem Nebel in „The Fog“ kann nichts in den Weg gestellt werden, er dringt durch Schlitze und Türschlösser und die in ihm verborgenen Toten holen sich die Lebenden. Sogar die Moderatorin im Leuchtturm ist schließlich bedroht, flüchtet immer weiter nach oben, bis sie auf dem Dach des Turmes nicht weiter kann. Kein technisches Gerät kann vor dem Nebel schützen, gleichwohl gibt es in The Fog, wie auch in der harmlosen Komödie Shadows and Fog, sehr wohl einen Ausweg. Denn als das Unrecht gesühnt und das Verdrängte ans Tageslicht und in die Sprache gekommen ist, beginnt der Nebel sich zu lichten. Der Weg aus dem Nebel führt direkt in diesen hinein. Wer sich auf die Spielregeln des Nebels einlässt, übersteht die Bedrohung, dringt in eine Welt neuer Erfahrungen vor („Gorillas im Nebel“). Wer die Bedrohung und Limitationen des anderen Zustands nicht aus seinem Leben ausschließt, sondern annimmt, der kann sich frei bewegen, für den wird der Nebel Heimat, vielleicht sogar ein Schutzraum, in dem man sich verbergen kann.
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